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Abkürzung durch das Rote Meer

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.01.2011 15:44

Die erste Station des anatomisch modernen Menschen auf seinem Weg von Afrika aus in die weite Welt war möglicherweise nicht Palästina, sondern der heutige Jemen. Ein internationales Forscherteam unter Leitung des emeritierten Tübinger Archäobiologen Professor Hans-Peter Uerpmann hat am Dschebel Faya im Golfemirat Schardscha Faustkeile ausgegraben, die das nahelegen.

Arabische FaustkeileDie ältesten dieser Werkzeuge sind 127.000 Jahre alt und daher älter als die ältesten in der Levante gefundenen Steinwerkzeuge. "Die Migration anatomisch moderner Menschen aus Afrika wäre so um mindestens 20.000 Jahre früher geschehen als gedacht", erklärte Uerpmann auf einer Pressekonferenz der Wissenschaftszeitschrift "Science". Außerdem zeigen die Werkzeuge nach Angaben von Anthony Marks, emeritierter Professor von der Southern Methodist University in Dallas, größere Ähnlichkeit mit Funden aus Ostafrika als aus Palästina. "Ein Vergleich der Technik, die für die Herstellung verwendet wurde, zeigt, dass die Werkzeuge aus Schardscha vollkommen anders waren als die aus Palästina und deshalb mit diesen nicht in Verbindung stehen konnten", erklärt Marks. In Ostafrika dagegen gebe es entsprechende Werkzeugfunde. Die Menschen, die vor 127.000 Jahren die Faustkeile vom Dschebel Faya hergestellt und benutzt haben, sind daher mit höherer Wahrscheinlichkeit über das südliche Rote Meer gekommen, als von Palästina die Westküste der Arabischen Halbinsel herab.

Naher Osten im PaläolithikumDie klassische Route für den Auszug aus Afrika führt über das Niltal und Palästina in Richtung Kaukasus beziehungsweise Bosporus und von dort weiter nach Europa oder Asien. Die Abkürzung über den Bab-al-Mandab, die Einmündung des Roten Meeres in den Golf von Aden wurde zwar diskutiert, bislang fehlten aber die entsprechenden Funde. Die Südroute nach Asien ist wesentlich kürzer als der Weg über das östliche Mittelmeer, allerdings stehen dem Wanderer dort drei Hindernisse im Weg: der Bab-al-Mandab mit derzeit rund 27 Kilometer Breite, die fast 39 Kilometer breite Meerenge von Hormuz am Ausgang des Persischen Golfs sowie zwischen beiden gelegen das Nedschd-Plateau im heutigen Oman, ein immens trockenes Hochland mit nur sehr spärlichen Wasservorkommen.

Ausgrabungsstätte am Dschebel FayaAllerdings sind sowohl Klima als auch Meeresspiegel wandelbar, weshalb die Archäologen um Uerpmann nicht nur nach menschlichen Hinterlassenschaften gruben, sondern auch die jeweiligen Umweltparameter zu bestimmen suchten. "Während der Eiszeiten fallen die Meeresspiegel, weil viel Wasser an den Polen gebunden wird", erklärt der Geographie-Professor Adrian Parker von der englischen Oxford Brookes Universität. Vor rund 130.000 Jahren ging eine solche Eiszeit gerade zu Ende, der Meeresspiegel im Roten Meer lag damals etwa 100 Meter niedriger als heute und der Bab-al-Mandab war nur vier bis fünf, manche Experten glauben sogar nur einen Kilometer breit. Eiszeiten bringen aber auch ausgedehnte Wüstengürtel mit sich. "Daher waren die frühen anatomisch modernen Menschen während der Eiszeit in Ostafrika eingeschlossen, denn die Wüsten der Sahara und Arabiens verhinderten Wanderungen", so Parker.

Beim Wechsel von einer Eis- zu einer Warmzeit gibt es jedoch eine relativ kurze Übergangszeit, in der bereits die Niederschläge zunehmen, während der Meeresspiegel noch niedrig ist. So geschah es auch vor 130.000 Jahren. "Der Indische Monsun brachte bereits Regen nach Arabien", so Parker, "und die vorher lebensfeindlich trockene Wüste im Inneren der Halbinsel war von einer Grassavanne mit großen Seen und Flüssen abgelöst worden." Zu dieser Zeit hätte dem damaligen Menschen der Weg von Ostafrika nach Arabien und bis zum Persischen Golf offengestanden.

Dschebel Faya, Emirat SchardschaWährend der gesamten Zwischeneiszeit bot Südarabien den Menschen nahezu die Lebensbedingungen, wie sie sie auch in Ostafrika vorgefunden hätten, der Monsun auf dem Höhepunkt der Zwischeneiszeit beseitigte sogar die Wüsten-Barriere im Inneren der Halbinsel. Allerdings sorgten Rotes Meer und Persischer Golf auf ihrem jeweiligen Höchststand dafür, dass die Population auf der Halbinsel festsaß. "Als dann aber der Meeresspiegel während der darauffolgenden Eiszeit wieder sank, war der Weg über den Persischen Golf und weiter nach Indien frei", erklärt Hans-Peter Uerpmann. Den dürften die frühen Siedler Arabiens auch benutzt haben, denn die Eiszeit machte aus der Halbinsel wieder eine ziemlich unwirtliche Wüstenlandschaft.

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