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20.000 Jahre früher angekommen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2017 11:11

Die Besiedlung Australiens und des ihm vorgelagerten indonesischen Archipels ist ein heftig umstrittenes Feld der Paläoanthropologie. Die bisherigen archäologischen Funde sprachen stets für eine relativ späte Besiedlung vor frühesten 45.000 Jahren. Phylogenetische und ökologische Studien legten dagegen ein viel früheres Einwanderungsdatum nahe, das mindesten bei 60.000 Jahren lag. Jetzt haben in "Nature" zwei Forschergruppen voneinander unabhängig neue Befunde vorgelegt, die tatsächlich für eine sehr frühe Besiedlung sowohl Australiens, als auch Sumatras sprechen.


Das verkarstete Hochland von Padang, Sumatra. (Bild: Nature/Kira Westaway)

Das verkarstete Hochland von Padang, Sumatra. (Bild: Nature/Kira Westaway)

Steil und zerklüftet, bis zum Gipfel dicht bewachsen mit Regenwald schiebt sich ein Bergrücken ins Hochland von Padang auf Sumatra, gut 80 Kilometer von der gleichnamigen Hafenstadt an der Westküste der Insel entfernt.  Selbst heute, wo Sumatra eine Bevölkerung von 50 Millionen Einwohnern und eine Populationsdichte wie Österreich besitzt, sind die Berge der einst regenwaldreichen Insel erstaunlich unwegsam. Vor Zehntausenden von Jahren dürften die Bergregenwälder schier undurchdringlich gewesen sein, und dennoch haben sich offenbar anatomisch moderne Menschen vor mindestens 63.000 Jahren in den Höhlen von Lida Ajer am Fuß des Sago-Vulkans aufgehalten.

Das zeigen umfangreiche Grabungen in der Kalksteinhöhle und vor allem die sorgfältige Datierung zweier Zähne, deren Ergebnisse ein internationales Forscherteam unter Leitung von Kira Westaway von der Macquarie-Universität in Sydney jetzt in "Nature" vorgestellt hat. Die Zähne selbst waren bereits 1880 von dem niederländischen Paläontologen Eugène Dubois ausgegraben worden, allerdings waren sie bislang auf ein wesentlich jüngeres Alter geschätzt worden.

Eingang zur Höhle von Lida Ajer, Sumatra. (Bild: Nature/Julien Louys)

Eingang zur Höhle von Lida Ajer, Sumatra. (Bild: Nature/Julien Louys)

Dubois' Funde: Einer der Zähne mit Schnittbild (li.) und ein Orang-Utan-Zahn zum Vergleich (re.). (Bild: Nature/Tanya Smith/Rokus Awe Due)Für die jetzige Neudatierung der Zähne und der Ablagerungen der Höhle, in denen diese gefunden worden waren, wurde das gesamte verfügbare Arsenal moderner Datierungstechniken aufgeboten. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Zähne vor 73.000 bis 63.000 Jahren in der Höhle abgelagert wurden", berichtet Westaway im Online-Portal "The Conversation". Gleichzeitig zeigten anatomische Vergleiche mit den Zähnen verschiedener Menschen- und Affenarten eindeutig, dass Dubois' Funde eindeutig zu anatomisch modernen Menschen gehören. Damit wären unsere unmittelbaren Vorfahren mindestens 20.000 Jahre früher im indonesischen Archipel aufgetaucht als bislang belegt.

Clarkson und May Nango, Kustodin der Djurrubu für Madjedbebe. (Bild: Nature/Gundjeihmi Aboriginal Corporation/Dominic O'Brien)Die Ergebnisse von Sumatra passen außerordentlich gut zu einem Bericht australischer Archäologen in einer Juli-Ausgabe von "Nature", der die Spuren der ersten modernen Einwanderer auf australischem Boden auf ein Alter von rund 65.000 Jahren datiert. Die Forscher unter Leitung von Chris Clarkson von der Universität von Queensland hatten an der Fundstelle Madjedbebe in Nordaustralien ebenfalls neue Ausgrabungen und vor allem ausführliche Datierungen durchgeführt. Madjedbebe liegt am Kakadu-Nationalpark und gilt als eine der ältesten, wenn nicht die älteste archäologische Fundstätte des fünften Kontinents. Auch diese Neudatierung schiebt den Beginn der menschlichen Besiedlung dort um rund 20.000 Jahre in die Vergangenheit. "Viele Leute fragten sich, warum bei einer so frühen Besiedlung Australiens in Südostasien keine Spur der durchreisenden Menschen zu finden war", so Westaway, "unsere Arbeiten in Lida Ajer haben diese Frage jetzt beantwortet."

Die Fundstätte Madjedbebe, Nordaustralien. (Bild: Nature/Gundjeihmi Aboriginal Corporation/Dominic O'Brien)

Die Fundstätte Madjedbebe, Nordaustralien. (Bild: Nature/Gundjeihmi Aboriginal Corporation/Dominic O'Brien)

Clarkson und Ranger der Djurrubu in Mandjedbebe. (Bild: Nature/Gundjeihmi Aboriginal Corporation/Dominic O'Brien)Beide Veröffentlichungen werfen eine ganze Reihe wichtiger Fragen auf. "Wenn die Menschen so viel früher in Australien ankamen als wir dachten", so Chris Clarkson von der Universität Queensland, "dann müssen sie auch viel früher als bisher gedacht in Afrika aufgebrochen sein." Bisher gehen die Paläontologen davon aus, dass die Besiedlung der außerafrikanischen Gebiete durch frühe anatomisch moderne Menschen erst vor rund 70.000 Jahren begann.  Den neuen Daten zufolge haben anatomisch moderne Menschen auch viele Tausend Jahre neben dem berühmten Hobbit der Insel Flores gelebt, dessen jüngste Spuren inzwischen auf ein Alter von 54.000 Jahren datiert sind. Und zum guten Schluss räumen die neuen Datierungen auch mit der Hypothese auf, die einwandernden Aborigines hätten die blühende Großtierwelt Australiens binnen weniger Jahrzehnte ausgelöscht. "Menschen und Megafauna haben bis zu 25.000 Jahre nebeneinander gelebt, das beerdigt diese Ideen nachdrücklich", so Clarkson.

Seltene und sehr alte Axt aus Madjedbebe. (Bild: Nature/Gundjeihmi Aboriginal Corporation/Chris Clarkson)Beide Neudatierungen unterfüttern eine schon lange andauernden Diskussion mit archäologischen und paläontologischen Funden. Denn schon seit fast zwei Jahrzehnten haben die Erforscher speziell der frühen australischen Geschichte den Verdacht, dass die bisherigen harten archäologischen Beweise einer menschlichen Besiedlung nur ein Zerrbild der Realität lieferten. Phylogenetische Untersuchungen und eben das auffällige Aussterben der australischen Großbeutler vor 45.000 Jahren legten eine menschliche Einwanderung zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt nahe, als es die Fundstellen hergaben. Die Geschichte der urgeschichtlichen Besiedlung Indonesiens ist dagegen noch extrem lückenhaft, nicht zuletzt, weil sich im tropischen Urwaldklima kaum Spuren erhalten. Funde wie die in der Höhle von Lida Ajer sind extrem selten.

Die Fundstätte Madjedbebe. (Bild: Nature/Gundjeihmi Aboriginal Corporation/D. O'Brien)

Obwohl beide Publikationen ein in sich stimmiges Bild von der Besiedlung der indonesischen Inseln und darauf folgend des australischen Kontinents liefern, bleiben etliche Fragen offen. So passt die Lage der Höhle von Lida Ajer nicht zur bisherigen Vorstellungen der Reiserouten durch Südostasien. Sie liegt immerhin 80 Kilometer von der heutigen Küstenlinie entfernt im stark bewaldeten Landesinneren. Unter den Bedingungen der damaligen Kaltzeit dürfte die Entfernung zur leicht passierbaren Küste noch weiter gewesen sein. Überdies dürften die Regenwälder, die es den Funden in der Höhle zufolge auch damals auf Sumatra gab, die Menschen vor Herausforderungen gestellt haben. "Um in dichten Regenwäldern zu überleben, brauchten die Menschen spezielles Jagdwissen und die entsprechenden Geräte", so Julien Louys, Paläontologe an der Griffith University in "The Conversation". Warum sie also viele Tagesmärsche in den Wald wanderten anstatt weiter die Küste entlang, bleibt ein Rätsel.

Möglicherweise brachte eine Naturkatastrophe die Menschen vom direkten Weg ab. Der Vulkan Toba ist nur 360 Kilometer Luftlinie von der Höhle von Lida Ajer entfernt. Die gewaltige Eruption, die den Vulkan geradezu in die Luft sprengte und nur wenig mehr als den heutigen Kratersee hinterließ, wird nach aktuellen Messungen auf ein Alter von rund 72.000 Jahren datiert. "Es besteht eine hauchdünne Chance, dass die Menschen aus der Lida-Ajer-Höhle diese Eruption miterlebt haben und dem intensiven Ascheregen ausgesetzt waren", so Kira Westaway. Wesentlich wahrscheinlicher sei es allerdings gewesen, dass die Menschen erst nach der schwersten Eruption der vergangenen 25 Millionen Jahren die Gegend durchquerten. Ebenfalls gut möglich ist, dass durch die schweren Umweltveränderungen der Regenwald damals gar nicht so undurchdringlich war.