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Ackerbau kam in individuellen Bündeln

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.11.2014 18:20

Lange hatte es ausgehen, als sei die Landwirtschaft eine Art Geniestreich gewesen, eine Revolution in der Jungsteinzeit - als sich die Menschheit gerade von den Krisen der jüngsten Eiszeit erholte und vermehrte. Doch die verführerische Theorie wurde von den Wissenschaftlern inzwischen verworfen. Nach derzeitigem Stand war die sogenannte Neolithische Revolution ein Bündel von Innovationen, die an den verschiedenen Orten unterschiedlich kombiniert wurden.

Nur die intensivste Landwirtschaft übertrifft die Natur an Produktivität. (Bild: Wikipedia/Hinrich)Der rasante Aufstieg der Menschheit zur beherrschenden Art des Planeten Erde begann mit dem sogenannten "neolithischen Bündel" aus Siedlungen, Haustieren, Kulturpflanzen und Keramik - eine "Neolithische Revolution", wie lange gedacht, war das allerdings offenbar nicht. "Man kam schrittweise zum produzierenden Wirtschaften und zur Sesshaftigkeit, dann werden die Siedlungen immer größer, es kommt so zur ungleichen Verteilung von Eigentum, Eliten bilden sich heraus, komplexe Gesellschaften, Handwerk, Arbeitsteilung, und dann haben wir politische Strukturen, Tempelbauten, Paläste", skizziert Professor Hermann Parzinger die Entwicklung. Der Prähistoriker ist derzeit Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin.  Maßgeblich geprägt hatte das Bild von der "Neolithischen Revolution" der australische Archäologe Gordon Childe in den 1930er Jahren. Seine Theorien waren mehr oder weniger Spekulation, doch sie faszinierten und setzten sich daher durch. Inzwischen haben Archäologen und Anthropologen Childes "neolithisches Bündel" wieder aufgeschnürt. Es gibt offenbar nur eine Region, in der alle Elemente dieser Revolution zusammen und gleichzeitig etabliert wurden: Europa. Und hier wäre es vielleicht angebrachter, von einer "Neolithischen Invasion" zu sprechen, denn die Anzeichen sprechen dafür, dass Menschen aus dem ägäischen Raum über zwei Routen nach Europa einwanderten und dort die ansässigen Jäger und Sammler verdrängten.

Wo immer aber die Menschen die neue Kultur „erfanden“, gingen sie jeweils eigene Wege. So entstand in Nordafrika Viehzucht ohne Ackerbau und Ackerbau ohne Viehzucht in Zentralasien. Siedlungen ohne Ackerbau gab es in Ecuador, Ackerbau ohne echte Siedlungen in Mexiko. Im Ostseeraum gab es Jäger und Sammler mit Keramik und in Peru Bauern ohne. Die Menschen domestizierten das, was in ihrer Umwelt lebte und sich zur „Zähmung“ eignete: Wildgetreide, Reis, Hirse, Yams, Schaf, Ziege, Rind oder Huhn. Die Ureinwohner Australiens sollen deshalb keinen Ackerbau entwickelt haben, weil es an Wildformen potentieller Kulturpflanzen fehlte. Auch klimatische Unterschiede ließen keinen Königsweg zur Neolithisierung zu. Doch was läutete jeweils diese Entwicklung ein? Die Daten deuten in eine bestimmte Richtung. Markus Reindel, Prähistoriker am Deutschen Archäologischen Institut in Bonn: "Die Tendenz in der Diskussion weltweit geht dahin, dass die Gesellschaften zuerst sesshaft wurden und die Domestikation der Pflanzen, die durchaus schon bekannt waren aus mobilen Leben, eigentlich der Sesshaftigkeit nachfolgte." Göbekli Tepe, ein Ausgrabungsort in der südlichen Türkei, dessen früheste Schichten ins 10. Jahrtausend vor Christus datiert werden, legt nahe, dass sich die gerade sesshaft gewordenen Jäger und Sammler als Kultgemeinschaft verstanden: Riten könnten über größere, noch verstreut lebende Gruppen hinweg ein Gemeinschaftsgefühl gestiftet haben.

Senegalesischer Bauer auf seinem Erdnuss-Feld. (Bild: World Vision/Peter Weston)Aus dieser Gemeinschaft erwuchs dann die neuartige Wirtschaftsweise. "Sie domestizieren Pflanzen und Tiere und sie werden sesshaft und betreiben Ackerbau", sagt Joachim Burger, Anthropologe an der Universität Mainz. Was die Menschen dazu trieb, ihre traditionelle Lebensart zugunsten von etwas völlig Neuem aufzugeben, ist unbekannt. Doch die Entscheidung nötigt den Anthropologen noch heute Respekt ab. "Das geht schließlich mit einem gewissen Risiko einher, dass es Missernten gibt", so Burger. Und nicht nur Missernten drohten. Die Skelette verraten den Archäologen, dass die frühen Bauern kleiner blieben als ihre jagenden Vorfahren, wohl auch, weil ihre Ernährung oft zu einseitig war. Außerdem starben die frühen Bauer jünger als die Jäger und Sammler. Infektionskrankheiten wurden zum Problem: In den Dörfern lebten alle dicht beieinander und der Kontakt mit den Haustieren war eng. Krankheitserreger hatten leichtes Spiel.

Allerdings war der Wechsel sicher keine bewusste radikale Entscheidung, sondern eine langfristige Entwicklung. "Es ist wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass das ein Prozess war, der sich über viele Hunderte oder Tausende Jahre hingezogen hat", erklärt die Archäologin Ruth Bollongino von der Universität Mainz. 2000 Jahre, so schätzen die Wissenschaftler, hat es im Nahen Osten gedauert, bis dort das klassische „neolithische Bündel“ perfekt war. Dann dauerte es noch viele weitere Jahrhunderte, bis es auf Reisen in Richtung Europa ging. Der Grund: Die bäuerliche Gesellschaft begann allen Widrigkeiten zum Trotz das, was bis heute anhält: Die Zahl der Menschen nahm immer mehr zu - und wenn sie zu groß für das urbar gemachte Territorium war, wanderte man aus. "Man kann sich sehr gut vorstellen, dass einfach die Kinder irgendwann aufbrechen und wegziehen, um woanders einen neuen Hof zu gründen", skizziert Bollongino, wie man sich heute das damalige Szenario denkt: Die Bauern erschlossen sich immer größere, vermeintlich unbewohnte Gebiete, und kamen dabei den verstreut lebenden Jägern und Sammlern in die Quere. Eine ähnliche, wenngleich auch wesentlich schnellere Dynamik spielte sich im 19. Jahrhundert in der amerikanischen Prärie ab, als die weißen Siedler sich auf den Weg nach Westen und den indianischen Ureinwohnern den Lebensraum streitig machten.

Batad, ein kleines Dorf inmitten von Reisfeldern, liegt im Norden von Luzon, Philippinen.Doch auch der Wechsel in Europa von den Jäger- und Sammler-Kulturen zu Ackerbau und Viehzucht vollzog sich innerhalb weniger Jahrhunderte und er ging einher mit einem Bevölkerungsaustausch. "Es kam heraus, dass sie sich genetisch recht stark unterscheiden in gewissen Markern, so dass wir also ausschließen können, dass die Jäger und Sammler die Vorfahren der ersten Bauern waren", so Bollongino. Die Blätterhöhle bei Hagen zeigt, dass beide Gruppen über lange Zeiträume nebeneinander gelebt haben könnten. "Eine Vermischung, die wir eigentlich zuerst vermutet haben, gab es nicht", erklärt die Archäologin. Stattdessen lebten beide Gruppen nebeneinander her, und das noch 2000 Jahre nach Ankunft der ersten Bauern.

In Indien lief es ähnlich, allerdings leben beide Gruppen - Ackerbauern und Wildbeuter - noch heute nebeneinander. "Wir sehen, dass die Ausbreitung der Landwirtschaft auch in Indien starke genetische Spuren hinterlassen hat, und dass es die Bauern selbst waren, die die bäuerliche Lebenskultur nach Indien brachten", erklärt der Genetiker Mark Stoneking, Professor vom Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. In der nordindischen Gangesebene entwickelte sich überdies eine eigene neolithische Tradition. Dort begannen die Menschen im 8. Jahrtausend v. Chr. Stampflehmhäuser zu errichten und Tongefäße zu fertigen, in denen Reisspelzen Abdrücke hinterließen. Ob das schon domestizierter Reis war oder noch gesammelte Körner der Wildform, ist offen.

Reis war auch die Grundlage der Entwicklung im dritten Zentrum auf dem eurasischen Kontinent: China. Der Beginn ist zwischen chinesischen und westlichen Forschern umstritten, "aber", so Hermann Parzinger, "ab dem achten Jahrtausend können wir wohl schon mit Reisanbau rechnen." Der Ackerbau war jedoch Ergänzung zum traditionellen Jagen, Fischen und Sammeln. Wegen der reichen Nahrungsquellen hielten die Menschen offenbar lange an ihrem überlieferten Jäger-Sammler-Dasein fest - und entwickelten die neue neolithische Welt sozusagen nebenher. "Das war so eine Art Wandergartenbau und ist so schrittweise eben zum sesshaften Ackerbauern geworden", so Parzinger. Nach Jahrtausenden waren sie dann endgültig Bauern geworden, die neben dem Reis auch Hirse anbauten und Schweine, Rinder und Hühner hielten.

In den beiden Amerikas ist der Mensch ein Nachzügler: Erst mit dem Ende der jüngsten Eiszeit breitete er sich dort aus - dann aber umso schneller. Vor allem entlang der Westküste gelangte er im Eiltempo in den Süden. Die kalten Tiefseeströme die an den dortigen Künsten empordrängen, sorgen für großen Fischreichtum. "Wir können tatsächlich beobachten, dass die ersten sesshaften Siedlungen an der Küste sind", sagt Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut in Bonn. Von den Küsten wanderten die Menschen die Flusstäler empor in die zentralen Anden. "Das ist sozusagen der Hotspot der Kulturentwicklung in den Anden, dort haben sich diese Prozesse zuerst abgespielt", so Reindel. Ihre bevorzugten Kulturpflanzen waren Chili-Pfeffer, Kürbisse und Bohnen. Reindel: "Mit der Zeit kommen noch verschiedene andere Knollenfrüchte hinzu, Maniok zum Beispiel." Haustiere dagegen waren Mangelware: Aus Vicunja und Guanaco entstanden Lamas und Alpakas, und die berühmten Meerschweinchen. Am Ende des 4. Jahrtausends vor Christus ist dann auch in Südamerika die kritische Masse erreicht. "Plötzlich entstehen an vielen Stellen, vor allem der zentralen Küste von Peru, monumentale Bauwerke, große Siedlungen Hinweise auf wirklich komplexe Wirtschaftsformen, Austausch mit Hochland und Küste", erzählt Markus Reindel. Die Hochkulturen beginnen auch hier.

Von den fünf Zentren des Ackerbaus aus entwickelt sich die neue Wirtschaftsweise immer weiter, die Nahrungsvorräte nehmen immer mehr zu und mit ihnen die Zahl der Menschen. "Der Mensch war immer bestrebt die Nahrungserwerbung zu optimieren und ständig mehr Überschüsse zu erzielen", erklärt Hermann Parzinger, "wenn er merkt, dass Domestikation viel praktischer ist, dann wird er sesshaft und macht es im großen Stil. Dann erzeugt er Überschuss, und baut gemeinschaftliche Speicherbauten." Auf dieser Grundlage begann die Entwicklung der menschlichen Zivilisation - bislang eine Erfolgsgeschichte. Allerdings ist ihr Ende noch nicht geschrieben.