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Als Untermieter zum Pol

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.05.2012 16:45

Während sich die Pläne für den europäischen Forschungseisbrecher "Aurora Borealis" endgültig in Luft aufgelöst haben, entstand am anderen Ende der Welt ein Schiff, das weitgehend den Plänen der europäischen Polar- und Meeresforscher entspricht. Ende 2011 hat die "Stena IceMax", ein eisbrechendes Bohrschiff für den Einsatz unter arktischen Bedingungen, die Werft in Südkorea verlassen und steht für die kommenden fünf Jahre beim Öl-Multi Shell unter Vertrag. Dennoch scheint eine Möglichkeit zu bestehen, das Schiff als Untermieter nutzen zu können. Entsprechende Informationen sorgten auch auf der Jahrestagung der Europäischen Union der Geowissenschaften für großes Interesse bei den Polarforschern.

Nicht immer war das Wetter gut, wenn die Eisbrecher, hier die Oden, der Vidar Viking die Eisschollen vom Leib halten sollten. Die ACEX-Expedition zum Lomonossow-Rücken im Zentrum des arktischen Ozeans von 2004 war das Meisterstück der Europäer im internationalen Bohrkonsortium IODP. Bis dahin wurden sie von den amerikanischen und japanischen Partnern eher als Leichtgewichte angesehen, die zwar durchaus Expertise und auch Geld hatten, aber eben nicht das im Bohren auf See Entscheidende: ein Schiff, das wie Chikyu oder Joides Resolution rausfahren und bohren kann. ACEX zeigte, dass das nicht unbedingt nötig ist.

Die Europäer charterten eine Flotte aus zwei schweren Eisbrechern und einem eisgängigen Bohrschiff, führten in der Nähe des Nordpols ein denkwürdiges Schiffsballett auf und brachten überdies Bohrkerne von einem Ozean nach Hause, der bislang absolute terra incognita für die Wissenschaft gewesen war. "Es existiert bisher nur diese eine Bohrung, von der im Prinzip alles abhängt", erklärt Professor Rüdiger Stein, Maringeologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Eine Bohrung für ein Meeresbecken, das so groß ist wie der asiatische Teil Russlands, ist natürlich viel zu wenig, deshalb wünschen sich die Wissenschaftler weitere Bohrfahrten in den kommenden Jahren. "Und ich möchte ganz persönlich", so Stein, "dass eine in die zentrale Arktis geht, zum so genannten Alpharücken." Dort kann man Sedimente aus den jüngsten 50 bis 120 Millionen Jahren der Erdgeschichte erbohren.

Konzeptentwurf des europäischen Forschungseisbrechers Aurora borealis (Bild: AWI).Das Problem liegt am Geld. ACEX war nicht nur spektakulär erfolgreich, sondern auch ebenso teuer. 13 Millionen Euro hat die Expedition gekostet - und seitdem sind die Preise explodiert, weil sich für die Arktis auch Rohstoffunternehmen mit ungleich größerer wirtschaftlicher Potenz als das europäische Bohrkonsortium Ecord interessieren. Da sich gleichzeitig auch die Pläne für den europäischen Forschungseisbrecher "Aurora borealis" zerschlagen haben, sind die Aussichten für Bohrexpeditionen in den immer noch in weiten Teilen eisbedeckten Ozean nicht blendend.

So war vielleicht die spürbare Aufregung erklärbar, mit der auf der Jahrestagung der Europäischen Union der Geowissenschaften die Nachricht aufgenommen wurde, ein kommerzielles eisbrechendes Bohrschiff sei möglicherweise auch für wissenschaftliche Zwecke verfügbar. "Das war mir neu und auch einigen Kollegen", erklärt Rüdiger Stein.

Das Bohrschiff Stena IceMax ist seit März 2012 einsatzbereit (Bild: Stena Drilling).Das Schiff ist die Stena IceMax, ein 228 Meter langes und 42 Meter breites Bohrschiff, das vom norwegischen Schiffs-TÜV Det Norske Veritas in die höchste Eisklasse +1A1 eingruppiert wurde. Das Schiff gehört der schwedischen Stena-Gruppe und hat gerade die Werft in Südkorea verlassen. Stena ist eines der großen schwedischen Familienkonglomerate, dem unter anderem auch die gleichnamige Fährlinie zwischen deutschen Ostseehäfen und Schweden gehört. Eine im schottischen Aberdeen ansässige Tochterfirma des Konglomerats vermietet Bohrschiffe und führt auch die Stena IceMax im Bestand.

Für die kommenden fünf Jahre ist das Schiff von Shell gemietet, sein erster Einsatzort soll Französisch-Guyana sein. In dem Kontrakt soll allerdings die Möglichkeit verankert sein, das Schiff auch an Dritte "unterzuvermieten". "Diese Möglichkeit wurde von Victoria Pease auf einem Workshop in Kopenhagen vorgestellt", berichtet Stein, "die Schweden waren im Prinzip im Gespräch mit dieser Stena-Gruppe, haben versucht, dieses Schiff für wissenschaftliche Zwecke zu bekommen." Pease selbst, Geophysik-Professorin an der Universität Stockholm, hält sich öffentlich bedeckt: "Die Informationen stammen zwar von mir, aber ich kann weder für Shell noch für Stena sprechen." Und diese beiden geben sich noch verschlossener. Stena verweist auf Anfrage an Shell, und von dort heißt es nur: "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir diese Äußerung nicht kommentieren."

Offene Türen rennen die Wissenschaftler demnach nicht gerade ein, obendrein ist das Schiff offenbar richtig teuer. Stein berichtet von Tagessätzen um die 600.000 - "Dollar oder Euro, das kann ich im Moment noch nicht einmal sagen." Eins ist für ihn jedenfalls klar: "Für rein wissenschaftliche Zwecke kann diese Summe sicherlich nicht aufgetrieben werden. Wenn das kommt, wird es in Zusammenarbeit mit der Erdölindustrie passieren." Schwierige Verhandlungen dürften auf das europäische Bohrkonsortium Ecord zukommen.

Die Bewegungen der drei Schiffe können gut im Eis verfolgt werden. Unbeeinflusst davon werden vorbereitende Expeditionen für die noch nebulösen Bohrkampagnen im arktischen Ozean angestoßen. "Man muss vorher geophysikalische Untersuchungen haben", so Stein, "damit man genau die richtigen Lokationen für das Bohrschiff hat." Diese Daten soll zum Beispiel eine Expedition mit der "Polarstern" 2014 liefern. Unter Umständen beteiligt sich auch der hochmoderne Eisbrecher "Healey" der US-Küstenwache an der Expedition. "Auslaufen: 30. Juli 2014", erklärt Rüdiger Stein, "Einlaufen: 7. Oktober 2014. Das steht fest." Alles weitere dagegen liegt noch im arktischen Nebel.

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