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Mehr als 80 Meteoritenkrater rund um den Chiemsee entdeckt

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Nahe beim Chiemsee fand zur Zeit der Kelten ein gewaltiger Meteoriteneinschlag statt. Diese Erkenntnis stammt von einem bayerischen Forscherteam und wird jetzt von der US-Fachzeitschrift "Astronomy" vorgestellt. Die Forscher entdeckten im Suedosten von Bayern mehr als 80 Krater mit Durchmessern von drei Metern bis zu einem halben Kilometer. Sie haben Hinweise, dass alle Krater durch Bruchstuecke eines einzigen Kometen verursacht wurden. Dem Team gehoeren auch die Geowissenschaftler Kord Ernstson und Ulrich Schuessler von der Uni Wuerzburg an.

Die Krater befinden sich in einem ellipsenfoermigen Areal, 58 Kilometer lang und 27 breit - ein so genanntes Streufeld. Es entstand, nachdem ein Komet beim Eintritt in die Atmosphaere explodiert war. Seine maechtigsten Bruchstuecke gingen rund um den Chiemsee nieder, dort befinden sich die groessten Krater. Dagegen flogen die kleineren Fragmente nicht so weit, sie landeten in der Inn-Salzach-Region nordoestlich des Sees. "Also kam der Meteorit von Nordosten", so der Wuerzburger Geologe und Geophysiker Kord Ernstson, der sich seit 30 Jahren wissenschaftlich mit Meteoriteneinschlaegen befasst.


(c) Grafik: Rappenglueck

Ernstson zufolge besitzen alle Krater einen typischen Ringwall, sofern sie nicht durch landwirtschaftliche Taetigkeiten eingeebnet wurden.
Ebenfalls eindeutige Zeichen: In den Kratern finden sich eine Ascheschicht sowie extrem deformierte Steine und auch "Geroelle, die voellig glatt mit Glas ueberzogen sind", wie Ernstson beschreibt. Zu dieser Verglasung kommt es, wenn Steine durch eine kurzzeitige, extreme Hitzeeinwirkung angeschmolzen werden. Ausserdem fanden die Forscher im Bereich der Krater metallhaltiges Material, das Analysen zufolge von dem eingeschlagenen Himmelskoerper herzuleiten ist. Etwas ganz Besonderes in diesem Material sind Stoffe, die noch aus der Zeit stammen koennten, in der sich unser Sonnensystem gebildet hat.

Die geochemischen Untersuchungen erledigt der Wuerzburger Mineraloge Ulrich Schuessler, der vor einigen Wochen zur Forschungsgruppe dazugestossen ist. Er nahm sich Schottermaterial aus den Kratern vor und fertigte davon Duennschliffe an - hauchduenn abgeschliffene Gesteinsplaettchen, die sich dann mikroskopisch und mit einer so genannten Mikrosonde chemisch analysieren lassen. Auch seine Forschungen bestaetigen, dass die Gesteinsbrocken einem thermischen Schock ausgesetzt waren, also einer kurzzeitigen und extremen Erhitzung auf bis zu mehrere tausend Grad Celsius.


(c) Foto: Chiemgau Impact Research Team

Die Wissenschaftler nehmen an, dass der Meteorit in der Keltenzeit niederging, moeglicherweise um 200 vor Christi Geburt. Darauf weisen mehrere Indizien hin. Unter anderem werteten bayerische Hobby-Archaeologen nahe bei einem Krater einen Depotfund aus und fanden darin keltische Bronzestuecke - Naegel, Ringe und anderes - die alle einseitig angeschmolzen waren. Als Ursache dafuer kommt den Entdeckern zufolge nur ein Ereignis mit ploetzlicher starker Hitzeentwicklung in Betracht.

Es waren genau diese Hobby-Archaeologen - Werner Mayer, Gerhard Benske, Rudolf Beer, Christian Siegl, Ralph Sporn und Thomas Bliemetsrieder -, die die ganze Sache ueberhaupt erst ins Rollen gebracht hatten. Im Jahr 2000 stiessen sie bei archaeologischen Erkundungen im Chiemgau immer wieder auf eigenartiges metallisches Material, das ueber grosse Flaechen verbreitet und auch in groesseren Tiefen zu finden war. Stets fanden sie das raetselhafte Material in der Naehe von kraterfoermigen Strukturen - so kamen sie auf die Idee, dass hier ein Meteoritenschauer niedergegangen sein koennte und fuehrten umfangreiche Gelaendeuntersuchungen durch.

Zusammen mit dem Astronomen Michael Rappenglueck aus Gilching suchten sie ausserdem nach einem Geologen, der in Sachen Meteoriteneinschlaege bewandert ist, und stiessen ueber das Internet auf Kord Ernstson. Das war im Sommer 2004. Nach gemeinsamen Gelaendebegehungen bestaetigte der Wuerzburger Wissenschaftler zweifelsfrei, dass es sich bei den Kratern um Meteoriteneinschlaege handelt. Im Verein mit Michael Rappenglueck, Werner Mayer, Gerhard Benske und Ulrich Schuessler wurde schliesslich der Bericht erarbeitet, der jetzt in "Astronomy" nachzulesen ist.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

Pressemitteilung der Bayerischen Julius-Maximilians-Universitaet Wuerzburg, 25.10.2004