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Jahre ohne Sommer

erstellt von eschick zuletzt verändert: 17.02.2014 16:26

Gießener Forscher lösen das Rätsel um das „Jahr ohne Sommer“ 1816. Die damalige Hungersnot prägte auch den Chemiker Justus Liebig. Heutzutage können die Erkenntnisse dabei helfen, die Nahrungsmittelsicherheit zu verbessern.

Monsun in Kambodscha im Juli 2007. (Bild: Julie Rigsby/Wikimedia Commons)Historische Aufzeichnungen belegen, dass auf starke tropische Vulkanausbrüche oft ein regenreicher Sommer in Mitteleuropa folgte. Diese „Jahre ohne Sommer“ führten immer wieder zu katastrophalen Hungersnöten, zuletzt 1816 nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815. Ein internationales Forschungsteam, zu dem auch der Geograph Prof. Dr. Jürg Luterbacher von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) gehört, hat jetzt erstmals eine Verbindung zwischen den Vulkanausbrüchen und den zusätzlichen Sommer-Regenmengen hergestellt. Es ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich weit voneinander entfernte Orte gegenseitig klimatisch beeinflussen können.

Starke tropische Vulkanausbrüche schwächen die Monsune und können in Teilen Europas zu verregneten Sommern führen. (Grafik: S. Brönnimann)Zwar ist bekannt, dass Vulkanausbrüche zu einer Abkühlung führen - woher die zusätzlichen Niederschläge kommen, war allerdings bisher rätselhaft. Eine jetzt publizierte Studie in der renommierten Zeitschrift „Journal of Climate“ zeigt, dass der afrikanische und asiatische Monsun der entscheidende Faktor sein könnten. Das Team untersuchte die Auswirkungen von 14 starken tropischen Ausbrüchen der letzten 400 Jahre auf das Sommer-Klima in Europa und in den Monsunregionen. Durch die Ausbrüche gelangen große Mengen Aerosole in die Stratosphäre – mikroskopisch kleine Partikel, welche das einfallende Sonnenlicht reflektieren. Durch die verminderte Sonneneinstrahlung nach Vulkanausbrüchen und die damit verbundene Abkühlung der Kontinente wird der Monsun schwächer. Das führt nicht nur zu Dürren im Sahelraum, sondern auch zu einer Südwärtsverlagerung der Tiefdruckgebiete über dem Atlantik und zu verstärkter Gewitterbildung. Dieser Vorgang könnte die erhöhten Niederschläge im südlichen Mitteleuropa und dem nördlichen Mittelmeerraum plausibel erklären.

 

Hungersnöte und Nahrungsmittelsicherheit


Ladakh in Indien während des Monsunregens. (Bild: deeptrivia/Wikimedia Commons)1816 gab es nach dem verregneten Sommer auch in Deutschland verbreitet Hungersnöte. In Bayern beispielsweise gingen die Erträge um 30 bis 50 Prozent zurück, in Württemberg sprechen obrigkeitliche Quellen von 20 bis 50 Prozent. Auch der Chemiker Justus Liebig, der Namensgeber der Universität Gießen, hat die Not der Jahre 1816/17 erlebt, die mitverantwortlich waren für die Massen-Auswanderung Anfang des 19. Jahrhundert. Sein Hauptinteresse während seiner Gießener Zeit galt der Förderung der Landwirtschaft mit dem Ziel, solche verheerenden Hungersnöte zu verhindern. Der von ihm entwickelte Dünger verbesserte die Ernte und dadurch die Nahrungsversorgung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts außerordentlich.

Die Erkenntnisse der Studie haben auch für die Gegenwart einen ganz praktischen Nutzen, wie der Forscher festhält: „Periodische Regenfälle im Zuge des Monsuns sind wichtig für die Nahrungsmittelsicherheit in vielen Teilen der Welt. Große Vulkanausbrüche sind zwar sehr selten, aber sie helfen uns, die verschiedenen Monsunsysteme besser zu verstehen“, sagt Luterbacher.


Quelle: Justus-Liebig-Universität Gießen, Februar 2014