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ISPOL-Logbuch3: 14.-15. November 2004

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 23.08.2007 14:45

Die Eiskante, endlich! Es ist gar nicht mal die Sehnsucht nach ihrem Arbeitsplatz für die nächsten Wochen, welche die Wissenschaftler an Bord freudig stimmt.

Zwischen unserer Position kurz vor dem 60. Breitengrad und unserem Ziel direkt an der Schelfkante liegen immerhin noch exakt 1000 Seemeilen - gemessen am 15.12.; 8.15 Uhr. Nein, es ist die ruhige Fahrt, die viele aufatmen lässt. Der Wandel zum Bessern deutete sich schon einige dutzend Seemeilen vor der Eiskante an. Zwar wühlte ein ausgewachsener Sturm noch gestern (13.12.) mit Stärke 9 die See auf, aber Polarstern lag ruhiger, man könnte sagen: "magenfreundlicher", im Wasser als davor. Mit anderen Worten: Bei deutlich geringeren Windstärken um 5 war es spürbar unangenehmer als bei den heftigen um 9, die das Wasser 20 Meter hoch bis zur Brücke peitschten. Die Erklärung für das scheinbare Paradoxon: Die noch verbliebene Strecke zwischen uns und der Eiskante war zu gering, als dass sich eine Dünung - charakterisiert durch lange Wellen - hätte aufbauen können. Und Dünung ist das, was den menschlichen Gleichgewichtssinn aushebelt. Im Eis ist so gut wie kein Seegang. Das Wohlbefinden steigt.

Natürlich gibt es eine Reihe von Gründen, sich auf die eisige Weite zu freuen. Um nur ein paar augenfällige zu nennen: Zügelpinguine, die die Köpfe zusammenstecken, wenn Polarstern sich ihren Weg bricht, die ersten Schneesturmvögel, schlohweiss und ebenso antarktisch wie Pinguine und Krabbenfresserrobben. Keiner sieht die gewandten Flieger lieber als Hauke Flores, der sich an Bord wissenschaftlich um Wirbeltiere kümmert. Und es wäre ihm durchaus recht, wenn sich ein Exemplar zur Magenuntersuchung anböte. Flores möchte den Verdacht der Wissenschaft erhärten, dass Krill nicht unangefochten und quasi-exklusiv das Hauptglied der anatarktischen Nahrungskette ist. Etliche warmblütgige Fleischfresser gedeihen auch da, wo Krill nie oder nur saisonal vorhanden ist.

Die Wissenschaftler an Bord sind mit vielen Thesen und Hypothesen angereist - und auch das Wort "Rätsel" weisen sie nicht indigniert als unwissenschaftlich zurück. Manche Frage ist gerade deshalb spannend, weil sie der Wissenschaft die kalte Schulter zeigt. Grüne Eisberge zum Beispiel. Schon am ersten Tag im Eis vermeldet der Rudergänger so einen obskuren Drifter. Und während sich noch auf der Brücke (die auf Polarstern sympathischerweise fast rund um die Uhr für alle offen ist) eine Expertenrunde bildet, treiben zwei, drei nicht minder grüne vorbei. Ein grüner Eisberg ist das, was ein Saphir unter Glassplittern ist. Man weiß zwar, dass Grünlinge nicht wie alle anderen Eisberge aus dem verpressten, abgebrochenen, uralten Schnee Antarktikas bestehen sondern aus Meereis. Aber das allein erklärt nicht die grüne Farbe. Algen als Farbgeber kann man ausschließen. Aber was dann? Eingelagerte Mineralien...? Oder nur Lichtbrechungseffekte infolge besonderer Kristallstrukturen des Eises?

Die Diskussion hat sich festgefahren, genau wie wenig später Polarstern. Der nördliche Eisrand ist stark angetaut, das Eis ist pappig und klebt am Rumpf des Forschungseisbrechers fest wie Eischaum am Schneebesen. Außerdem bremst eine dicke Schneeauflage. Langsame Fahrt, viel Vor und Zurück. Die Verzögerung gibt den Eisexperten reichlich Zeit, in aller Ruhe Bohrkerne auf einer Riesenscholle querab zu ziehen, nur einen kurzen Hubschraubersprung entfernt. Und dann geschah da noch eine dieser sympathischen Weitererzähl-Anekdoten, von denen Polarstern bis hinauf zum Krähennest virtuell vollgestopf ist. Die Mannschaft, die Eiskerne bohren sollte, flog ohne Bohrer ab. Möglicherweise quälte sich, während diese Schmonzette geschah, an irgend einem deutschen oder holländischen Gymnasium, runde 12000 km nördlich von hier, eine Schülerin im Bioleistungskurs, eine künftige Eisalgenexpertin, der in neun Jahren an Bord der Polarstern exakt diese Geschichte erzählt werden wird. Der Bohrer wird hinterher gehubschraubt - ohne Zusatzkosten, weil sowieso ein zweiter Flug nötig war - und es gibt erstes Futter für die Labors der Eisalgen-, Chemie- und Zooplankton-Experten. Die Kerne müssen langsam bei 4 Grad plus schmelzen. "Kontrollierte Kernschmelze" wie man sie gern hat.

Zitat des Tages: Thomas Feiertag, Winden-Elektroniker, kommt auf die Brücke und betrachtet sich eine Weile das Vor und Zurück, während Polarstern sich mühsam durch die durchfeuchteten, schneebedeckten Schollen schiebt: "Wenn ihr einen Eisbären seht, dann heißt das, dass ihr euch verfahren habt."

Claus-Peter Lieckfeld