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Warum in Mitteldeutschland keine Mitteldeutschen leben

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Sozialgeografen der Universität Jena haben die Schaffung einer neuen Region untersucht

Jena (17.08.05) Die Thüringer leben in Thüringen, die Sachsen stammen aus dem Bundesland Sachsen und Sachsen-Anhaltiner findet man in Sachsen-Anhalt, doch wo bitte leben Mitteldeutsche? Der Begriff Mitteldeutschland lässt sich zurückverfolgen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, doch bezeichnet er je nach politischer Wetterlage verschiedene Gebiete auf der Landkarte. Mal ist es ein Gürtel zwischen Nord und Süd, mal ist die DDR gemeint, die im Kalten Krieg ja zwischen BRD und den ehemaligen ostpreußischen Gebieten lag, mal versteht man darunter die Gebirgswelle, die den Thüringer Wald, den Harz und das Erzgebirge einschließt. Heute wird der Begriff Mitteldeutschland maßgeblich vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) forciert, der sich selbst als "Heimatsender" für die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen begreift. "Mitteldeutschland war und ist jedoch ein Konstrukt ohne eigene politisch-normative Grenzen", sagt Prof. Dr. Benno Werlen von der Universität Jena. An seinem Lehrstuhl für Sozialgeografie sind im Rahmen eines Forschungsprojektes die Mechanismen untersucht worden, die zur Etablierung von solchen regionalen Konstrukten führen. Das Phänomen Mitteldeutschland bot sich den Jenaer Wissenschaftlern an, da es "vor der Haustür" lag.

Ein Ergebnis des nun beendeten Projektes ist, dass der Begriff Mitteldeutschland den Bewohnern der drei Länder inzwischen zwar geläufig ist, "nur als Mitteldeutsche sehen sie sich nicht ", sagt Tilo Felgenhauer. Seine Umfragen auf Volksfesten erbrachten, dass die Mehrzahl der Thüringer, Sachsen und Sachsen-Anhaltiner schon weiß, dass sie in Mitteldeutschland leben. "Nur emotional gesehen bleiben sie doch lieber Sachsen oder Thüringer oder gar Ostdeutsche", erklärt Dr. Antje Schlottmann. "Man ist halt Altmärker, kommt aber aus dem 'mitteldeutschen Raum'", zitiert Felgenhauer aus den Befragungen.

"Diese vielfältigen und wechselnden Interpretationen, teilweise von ein und derselben Person zeigen, wie dehn- und anpassbar der Begriff Mitteldeutschland im alltäglichen Verständnis ist", sagt Antje Schlottmann. Das neue, alte Toponym Mitteldeutschland wird ganz selbstverständlich ins bestehende Weltbild eingebaut. "Das Angebot der neuen Raumkategorie durch den MDR", so Schlottmann weiter, "wird angenommen, aber nicht, um die überholten Regionalbezüge, wie DDR, Ostdeutschland oder neue Länder abzulösen". Diese Hypothese der Wissenschaftler hat sich in den Umfragen nicht bestätigt. Dass der MDR und seine Sendereihen wie u. a. "Geschichte Mitteldeutschlands" zweifellos eine entscheidende Rolle in dem Konstruktionsprozess spielen, ist laut Antje Schlottmann nicht zu übersehen. Denn die Drei-Länder-Einheit konnte von mehreren Befragten benannt werden, auch wenn sie sich selbst nicht als Mitteldeutsche bezeichneten.

"Die Medien fungieren jedoch nur als Verstärker für einen gesellschaftlichen Prozess, der ohnehin abläuft", sagt Prof. Werlen. "Geografische Bezüge sind für das Selbstverständnis der Leute äußerst wichtig und werden vor dem Hintergrund der Globalisierung gar noch wichtiger." Das heißt, in einem globalen Dorf haben wir das Bedürfnis uns zu verorten. Für diesen Zweck setzen viele Heimat, genau so wie unsere Vorväter dies auch taten, meist mit einem Ort, einem räumlichen Herkunftsbereich gleich. "Die Konstruktion der Region Mitteldeutschland ist für uns eine Laborsituation, die stellvertretend für andere ablaufende Prozesse der territorialen Neuordnung steht", betont Prof. Werlen.

Originalpublikationen: T. Felgenhauer, M. Mihm & A. Schlottmann: "The making of Mitteldeutschland. On the function of implicit and explicit symbolic features for implementing regions and regional identity", Geografiska Annaler (2005), 87B, 1, S. 45-60. T. Felgenhauer, M. Mihm & A. Schlottmann: "Langage, média et régionalisation symbolique: la fabrication de la Mitteldeutschland". Géographie et cultures (2005) 47, S. 85-102.

Kontakt:
Prof. Dr. Benno Werlen und Dr. Antje Schlottmann
Institut für Geographie der Universität Jena
Grietgasse 6, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 948841 oder 948845