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Hitzeschock am Nordpol

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Vor 55 Millionen war der Arktische Ozean an die 20 Grad Celsius warm und eisfrei! Diese Entdeckung machten jetzt Wissenschaftler der internationalen ACEX-Expedition (Arctic Coring Expedition = Arktische Bohrexpedition). Wissenschaftler mehrerer Disziplinen erbohren derzeit unter Einsatz von drei Eisbrechern in der Naehe des Nordpols Ablagerungen am Grund des Arktischen Ozeans. In etwa 390 Metern unter dem Meeresboden fand das internationale Forscherteam aus acht Nationen Ueberreste winziger Meeresalgen, die an solch subtropische Temperaturen angepasst waren. Andere Mikroorganismen im Sediment zeugen von heftigen biologischen Umwaelzungen im arktischen Ozean und vom ploetzlichen Aussterben vieler Meeresorganismen. ACEX wird von britischen, schwedischen und deutschen Forschungseinrichtungen im Rahmen des Integrierten Ozeanbohr-Programms (IODP) durchgefuehrt. Die Arbeiten am Nordpol werden am heutigen Montag abgeschlossen.

Seit Mitte August sind drei Eisbrecher etwa 250 Kilometer vom Nordpol entfernt im Einsatz, um die 410 Meter maechtigen Ablagerungen am Meeresboden zu durchbohren. Immer wieder behinderten meterdicke Treibeisschollen die Arbeiten. In den letzten Tagen zeigten sich Wind und Wetter jedoch gnaedig. Das Team konnte die Sedimente komplett durchbohren und erreichte das darunter liegende, rund 80 Millionen Jahre alte Gestein des Lomonossow-Rueckens. Dieser 1.500 Kilometer lange untermeerische Gebirgsruecken war einst Teil des eurasischen Kontinents; heute erstreckt er sich von Groenland bis Sibirien mitten durch das arktische Becken.


(c) M. Jakobssohn, IODP

"Vor 55 Millionen Jahren, an der erdgeschichtlichen Grenze von Palaeozan und Eozaen, herrschten auf der Erde extreme Treibhausbedingungen - auch in der Arktis, wie wir jetzt wissen," sagt Expeditionsleiter Prof. Jan Backmann von der Universitaet Stockholm mit Blick auf die jetzt gefundenen subtropischen Meeresalgen. "Auf der Basis unserer vorlaeufigen Befunde muessen wir die fruehe Geschichte des Arktischen Beckens ganz neu bewerten. Offensichtlich war das Klima damals wechselhafter als wir bislang angenommen haben."


(c) M. Jakobssohn, IODP

An Bord der Eisbrecher konnte das Wissenschaftlerteam nur wenige Sedimentproben untersuchen. Anfang November treffen sich daher etwa 35 ACEX-Wissenschaftler in Bremen, um das arktische Klimapuzzle vollstaendig zu entschluessen. Im Bohrkernlager der Universitaet werden die Sedimentkerne geoeffnet und analysiert. Mit weiteren spannenden Ergebnissen ist zu rechnen: "In unseren Proben finden wir naemlich auch Anzeichen fuer ein Massensterben im Meer, das sich vor 55 Millionen Jahren ereignete", erklaert Dr. Michael Kaminski vom University College, London. "Die mehr als 55 Millionen Jahre alten Ablagerungen aus der Epoche des Palaeozaens deuten auf ein reiches Oekosystem am Meeresboden hin. Kurz darauf, im Eozaen, sind viele Arten verschwunden. Nur einige robuste Organismen ueberstanden den Waermeschock am Nordpol."

Die knapp 10 Millionen Euro teure arktische Bohrexpedition wird im Rahmen des prestigetraechtigen Integrierten Ozeanbohr-Programms (IODP = Integrated Ocean Drilling Program) durchgefuehrt, an dem die USA, Japan und 14 europaeische Nationen beteiligt sind. Damit werden durch Bohrungen im Weltozean u.a. die Klima- und Umweltgeschichte unseres Planeten erforscht.

Kontakte:
Albert Gerdes
Forschungszentrum Ozeanraender Bremen
Presse- und Oeffentlichkeitsarbeit
Tel. 0172 - 43 77 986

Dr. Hermann-Rudolf Kudrass
Bundesanstalt fuer Geowissenschaften
und Rohstoffe, Hannover
Tel. 0511 - 643-2790