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Unterirdische Wärmeinseln anzapfen

erstellt von eschick zuletzt verändert: 14.02.2017 14:27

Städte sind Wärmeinseln, nicht nur oberirdisch, sondern auch unterirdisch. Darin schlummert ein grosses ungenutztes Potenzial, denn die Energie könnte mit Erdwärmesonden verstärkt genutzt werden. Dies zeigt eine Gruppe von Forschenden um den Geowissenschaftler Jaime Rivera anhand eines Fallbeispiels aus der Agglomeration Zürich.


Erdwärme in der Stadt gewinnt dank Wärmeinseleffekt aus geringerer Tiefe gleich viel Wärme. (Bild: gemeinfrei)

Erdwärmesystem-Bau, um den Wärmeinseleffekt zu nutzen. (Bild: gemeinfrei)

In Städten und dicht bebauten Flächen ist es wärmer als im Umland. Das spürt man besonders an heissen Sommertagen, wenn die Hitze zwischen den Bauten steht und Strassen schweisstreibende Wärme abstrahlen. Ausserhalb der Stadt ist die Luft oft spürbar kühler. Doch nicht nur oberirdisch ist eine Stadt eine Wärmeinsel. Auch der Erdboden unterhalb bebauter Gebiete ist eine solche. Denn die Wärme wird über Strassen, Keller, Tiefgaragen oder Abwasserkanäle in den Boden abgeführt. Dieser Wärmeeintrag kann beträchtlich sein: In der Stadt Zürich ist es in 20 Metern Tiefe im Schnitt einige wenige Grade wärmer als ausserhalb der Stadt.

Wärmeeintrag regeneriert natürliches Reservoir

Eine Gruppe von Forschern, darunter der Erdwissenschaftler Jaime Rivera von der Eidgenössischen Technische Hochschule (ETH) Zürich, zeigen nun in einem Artikel in der Fachzeitschrift "Renewable Energy" auf, dass in diesen unterirdischen Wärmeinseln ein bislang ungenutztes Potenzial zur Energiegewinnung schlummert. Dieses Potenzial könnte mit Anlagen, wie sie bereits heute zur Nutzung von Erdwärme eingesetzt werden, angezapft werden.

Der Boden unter der Stadt ist wärmer als unter Grünflächen. Erdwärme nutzt diese Energie. (Bild: P. Bayer/THI)

Der Boden unter der Stadt erwärmt sich stärker als unter Grünflächen.  (Bild: P. Bayer/THI)

So haben Rivera und Kollegen mit einem Modell berechnet, dass das Potenzial für die Nutzung von Erdwärme in städtischen Gebieten dank des Inseleffekts deutlich höher liegt als auf dem Land, und zwar bis zu 40 Prozent. Der Wärmenachschub in den Boden regeneriert zudem das natürliche Wärmereservoir des Erdbodens, das durch Erdsonden angezapft wird. Indem nur der unterirdische Wärmeüberschuss abgeschöpft wird, können Erdwärmeanlagen auf Stadtgebiet länger oder intensiver genutzt werden, als wenn nur die natürliche Wärme genutzt wird. "Ist die Nutzung der zusätzlichen Erdwärme mässig intensiv, reicht die Abwärme von städtischen Strukturen sogar aus, um das natürliche Wärmereservoir zu regenerieren", sagt der Erstautor der Studie, Jaime Rivera.

Mehr Energie, kürzere Bohrlöcher

Dank der zusätzlichen eingebrachten Wärme könnten aber auch entweder höhere Energiemengen aus dem Boden gewonnen werden oder die Länge der Bohrlöcher könnte kürzer werden. "Jedes zusätzliche Grad Celsius an der Erdoberfläche auf Stadtgebiet bedeutet, dass das Bohrloch vier Meter weniger tief sein muss, um daraus die gleiche Energiemenge gewinnen zu können", so der Erdwissenschaftler.

Um ihr Modell, das sie zur Berechnung des Wärmenutzungs-Potenzials erstellten, zu testen, verwendeten die Forscher ein Beispiel aus der Agglomeration Zürichs. Dabei bezogen sie nicht nur den erhöhten Wärmefluss durch den Inseleffekt ein, sondern auch die Erwärmung der Atmosphäre aufgrund des Klimawandels.

"Unsere Erkenntnisse helfen bei der Planung von geothermalen Energiesystemen in Gebieten mit erhöhten Bodentemperaturen", sagt Studienleiter Peter Bayer. In Städten gebe es zudem weitere Wärmequellen wie Tunnels, Abwasserkanäle oder Fernwärmeheizsysteme, die zur Bodenerwärmung beitragen. "Weil aber alle diese Wärmequellen künstlich sind, zapfen wir strenggenommen keine natürliche erneuerbare Energiequelle an", betont Bayer.


Quelle: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Februar 2017