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Tsunamikatastrophe in Südostasien

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:34 — abgelaufen

Vermutlich 200.000 Tote, viele zehntausend Verletzte und Obdachlose, Sachschäden in Milliardenhöhe - so lautet vorerst die tragische Bilanz der Flutkatastrophe in Südostasien. Und noch ist das volle Ausmaß der Schäden nicht bekannt.

Die Ursache für die Katastrophe liegt tief unten auf dem Meeresgrund, im so genannten Sunda-Graben, einer Konvergenzzone, in der die indisch-australische Kontinental-Platte sich mit großem Druck unter die eurasische schiebt. Diese tektonischen Bewegungen vollziehen sich aber nicht gleichmäßig, denn die Platten verhaken sich und verkeilen, so dass bei jahrhundertelangem scheinbar ruhigem Verharren enorme Spannungen aufgebaut werden. Wenn diese sich dann ruckhaft lösen, entstehen Erdstöße von unterschiedlicher Intensität: der Meeresboden bebt.

Am 26. 12. 2004 erreichten diese Stöße den Ausnahmewert von 8,9 auf der Richterskala. Nach Schätzung des GFZ Potsdam kam es schlagartig zu einem Plattenbruch auf einer Länge von ca. 500 Kilometern. Der Meeresboden schoss in Augenblicken um mehrere Meter nach oben. Folge der gewaltigen Erschütterung war ein zerstörerisches Erdbeben auf Sumatra - und eine starke Druckwelle. Diese verursachte letztlich den Tsunami, der sich - abhängig von der Wassertiefe - mit Geschwindigkeiten zwischen 600 und 1000 km/h durchs Meerwasser fortpflanzte und die verheerenden Überschwemmungen in der gesamten Region bewirkte.


(c) DigitalGlobe

Gemessen am Schock der Katastrophe liest sich die wissenschaftliche Betrachtung des Geschehenen vergleichsweise nüchtern, denn Tsunamis in dieser Größenordnung sind zwar äußerst selten, das Phänomen an sich ist jedoch seit langem bekannt. Japanische Fischer haben den exotischen Namen in die Sprache der Wissenschaft gebracht, denn sie berichteten schon früh von der "großen Welle im Hafen", die vom Schiff aus auf dem Meer kaum zu sehen ist, sich aber dann, im flachen Küstengewässer, viele Meter hoch auftürmt und Menschen und Gebäude verschlingt. Seit 1963 tragen die - früher irrtümlich für Gezeitenwellen gehaltenen - Riesenwellen ihre international einheitliche Bezeichnung.

Auch die geologische Aktivität der betroffenen Region ist keine Neuigkeit - weltweit überwachen Erdbebenstationen jede Erschütterung der Erdkruste. Mehrere Stunden, bevor die Welle die Küsten erreichte, war auch am zweiten Weihnachtstag das auslösende Erdbeben registriert worden: "Das Geophysikalische Observatorium der Universität Leipzig am Collmberg hatte die Erderschütterung bereits 14 Minuten nach Entstehung des Bebens aufgezeichnet", schreibt etwa die Universität Leipzig in einer Pressemitteilung. Rund um den Globus waren die Messdaten abrufbar.

Dass dennoch nichts unternommen wurde, und die Riesenwelle eine völlig unvorbereitete Bevölkerung traf, liegt an vielen unterschiedlichen Faktoren. Richard Dikau vom Geographischen Institut der Universität Bonn analysiert zwei grundsätzliche Ursachen: "Im Gegensatz zum Pazifikraum, wo die Anrainer in Honolulu ein Meldezentrum für Seebeben und Flutwellen betreiben, gab es rund um den Indischen Ozean zum Zeitpunkt des Seebebens kein funktionierendes Kommunikations- und Frühwarnsystem […] die Flutfolgen sind auch deshalb so verheerend, weil keinerlei Planungen und Vorkehrungen für den Fall einer Flutwelle getroffen worden waren."

Versäumnisse, die in ihren Folgen schrecklich, aber erklärbar sind: Sicher spielen politische und wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Außerdem gilt der Indische Ozean zwar prinzipiell als Risikogebiet, rangiert diesbezüglich aber weit hinter dem Pazifischen Ozean, wo etwa 80% aller Tsunamis weltweit entstehen. Allerdings ist die seismische Aktivität unter dem Indischen Ozean immer noch weit höher als in unseren Breiten. Die Nordsee, das Mittelmeer und trotz tektonischer Aktivität auch der Atlantik sind im Vergleich relativ ruhig. Doch diese Ruhe bedeutet keine Sicherheit: Die schreckliche Zahl von 70.000 Toten nach dem Erdbeben von Lissabon (1755) geht nicht zuletzt auf einen gewaltigen Tsunami zurück, der im Gefolge der Erdstöße die Küste zerstörte.

Theoretisch können Tsunamis in vielen Regionen der Weltmeere auftreten, ausgelöst durch Seebeben und Vulkanausbrüche aber auch küstennahe Bergstürze, Hangabrutschungen oder Meteoriteneinschläge. Und wegen ihrer immensen Reichweite - manche richten noch 10.000 Kilometer von ihrem Entstehungsort entfernt große Schäden an - lassen sich Riskikogebiete relativ schwer eingrenzen. In welchen Gebieten die seit dem Unglück viel diskutierte Einrichtung von Frühwarnsystemen wirklich sinnvoll wäre, ist daher keine triviale Frage, die pauschal beantwortet werden könnte. Zudem ist es kaum möglich, einen Tsunami frühzeitig und mit Sicherheit vorherzusagen. Frühwarnsysteme wie das Pacific Tsunami Warning Center (PTWC) registrieren Seebeben und berechnen mit großer Genauigkeit und Geschwindigkeit, ob und für welche Regionen sie ein Risiko bedeuten können, eine echte Vorhersage ist dies aber nicht. Selten bleibt mehr als ein paar Stunden Zeit für großräumige Evakuierungen. Diese durchzuführen ist eine weitere Herausforderung, zumal die Systeme nicht frei von Fehlalarmen sind.

Die Entwicklung neuer prognostischer Methoden, etwa mit dem DART-Projekt (Deep-ocean Assesment and Reporting of Tsunamis), und geeigneter Katastrophenpläne für potentiell gefährdete Regionen bleibt eine wichtige Aufgabe der Geowissenschaften.

(c)rb/iserundschmidt

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Weitere Informationen:

Was ist ein Tsunami?

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Geoforschungszentrum Potsdam

Universität-Leipzig/ Erdbebenfrüherkennungsforschung

Geo-Forum der Uni München

Erdbebenstation Bergisch Gladbach

National Institute of Water & Atmospheric Research New Zealand's leading provider of atmospheric and aquatic science

West Coast & Alaska Tsunami Warning Center

International Coordination Group for the Tsunami Warning System in the Pacific