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Offenes Wasser um den Nordpol

erstellt von eschick zuletzt verändert: 14.09.2016 10:28

Arktisches Meereis auf dem Rückzug: Das aktuell gemessene September-Minimum von 4,1 Millionen Quadratkilometer stellt die zweitkleinste Meereisfläche seit Beginn der Satellitenmessungen dar. Für eine kontinuierliche Eisdickenbestimmung entwickelten die Universität Hamburg und das Alfred-Wegener-Institut gemeinsam ein neues Verfahren, das erstmals Messungen der zwei ESA-Satelliten CryoSat und SMOS zusammenführt.


Der AWI-Meereisdickensensor beim Messflug über arktischem Meereis. (Foto: AWI/IceCam)

Der AWI-Meereisdickensensor beim Messflug über der Arktis. (Foto: AWI/IceCam)


In diesem September ist die Fläche des Arktischen Meereises auf eine Größe von knapp 4,1 Millionen Quadratkilometern abgeschmolzen. Dies ist die zweitkleinste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen. Weniger Meereis gab es nur im Negativ-Rekord-Jahr 2012 mit 3,4 Millionen Quadratkilometern. "Dies ist erneut ein massiver Eisverlust in der Arktis", so Prof. Lars Kaleschke von der Universität Hamburg. Prof. Christian Haas vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) bestätigt: "Der Trend setzt sich fort." Nordost- und Nordwestpassage sind jetzt gleichzeitig für Schiffe befahrbar.

2016 ist die Meereisfläche auf den zweitkleinsten Wert seit Beginn der Messungen geschrumpft. (Bild: L. Kaleschke/CEN/Uni Hamburg)Jeweils im September eines Jahres wird Bilanz gezogen. Die Schmelzsaison in der Arktis geht zu Ende, die Größe der übrig gebliebenen Eisfläche, das Septemberminimum, ist ein wichtiger Indikator für Klimaänderungen. "Im Winter 2015/2016 war die Luft über dem arktischen Ozean in weiten Teilen mehr als sechs Grad Celsius wärmer als im langjährigen Durchschnitt", sagt Meereisphysiker Lars Kaleschke vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg. "Durch die höheren Temperaturen wächst das Eis im Winter weniger stark an."

Forschungsflugzeug Polar 6: Von Bord bedienen Meereisphysiker eine Winde, die das torpedoförmige Messgerät in die Tiefe ablässt. (Foto: AWI/E. Horvath)Auch die Eisdicke wurde untersucht. Hochauflösende Flugzeugmessungen in verschiedenen Gebieten der Arktis zeigen: "Besonders das neu gebildete, erstjährige Eis war in diesem Jahr sehr dünn, kaum dicker als einen Meter. Normalerweise ist es beinahe doppelt so dick", sagt Christian Haas. "Das mehrjährige Eis war dagegen in etwa so dick wie in den Vorjahren, rund drei bis vier Meter. Dies hat den Eisverlust im Juni und Juli stark verzögert, bevor es im August aufgrund starker Winde doch noch schmolz." Für eine kontinuierliche Eisdickenbestimmung entwickelten die Universität Hamburg und das AWI gemeinsam ein neues Datenprodukt. Es kombiniert erstmals Messungen der zwei ESA-Satelliten CryoSat und SMOS und kann Trends aufzeigen. "So konnten wir schon am Ende des arktischen Winters sehen, dass das Eis zehn Zentimeter dünner war als in den Vorjahren, eine deutliche Verminderung", sagt Lars Kaleschke.

Vergleichskarte der Eiskonzentrationen für die drei Jahre 2007, 2012, 2016 in unterschiedlichen Farben. (Bild: AWI)Die jeweils aktuelle Fläche des Meereises wird mit Hilfe von Satellitendaten bestimmt. Ein vom Team um Kaleschke verbessertes Verfahren erlaubt jetzt eine Abbildung bis auf drei Kilometer genau. Üblich sind bisher Auflösungen von etwa mindesten zwölf Kilometern. In der Visualisierung werden dadurch Details wie Wirbel, Rinnen und Eiskanten besonders gut sichtbar - und geben wertvolle Hinweise auf die Dynamik im Eis und damit seine Stabilität. So lässt sich erkennen, wie nördlich von Alaska der so genannte Beaufort-Wirbel das Eis ungewöhnlich früh aufbricht, bereits im April. Im Mai und Juni war die Eisfläche im Vergleich dann tatsächlich kleiner als jemals zuvor. Ebenfalls ungewöhnlich: Auch ganz zentral in der Nähe des Nordpols zeigt das Meereis in diesem Jahr viele offene Wasserflächen.

Seit Ende August 2016 sind die Nordost- und die Nordwestpassage in der Arktis wieder offen. Die südliche Route der Nordwestpassage wurde in diesen Wochen von Yachten und einem Kreuzfahrtschiff durchfahren. Beide Schiffspassagen waren erstmals im Jahr 2008 gleichzeitig passierbar.

Das Meereis der Arktis gilt als kritisches Element im Klimageschehen und als Frühwarnsystem für die globale Erwärmung. In den 1970er und 1980er Jahren lagen die sommerlichen Minimumwerte noch bei durchschnittlich rund sieben Millionen Quadratkilometern. "Der Rückzug des arktischen Meereises ist ein deutlicher Hinweis, dass die globale Erwärmung ungebremst fortschreitet", sagt Lars Kaleschke.


Quelle: Alfred-Wegener-Institut und Universität Hamburg, Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit, September 2016