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Tsunami-Riesenwelle über Pfrondorf

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:34 — abgelaufen

Eine albtraumhafte Verwüstung der Erde fuehrte vor rund 200 Millionen Jahren zu einem Massenaussterben. Ueber die Ursache der Katastrophe gibt es verschiedene Theorien. Nun hat der Geologe Dr. Michael Montenari nachgewiesen, dass zu dieser Zeit eine gigantische Flutwelle ueber das damals noch im Meer liegende Tuebinger Gebiet gegangen sein muss. Die dafuer notwendigen immensen Kraefte konnte nur ein Meteoriteneinschlag freisetzen.

Folgen eines Meteoriteneinschlags vor 200 Millionen Jahren bei Tuebingen nachgewiesen:
An der Wende des Trias- zum Jura-Zeitalter vor rund 200 Millionen Jahren wurden schlagartig drei Viertel aller damals vorkommenden Arten von Lebewesen ausgeloescht. Ausgeloest wurde die Katastrophe offenbar durch den Einschlag von einem oder vielleicht auch mehreren Meteoriten auf der Erde. Die Meteoriten schlugen im Meer ein und setzten gewaltige Flutwellen von wahrscheinlich mehreren Tausend Metern Hoehe in Gang. "Tsunamis" - japanisch fuer "grosse Wogen" - nennen Wissenschaftler solche unvorstellbar gigantischen Flutwellen.

Dr. Michael Montenari vom Institut fuer Geowissenschaften der Universitaet Tuebingen hat nun in einem Grabungsprofil im Natursteinwerk Haegnach bei Pfrondorf - nahe bei Tuebingen - eine Schicht entdeckt, die belegt, dass ein Auslaeufer eines solchen Tsunami dort vor rund 200 Millionen Jahren seine Kraft entfaltete.


(c) Institut für Geowissenschaften Tübingen

Seit mehr als einem Jahr untersucht Michael Montenari die Sedimentgeologie, die Ablagerung unterschiedlicher Gesteinsschichten, am Natursteinwerk in Pfrondorf. Durch den Abbau des unten liegenden Rhaetsandsteins als Baustoff lassen sich dort im aufgegrabenen Profil die Gesteinsabfolgen besonders gut erkennen. "Der Sandstein hat sich zu einer Zeit abgelagert, als dieses Gebiet unter einem flachen Meer lag, unter tropischen Bedingungen und bei maessiger Stroemung", erklaert Montenari. Ueber dem Sandstein liege eine deutlich davon unterscheidbare Gesteinsschicht, die zu Beginn des Jura entstand, die so genannte Psilonotenbank. Diese Schicht muesse unter einem abruptem Wechsel der aeusseren Bedingungen entstanden sein. "Ploetzlich und fuer kurze Zeit muss eine sehr hohe Stroemungsenergie geherrscht haben", so der Forscher. Schlagartig sei diese Stroemung sozusagen an- und wieder ausgeschaltet worden, denn die ueber der Psilonotenbank liegenden Tonschichten lagerten sich nur ab, wenn die Stroemung praktisch bei null liegt. "Immer wieder haben mich Studenten vor diesem Gesteinsprofil in Verlegenheit gebracht, denn diese merkwuerdige Schicht zwischen Rhaetsandstein und Tonablagerungen konnten wir nicht recht erklaeren", erzaehlt Montenari schmunzelnd. Er haette zwar bereits frueher auf eine gewaltige Sturmflut als Ursache getippt, aber so richtig habe die Schicht nicht ins Bild gepasst.

"Der entscheidende Hinweis, der mich auf einen Tsunami nach Meteoriteneinschlaegen als Ursache gebracht hat, kam von britischen Kollegen, die Hochenergieereignisse untersuchen", sagt der Tuebinger Geologe. Die Briten haetten das gleiche geologische Problem vor der eigenen Haustuer: Gesteinsabfolgen gleichen Alters von Nordirland, ueber Suedwales bis Suedwestengland liessen sich mit den Pfrondorfer Verhaeltnissen vergleichen. "Auf den britischen Inseln ist die Tsunamit-Schicht, die durch einen Tsunami entstanden ist, sogar bis zu zweieinhalb Meter dick, bei uns in Pfrondorf sind es nur 20 bis 30 Zentimeter."


(c) Institut für Geowissenschaften Tübingen

Eine solche Tsunamit-Schicht besteht aus zusammengeschwemmtem Material, allem, was eine Riesenwelle vor sich her getrieben hat - Sand, Schlamm, auch viele organische Reste von Lebewesen sind darunter. Die Schicht mit den verraeterischen Anzeichen der Todeswelle in Pfrondorf ist nach aussen unscheinbar und setzt sich bei genauerer Untersuchung aus dunklen bis rabenschwarzen Kalken zusammen, in denen extrem viele Schalenbruchstuecke von ehemaligen Muscheln vorkommen. "Die Klappen der Muscheln zeigen mit ihrer Woelbung nach oben - ein Anzeiger dafuer, dass sie unter einer starken Stroemung zusammengeschwemmt wurden", sagt der Forscher.

Dass es an der Grenze von Trias und Jura Meteoriteneinschlaege gegeben haben muss, konnten Wissenschaftler durch den Nachweis seltener chemischer Elemente wie beispielsweise Iridium und durch ungewoehnliche Verhaeltnisse leichterer und schwerer Atome bestimmter Elemente belegen.

Der Tsunami, der vor allem in Richtung Nordwesten in Grossbritannien und in Nordamerika gewuetet hat, hat die Tuebinger Gegend wohl nur in Auslaeufern erreicht. Er muesse gigantische, unvorstellbare Ausmasse gehabt haben, sagt Montenari. Zum Vergleich beschreibt er die Explosion der Insel Krakatau am Ende des 19. Jahrhunderts: "Ein Vulkanausbruch hat die Insel praktisch weggesprengt. Die maechtige Flutwelle, die dadurch entstand, ist vier Mal um die Erde gelaufen. Sie war sogar in mehreren 10 000 Kilometern Entfernung im Londoner Hafenbecken deutlich zu merken." Diese gewaltige Welle habe Tsunamit-Ablagerungen ergeben, die gerade mal sieben Zentimeter maechtig seien. "Wenn man bedenkt, dass die Tsunamit-Schichten auf den britischen Inseln und auch in Pfrondorf in den Jahrmillionen zusammengepresst worden sind, muessen sie zur Zeit ihrer Entstehung mindestens drei Mal maechtiger gewesen sein, in Pfrondorf also vielleicht einen Meter hoch." Eine solcher Tsunami koenne nicht durch einen Vulkanausbruch entstanden sein. Heutige Tsunamis im Pazifik haetten eine Hoehe von 50 oder 60 Metern, Seebeben oder Erdbeben traeten bis zur Staerke neun auf. "Vor 200 Millionen Jahren haette das Seebeben eine angenommene Staerke von 20 haben muessen. Das laesst sich zwar theoretisch berechnen, doch auf der Erde gibt es die physikalischen Gegebenheiten dafuer nicht." Wegen der hohen freigesetzten Energie blieben eigentlich nur Meteoriteneinschlaege als Ursache des Tsunami uebrig. Denn die Erde wurde voellig verwuestet. Wo genau die Meteoriten eingeschlagen sind, wissen die Forscher nicht. Die Spuren des gewaltigen Tsunami koennten jedoch theoretisch noch an weiteren Stellen auf der Erde zu finden sein, vor allem, wenn diese damals im Meer lagen.

"Massenaussterben hat es in den letzten 500 Millionen Jahren fuenf Mal gegeben. Am verheerendsten muss es am Ende des Perm, Beginn der Trias vor etwa 235 Millionen Jahren gewesen sein. Da stand das Leben auf der Erde kurz vor der Vernichtung. Am bekanntesten ist aber wohl das letzte Massenaussterben in der Kreidezeit, als die Dinosaurier ausgestorben sind", sagt Montenari.

Theoretisch, so der Wissenschaftler, koennten sich ein Meteoritenabsturz und ein Tsunami jederzeit wiederholen. "Es gibt genuegend Objekte, die auf ihrem Flug durch das All die Bahn unserer Erde kreuzen und vielleicht mit uns zusammenstossen - aber momentan besteht kein Grund zur Sorge."

Pressemitteilung der Eberhard-Karls-Universitaet Tuebingen, 13.09.2004