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Ackerbau mit Fernwirkung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.12.2010 11:09

Jedes Jahr im Frühsommer spielt sich im Golf von Mexiko dasselbe Schauspiel ab. Vor dem ausgedehnten Mississippi-Delta sinkt nach gigantischen Algenblüten der Sauerstoffgehalt des Wassers drastisch ab, in einem schnell wachsenden Gebiet verliert das Ozeanwasser in Bodennähe nahezu seinen gesamten Sauerstoff. Alles, was Beine hat, nimmt Reißaus, auch Fische und andere Tiere, die die oberen Wasserschichten bewohnen, fliehen aus dieser sogenannten Todeszone, denn selbst in den oberen Meeresstockwerken breitet sich Sauerstoffmangel aus.

Dead Zone In diesem Jahr erstreckte sich das Gebiet über fast 20.000 Quadratkilometer, die zweitgrößte Fläche seit man Mitte der 80er Jahre mit der Vermessung dieses Phänomens begann. Wie in jedem Jahr verschwand die Zone im Laufe des Herbstes wieder, weil sauerstoffreiches Wasser einströmte. Das Phänomen fiel mit der Ölpest zusammen, die die Explorationsplattform "Deepwater Horizon" vor der US-Golfküste verursachte. Doch verantwortlich für die Todeszone ist nicht die Öl- und Gasförderung im Golf, sondern die Landwirtschaft im Mississippi-Atchafalay-Becken.

Das erstreckt sich über 31 Bundesstaaten, umfasst rund ein Drittel des US-amerikanischen Kernlandes und gehört zu den produktivsten Anbaugebieten der Erde. Bei Mais und Sojabohnen steht das Mississippi-Becken unangefochten an der Weltspitze, die Agrarstaaten südlich der Großen Seen produzieren sie für den heimischen Markt und den Export und tun dies unter reichlich Düngereinsatz. Und dieser Dünger ist es, der 1500 Kilometer entfernt im Golf von Mexiko die Algen im Rekordmaßstab blühen läßt.

Mississippi-BeckenInsbesondere der Maisgürtel von Iowa über Illinois bis nach Ohio sticht durch gewaltigen Stickstoffeintrag hervor, das hat jetzt eine aktuelle Studie der Universität von Illinois und der Cornell Universität ergeben. Die Bauern hier erwirtschaften hervorragende Erträge auf ehemaligen Feuchtgebieten, müssen dafür aber ihr Land durch Drainagen trocken halten. Und durch diese Drainagen gelangt offenbar besonders viel Stickstoff von den Äckern in die Flüsse und endet dann vor der Küste Louisianas. Zwischen 27 und 107 Kilogramm Stickstoff jährlich haben die Bauern des Maisgürtels zwischen 1997 und 2006 eingesetzt, um ihre Rekordernten einzufahren. Zwischen einem Viertel und einem Drittel, das zeigt die Studie von Mark David, Laurie Drinkwater und Gregory McIsaac, ist ohne Umstände im Drainage-Wasser und daraufhin im Mississippi gelandet.

Die Forscher haben in einer großen Fleißarbeit für jeden einzelnen der 1768 Landkreise des Beckens die notwendigen Daten zu Ernteertrag, Bevölkerung und Viehbestand, sowie zu Düngerverwendung und atmosphärischem Stickstoffeintrag erhoben. Hinzu kamen die Nitratbelastungen, die an 153 Stellen im Gewässernetz gemessen wurden. Aus diesem Datenschatz errechnete dann ein Computermodell die Nitratbelastung für jeden Landkreis.

Mississippi-DeltaSchon lange existieren Pläne der US-Regierung, die Nitratbelastung des Mississippi zu reduzieren, damit die Meeresgebiete unweit des Flussdeltas geschont werden, doch bislang sind die Pläne reine Makulatur. Die Nitratbelastung des Flusses ist unverändert und die Todeszonen im Golf dehnen sich aus wie immer. Die Studie könnte zumindest zeigen, wo sich anzusetzen lohnt: "Wir wissen noch nicht einmal, wie groß die Drainage-Systeme genau sind", erklärt Hauptautor Mark David und sein Kollege Laurie Drinkwater ergänzt: "Wir müssen dort zu irgendeiner Art von Kontrolle kommen, wenn wir die Todeszonen im Golf von Mexiko eindämmen wollen."

Die Forscher haben auch einige Lösungsvorschläge parat: So könnten zwischen den Ackerbaugebieten und den Flüssen alte Feuchtgebiete wieder reaktiviert werden, die als Biofilter fungieren und einen Teil der Nitratbelastung von den Gewässern fernhalten könnten. Besonders wirkungsvoll sei aber, so Drinkwater, der Einsatz einer Wintersaat zwischen den Hauptsaaten. Dann könnte der Stickstoffverlust in die Gewässer um bis zu 70 Prozent reduziert werden.  

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