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Kurzsichtige Klimapolitik

erstellt von eschick zuletzt verändert: 21.04.2016 14:13

Je länger die Welt mit ehrgeiziger Klimapolitik wartet und je weniger Technologien sie dafür einsetzen will, desto mehr gefährdet sie auch die anderen UN-Nachhaltigkeitsziele. Das zeigt eine Studie des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. „Alle UN-Nachhaltigkeitsziele bilden ein komplexes Gebilde. Wer an einer Schraube dreht, sollte die komplizierte Mechanik verstehen lernen“, sagt Christoph von Stechow vom MCC. Als Leitautor hat er zusammen mit einem Team internationaler Wissenschaftler die Studie unter dem Titel „2°C and SDGs: United they stand, divided they fall?“ im renommierten Fachmagazin Environmental Research Letters veröffentlicht.

Maisfeld in Südafrika: Der umstrittene Kraftstoff Bioethanol entsteht z.B. durch Vergärung des Zuckers von Mais. (Bild: Lotus Head/Wiki Commons)Die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) wurden 2015 von allen 193 Staaten der Vereinten Nationen verabschiedet und sollen 2030 erreicht sein. Ausgehend von dem neuesten Bericht des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) haben die Wissenschaftler nun erstmals die Wechselwirkungen zwischen Klimaschutz und zehn anderen Nachhaltigkeitszielen untersucht, wie dem Zugang zu bezahlbarer und sauberer Energie, weniger Meeresversauerung oder geringere Luftverschmutzung. Basierend auf bestehenden Szenarien zum Erreichen des 2°C-Ziels haben sie in einem Modellvergleich die Auswirkungen auf verschiedene Nachhaltigkeitsrisiken berechnet.

Die 17 Nachhaltigkeitsziele wurden 2015 von allen 193 UN-Staaten ratifiziert. (Bild: UN)„Wenn die Staatengemeinschaft für den Klimaschutz beispielsweise weniger Bioenergie benutzen will, um die Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten, sind einige Ziele wie Luftqualität zwar einfacher, andere Ziele wie bezahlbare Energie dagegen schwerer zu erreichen“, erklärt MCC-Forscher von Stechow. „Wer weniger Bioenergie will, muss umso mehr CO₂ einsparen – und müsste dann zum Beispiel noch schneller aus der Kohleverstromung raus und die Erneuerbaren noch schneller ausbauen“.

Es zeigt sich: Die verschiedenen Pfade zum Erreichen des 2°C-Ziels gefährden die anderen Nachhaltigkeitsziele unterschiedlich stark. Verzögerungen in der Klimapolitik und technologische Beschränkungen verstärken sich dabei gegenseitig. Ein wichtiger Lösungsansatz ist die erhebliche Steigerung der globalen Energieeffizienz. Derzeit wächst die Energieeffizienz um rund 1,3 Prozent pro Jahr. Bereits bei knapp zwei Prozent wären Länder weltweit um ungefähr ein Drittel weniger auf problematische Technologien wie die unterirdische CO₂-Speicherung oder den Einstieg in Atomkraft angewiesen, um die globale Erwärmung auf 2°C zu begrenzen. Auch kurzfristige Wachstumseinbußen würden deutlich geringer ausfallen und die Nahrungsmittelsicherheit wäre weniger gefährdet.

Die neue Studie soll helfen, die Risiken verschiedener Klimaschutzpfade in einer gesellschaftlichen Diskussion gegeneinander abzuwägen, anstatt Lösungsoptionen einfach auszuschließen. „Auch Klimaschutzstrategien haben Risiken – aber diese sind nicht mit denen eines ungebremsten Klimawandels vergleichbar“, sagt Keywan Riahi, Mit-Autor der Studie und Direktor des Energie-Programms beim International Institute of Applied System Analysis (IIASA) im österreichischen Laxenburg. „Denn die Frage über gangbare Wege des Klimaschutzes entscheidet sich in deren Auswirkung auf andere Nachhaltigkeitsziele .“

Gerade mit Blick auf den Klimawandel ist der Faktor Zeit entscheidend. „Die Uhr tickt und je länger die Welt ambitionierte Klimapolitik verschleppt, desto schwieriger sind viele andere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen“, sagt Jan Minx, ebenfalls Mitautor. Minx ist Leiter der MCC-Arbeitsgruppe zu Angewandter Nachhaltigkeitsforschung und Professor für Science-Policy and Sustainable Development an der Hertie School of Governance in Berlin. Umgekehrt könne die Klimapolitik zum Schlüssel werden, um globale Probleme mit Luftverschmutzung oder Ernährungs- und Energiesicherheit zu bewältigen – etwa durch klare Signale an die Investoren und größere Anstrengungen, Energie einzusparen. „Den Worten aus dem Abkommen von Paris müssen jetzt also schnell, aber wohlüberlegt Taten folgen“, sagt Minx.


Quelle: Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, Berlin, März 2016