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Verkanntes Risiko

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.11.2016 13:34 — abgelaufen

Rund zehn Prozent der im 20. Jahrhundert protokollierten Tsunamis haben europäische Küsten getroffen. Damit kommen die Wellen hier häufiger vor als etwa im Indischen Ozean. Auch wenn die übergroße Mehrheit dieser Wellen harmlos ist, können die wenigen gefährlichen astronomische Kosten verursachen. 40 Prozent der europäischen Bevölkerung an den Küsten des Kontinents und der Wert der dortigen Infrastruktur ist gewaltig - die Schäden durch einen Tsunami wären daher astronomisch. Deshalb haben die europäischen Staaten und die Mittelmeeranrainer eine internationale Koordinierungsgruppe eingerichtet, die ein Tsunamiwarnsystem für Europa und den Mittelmeerraum auf die Beine stellen soll.

Europa gehört nur scheinbar zu den Weltgegenden, die von Naturkatastrophen wie Tsunamis verschont bleiben. "Tsunamis sind sehr selten, gerade in unserer Region, aber wenn sie kommen, verursachen sie gewaltige Schäden", erklärt Stefano Tinti, Geophysikprofessor in Bologna und Vorsitzender der Koordinierungsgruppe. Im Mittelmeer ist statistisch gesehen einmal im Jahrhundert mit einem Tsunami zu rechnen, der auch wirklich Schaden anrichtet. So verwüsteten Erdbeben samt folgendem Tsunami 1755 Lissabon und 1908 Messina auf Sizilien. Im Jahr 365 traf der bislang stärkste bezeugte Tsunami die ägyptische Metropole Alexandria und zerstörte große Teile. Sein Auslöser war ein Erdbeben vor der Südküste Kretas. Wellen so hoch wie die, die sich Weihnachten 2004 im Indischen Ozean auftürmten, sind hier zwar nicht zu erwarten. "Wir glauben, dass ein solcher Tsunami hier nicht möglich ist, weil es im Mittelmeer gar keine so langen Bruchzonen gibt wie im Indischen oder Pazifischen Ozean", so Tinti. Rund 80 Prozent aller Tsunamis im Mittelmeer werden aber von Erdbeben ausgelöst. Die können zwar sehr stark werden, aber ihre Ausdehnung ist wiederum begrenzt. Während bei dem Erdbeben vor Sumatra die Erdkruste über mehr als 1000 Kilometer aufriss, sind es im in der Regel Dutzende, maximal aber ein paar 100 Kilometer. Auch die Wellenhöhen sind mit maximal 30, in der Regel rund 20 Meter geringer als im Indischen Ozean, wo sogar von 50 Meter hohen Wellen berichtet wurde.

Geringe Eintrittswahrscheinlichkeit, hoher Schaden

Dennoch sind die Folgen selbst einer mittelgroßen Flutwelle in den dichtbesiedelten Küstenzonen unabsehbar, insbesondere wenn man noch die Millionen und Abermillionen Touristen berücksichtigt, die im Sommer an den Stränden liegen. Seit der Katastrophenwelle von Weihnachten 2004 denken Behörden und Experten darüber nach, auch für Europa und den Mittelmeerraum ein Tsunamiwarnsystem einzurichten. Auf der dritten Konferenz der Koordinierungsgruppe, die jetzt in Bonn eröffnet wurde, soll beschlossen werden, wie dieses System aussehen soll. Deutschland, obwohl nicht ernsthaft von Tsunamis bedroht, ist aktives Mitglied dieser Gruppe. "Wir werden unser Know-how einbringen", versprach Professor Frieder Meyer-Krahmer, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf der Konferenz. Ein erster Kern soll schon bis Ende dieses Jahres aufgebaut werden. Die Kosten stehen noch nicht fest, doch Tinti geht von einer ähnlichen Größenordnung wie für die Warnsysteme im Indischen und Pazifischen Ozean aus. Sie kosteten jeweils rund 50 Millionen Euro.

Glücklicherweise muss in Europa nicht erst noch das Sensornetz aufgebaut werden, das die Tsunamiwarnzentren mit den notwendigen Daten versorgt. Die Nationalstaaten haben bereits seismische Netzwerke zur Überwachung der Erdbebenzonen eingerichtet. "Die Stationsdichte ist fast überall ausreichend hoch", erklärt Dr. Alexander Rudloff vom Geoforschungszentrum Potsdam. Nicht ganz so gut sieht es bei der Bodenkartierung der Küstengewässer aus. Die Struktur des Untergrundes bestimmt wesentlich die Höhe und Gewalt, mit der der Tsunami letztendlich über das Land hereinbricht. Wer das Zerstörungspotential einer solchen Welle modellieren will, kommt ohne diese bathymetrischen Daten nicht weit. Doch die Daten werden von vielen Staaten noch unter Verschluss gehalten. In Bonn hofft man daher, dass unter der Vermittlung der neutralen Ozeanographie-Kommission eine Lösung gefunden werden kann. Schließlich kümmert sich ein Tsunami nicht um Nationalgrenzen.

Technische Herausforderung durch kurze Laufzeiten

Ein großes Problem für das europäische System ist die Geschwindigkeit. Die engen Becken des Mittelmeers oder gar so kleine abgeschlossene Bereiche wie das Marmara-Meer oder der Golf von Korinth erlauben den Wellen keine lange Laufzeit. Es dauert maximal eine Stunde vom auslösenden Erdbeben bis zum Eintreffen der Welle an Land, in der Regel geht es sehr viel schneller. In dieser Zeit müssen die Informationen verarbeitet und bewertet sowie die Alarmmeldung weitergeleitet werden. Das indonesische System braucht dafür zurzeit noch 15 Minuten, kann aber schneller werden. Im Mittelmeer wird selbst das in vielen Fällen zu lang sein. Hier muss bei jedem stärkeren Beben an den bedrohten Küsten sicherheitshalber Tsunamialarm gegeben werden. Das erhöht zwar die Fehlerrate, ist aber angesichts der kurzen Frist nicht anders machbar. Ohne Einbindung der Betroffenen werden allerdings alle Bemühungen umsonst sein. "Wir müssen das entsprechende Risikobewusstsein entwickeln", fordert Professor Janos Bogardi, Direktor des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn. Dazu gehören Schulungen und Notfallübungen für die Bevölkerung, wie sie zum Beispiel schon in Japan zur Tagesordnung gehört. Dazu gehört aber auch ein anderes Bewusstsein bei den Touristen. "Wenn das Meer zurückweicht, darf man eben nicht hinterher gehen, um nachzusehen, sondern sollte in die entgegen gesetzte Richtung laufen", warnt der Experte.

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