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Den Geowissenschaften auf der Spur: Vom Orchideenfach zum System Erde - Geowissenschaften heute

erstellt von aahke zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

planeterde im Gespräch mit Rolf Emmermann, Präsident der GeoUnion. Die Geowissenschaften haben in den vergangenen Jahrzehnten einen starken Wandel erlebt. Die aktuelle Klimaproblematik und Suche nach neuen Energiequellen hat die Forschung in den Geowissenschaften zudem in ein neues, öffentliches Licht gerückt. Das Portrait von Professor Rolf Emmerman - Präsident der GeoUnion und seit rund vierzig Jahren in der Forschung - zeichnet exemplarisch den "Werdegang der Geowissenschaften" .

Rolf Emmermann, geboren 1940 in Wolfenbüttel, entwickelte schon früh eine Vorliebe für die Geologie. Aufgewachsen in Hannover war dafür sein geologisch geprägtes Umfeld verantwortlich. Durch die Arbeit seines Vaters als Ingenieur bei der Preussag AG warf er bereits als Kind einen Blick in die Welt der Geologie.  Einfluss auf seine Interessen übten auch Freunde der Familie aus, die ebenfalls Geowissenschaftler waren. Im Jahr 1959 begann Emmermann seine wissenschaftliche Laufbahn mit einem Geologiestudium an der Technischen Hochschule Braunschweig. Seine Motivation, einst Geologie zu studieren, gilt nach wie vor: „Mit diesem Fach verbindet man Wissenschaft und eine breite naturwissenschaftliche Ausbildung damit, die Welt kennen lernen zu können und interessante Projekte durchzuführen.“ Emmermann wählte seine Studienschwerpunkte in der Mineralogie, Kristallographie und der Geochemie und erhielt sein Diplom im Jahre 1965. In den Geowissenschaften fand zu dieser Zeit eine kleine Revolution statt – es herrschte Aufbruchstimmung in Deutschland.

Die damals aufkommende Theorie der Plattentektonik brachte ein neues Verständnis des Planeten Erde. Sie war die Triebfeder, die einzelnen Disziplinen in der Geologie mit Puzzlestücken zu vergleichen, die zwar einen wichtigen, jedoch stets nur isolierten Beitrag zum neuen Gesamtbild „System Erde“ beitragen. Um die Erde als dynamisches System begreifen zu können, begann man in den Geowissenschaften über die Disziplingrenzen hinaus zusammenzuarbeiten.

Dieser Prozess des Umdenkens erfasste auch Emmermann, der seine Doktorarbeit im Jahre 1967 an der Universität Karlsruhe abschloss und dort, nach seiner Habilitation, 1974 zum Professor für Mineralogie berufen wurde. Seinerzeit den so genannten Orchideenfächern zugeordnet, dachte sich der Jungprofessor „da haben wir Geowissenschaftler irgend etwas falsch gemacht, denn unsere gesellschaftliche Aufgabe ist offenbar nicht klar geworden“. Acht Jahre später übernahm Emmermann den Lehrstuhl für Mineralogie und Petrologie an der Universität Gießen. Rückblickend auf seine Lehrtätigkeit stellt er fest, dass sich auch die Ausbildung in den Geowissenschaften vom Spezialistentum hin zu einem ganzheitlichen  Ansatz verändert hat. „Wer heute Geowissenschaftler wird, kann davon ausgehen, dass er eine solide Grundlage in den naturwissenschaftliche Fächern bekommt, darunter Physik, Chemie und Biologie“, so Emmermann „Auf dieses Fundament kann mit spezialisierten Disziplinen aufgebaut werden. Erst mit diesem Ansatz verbreitern sich die Berufsmöglichkeiten.“ Geowissenschaftler haben heute das Ziel, nicht nur grundlegende Prozesse des „Systems Erde“ zu verstehen, „sondern wir wollen auch Forschung machen, die gleichermaßen eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz hat“, betont Emmermann.

Rolf Emmermann


   




















Rolf Emmermann, Präsident der GeoUnion (Quelle: O.Grabe, GFZ).

Dieser Leitgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch den beruflichen Werdegang Emmermanns, dem praktische Fortbildung und Nachwuchsförderung seit jeher am Herzen liegen. Von 1986 bis 1998 war er federführender Koordinator des DFG-Schwerpunktprogramms "Kontinentales Tiefbohrprogramm der Bundesrepublik Deutschland" (KTB) und von 1989 bis 1994 Wissenschaftlicher Direktor in der Projektleitung. Am Bohrstandort Windischeschenbach ließ er ein Feldlabor einrichten, in dem Studenten der Geowissenschaften mehrmonatige Praktika machen konnten. Bis heute finden dort zweiwöchige Trainingskurse statt. „Wir informieren darüber, wie eine Bohrung abläuft und die Bohrtechnik funktioniert, wie die anschließenden Messungen durchgeführt werden und welche Aufgaben im Managementbereich auf einen Bohrprojektleiter zukommen“, ergänzt Rolf Emmermann. Im Jahr 1992 gründete er das GeoForschungsZentrum Potsdam auf dem Telegrafenberg. Das Institut entwickelte sich unter seiner 15jährigen Leitung zu einer der international führenden geowissenschaftlichen Einrichtungen. Auch hier engagiert sich der Präsident der GeoUnion bis heute für den jugendlichen Nachwuchs. In dem vom GFZ eingerichteten Schülerlabor können Neugierige rund um Themen wie zum Beispiel das Magnetfeld der Erde oder Erdbeben Experimente durchführen. Über seine Präsidentschaft der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte ab 2001 bekam Emmermann Einblick in die Schuldidaktik und befasste sich mit der Aufgabe, Geowissenschaften auch im Schulunterricht präsenter zu machen. „Schwierig ist, dass sie kein eigenes Schulfach darstellen“, bemängelt Emmermann, „doch man sollte versuchen, Fragen der Geowissenschaften in den naturwissenschaftlichen Unterricht einzubauen – zum Beispiel in der Physik oder Biologie“.

Wie das Interesse der Jugend für naturwissenschaftliche Themen geweckt werden kann, ist ein Schwerpunkt der aktuellen Bildungspolitik. Ob durch experimentelles Hineinschnuppern bereits in den Kindergärten oder durch Kindervorlesungen an den Universitäten – hier zeichnet sich ein deutlicher Trend ab. „Unser Fenster in die Jugend hinein“, so Emmermann, „sind vor allem große Geoinstitute einschließlich der großen Museen.“ Mit den Aktivitäten, die die GeoUnion im Rahmen des „Internationalen Jahres des Planeten Erde“ im kommenden Jahr plant,  wendet sie sich vor allem über Museen an die jungen Leute. „Im Berliner Naturkundemuseum läuft derzeit ein exemplarisches Projekt“, berichtet Emmermann. Im dortigen Humboldt Exploratorium erforschen Kinder gemeinsam mit Wissenschaftlern und Lehrern naturkundliche und naturwissenschaftliche Themen im hauseigenen Mikroskopierlabor und in der freien Natur.

Emmermann setzt sich nicht nur für Jungforscher, sondern auch sehr für den weiblichen Nachwuchs ein. Frauenförderung und die Vereinbarung von Forschung und Familie sind zentrale Anliegen am GFZ.  Die vor Ort angebotene KITA oder Widereinstiegsstellen, die gleichermaßen von Männern und Frauen besetzt werden, bringen eine positive soziale Komponente in den Forscheralltag. Nach wie vor gibt es sehr wenige Professorinnen in leitenden Positionen und hochdotierten W3-Stellen. „Doch diese Generation kommt“, freut sich Emmermann, „das ist vor allem auf die gegenwärtige nachhaltige Frauenförderung in der Forschung zurückzuführen.“ Er fügt hinzu, „Es wird sehr darauf geachtet, dass Frauen eine gerechte Chance bekommen.“

Die Geowissenschaften haben in den letzten Jahren einen regelrechten Aufschwung erfahren. Veranstaltungen wie zum Beispiel das „Jahr der Geowissenschaften 2002“ und die Umwelt- und Klimaproblematik, die Suche nach Ressourcen und alternativen Energiequellen haben das Interesse der Öffentlichkeit an geowissenschaftlichen Themen gesteigert. Für Professor Emmermann auch ein persönlicher Erfolg, dem seit seiner Assistentenzeit in Karlsruhe viel daran lag, sich von der „Kleinfächerei“ der Geowissenschaften zu entfernen. „Für mich ist es immer besonders spannend gewesen, die Schritte in der Entwicklung der Geowissenschaften und die strategischen Veränderungen in den einzelnen Disziplinen mitzuerleben“, so Emmermann, der am 8. Januar 2008 im GFZ feierlich in den Ruhestand verabschiedet wird. Pensioniert ist Rolf Emmermann deshalb noch lange nicht. Als Mitglied der Geokommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Präsident der GeoUnion sitzt er am Puls der Geowissenschaften und ist maßgeblich an der Gestaltung der neuen Zukunftsfelder im „System Erde“ beteiligt. (aa)

Die Reihe "Den Geowissenschaften auf der Spur" ist ein Beitrag zum Internationalen Jahr des Planeten Erde" (IYPE)


Mehr Informationen zum Thema Bildung finden Sie unter den folgenden Titeln in den Referenzen.

Ausführlichen Informationen zu aktuellen und zukunftsträchtigen Projekten, gefördert im Rahmen des FuE-Programms GEOTECHNOLOGIEN, finden Sie im Interview mit Rolf Emmermann "Klimaforschung am Himmel - Energie aus der Hölle".

Termine zum IYPE auf den GeoUnion-Seiten