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Aktiver Schwesterplanet

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.07.2015 10:01

Erde und Venus werden oft als Schwesterplaneten bezeichnet. Doch so ähnlich sie sich von Material und Größe her sind, so unterschiedlich ist ihr Werdegang. Entgegen ihres verführerischen Namens ist die Venus eher eine planetare Hölle mit Temperaturen nahe an 500 Grad. Infrarotbilder der europäischen Sonde "Venus Express" zeigen jetzt, dass der Planet immer noch aktiv ist.

So stellt ein Esa-Illustrator sich den Vulkanismus auf der Venus vor. (Bild: Esa)Die Venus gehört offenbar doch noch nicht zum planetaren Alteisen des Sonnensystems. "Es sieht so aus, also ob wir sie in den kleinen Club der vulkanisch aktiven Himmelskörper aufnehmen können", sagte Hakan Svedhem, ESA-Projektwissenschaftler der Venus-Express-Mission. Die europäische Raumsonde hatte im Jahr 2008 Infrarotbilder einer Region in den mittleren nördlichen Breiten unseres Nachbarplaneten geschossen, die jetzt von einem internationalen Wissenschaftlerteam ausgewertet wurden. "Wir haben dort Stellen auf der Oberfläche gefunden, die rasch sehr heiß werden und sich dann wieder abkühlen", erklärte Eugene Shalygin vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, der Hauptautor eines entsprechenden Berichts in den "Geophysical Research Letters".

Die Bilder von "Venus Express", die aktiven Vulkanismus auf dem Planeten zeigen. (Bild: Esa)Konkret geht es um vier kleine Flecke im Ganiki Chasma, einer Bruchzone nördlich der beiden großen und vermutlich erkalteten Vulkane Maat Mons und Ozza Mons. In den Wärmebildaufnahmen aus dem Juni 2008 traten die vier jeweils nur wenige Quadratkilometer großen Flecke nacheinander mit Temperaturen hervor, die fast 400 Grad über der globalen Mitteltemperatur der Venusoberfläche liegen. Im Oktober 2008 war das Schauspiel bereits vorbei, die Gebiete der Objekte A bis D, unterschieden sich nicht mehr von ihrer Umgebung. Für die Esa-Wissenschaftler ist das das bisher eindeutigste Zeichen für noch aktiven Vulkanismus auf unserem höllischen Nachbarplaneten.

Venus ist von Größe und Zusammensetzung her der erdähnlichste Planet des Sonnensystems. Allerdings haben die beiden Schwestern grundlegend unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht. Auf der Venus herrschen heute Durchschnittstemperaturen von rund 480 Grad Celsius, ihre Atmosphäre ist extrem dicht und besteht zu mehr als 90 Prozent aus Kohlendioxid. Der Planet dürfte ähnlich wie die Erde eine interne Hitzequelle besitzen, die sich vor allem aus der Zerfallswärme radioaktiver Stoffe speist. Allerdings ist auf der Venus ein anderer Mechanismus aktiv, um diese Wärme auch abzuführen. Statt der irdischen Plattentektonik war es auf unserem Nachbarplaneten offenbar ein starker Vulkanismus, mit dem das Planeteninnere gekühlt wurde. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass er so gewalttätig war, dass vor etwa 500 Millionen Jahren die komplette Planetenoberfläche von einer Lavaschicht bedeckt und damit flächendeckend erneuert wurde.

Der Vulkankegel von Idunn Mons auf 46 Grad südlicher Breite, 214,5 Grad östlicher Länge der Venus. (Bild: Esa)Die große Frage war bislang, ob sich die Venus mittlerweile verausgabt hat, oder ob von diesem Vulkanismus auch heute noch etwas übrig geblieben ist. Bereits 2010 hatten Wissenschaftler Auffälligkeiten in den Infrarotsignalen von drei offensichtlich vulkanischen Gebieten entdeckt, die auf zumindest relativ jungen, noch nicht vollständig erkalteten Vulkanismus hindeuteten. 2012 berichtete eine andere Forschergruppe, dass "Venus Express" 2006 und 2007 einen auffälligen Anstieg von Schwefeldioxid in der Venus-Atmosphäre registriert hatte. Die Ursache hätten Vulkanausbrüche sein können, doch dieses indirekte Indiz reichte den Planetologen nicht. Die jetzt berichtete Beobachtung aus dem Jahre 2008 ist dagegen kaum anders zu verstehen, als dass hier sehr heißes Material für kurze Zeit an die Venusoberfläche gelangte. "Es könnte flüssige Lava, stark erhitztes Gestein oder sogar Gaseruptionen sein, vermutlich ist es eine Kombination aus allen dreien", erklärte Colin Wilson, Atmosphärenphysiker an der Universität Oxford und Wissenschaftskoordinator von Venus Express gegenüber der britischen BBC.

Eines ist jedoch sicher: Wenn die Flächen im Ganiki Chasma aktuelle Vulkanausbrüche anzeigen, dann ist das nur ein Schatten des Vulkanismus aus früheren Tagen. Die Wissenschaftler haben den Durchmesser einer dieser Eruptionen auf rund einen Kilometer berechnet. Gut möglich, dass die Venus den "Club der vulkanisch aktiven Himmelskörper" bald verlässt.