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Archive liefern Lehren für die Zukunft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.11.2009 16:59

Politiker kennen den Grundsatz und beherzigen ihn tunlichst: „All politics is local!“ Oder auf Deutsch: Das Hemd ist auch dem Wähler näher als der Rock. Und nach diesem ungeschriebenen, gleichwohl ehernen Gesetz geht es auch in der Klimapolitik zu. Die derzeitigen Klimamodelle halten es allerdings eher mit dem Rock. Das Hemd, die regionale Klimaentwicklung, ist ihre Sache nicht, weil sie wichtige Teile des Klimapuzzles nicht erfassen können. Daher hat eine Arbeitsgruppe um Michael Mann von der Pennsylvania State University für die vergangenen 1500 Jahre ein umfassendes Klimaarchiv aus verschiedenen Indikatoren aufgebaut. In der aktuellen "Science" stellen sie es vor.

Trockenrisse im afrikanischen BodenDie Folgen des Klimawandels machen sich stets vor Ort bemerkbar und Klimaschutz läßt sich viel besser durchsetzen, wenn man das kommende Treibhaus nicht global und abstrakt, sondern regional oder sogar lokal und konkret an die Wand malen kann. Doch da gibt es ein Problem: "Wir wüssten gern, wie sich die Regenfälle oder Sommertemperaturen in Europa oder im nordamerikanischen Westen verändern, aber da sind die Vorhersagen ungewiss. Und das liegt zum Teil daran, dass die Modelle sich bei grundlegenden Klimaphänomenen nicht einig sind", betont Michael Mann, Direktor des Zentrums für Erdsystemwissenschaften an der Pennsylvania State University in University Park.

Zu diesen grundlegenden Problemphänomenen gehört das pazifische Geschwisterpaar El Niño und La Niña, im Atlantik zählt die sogenannte Nordatlantische Oszillation dazu, die Regen- und Schneefall in Europa bis nach Grönland, im Mittelmeerraum und im Nahen Osten beeinflusst. El Niño und La Niña prägen die Wintertemperaturen in Nordamerika, die Sturmintensität im Atlantik und im Pazifik und nicht zuletzt Regensysteme auf nahezu allen Kontinenten. Je nachdem ob El NiñNiño oder La Niña herrscht, leidet beispielsweise die Landwirtschaft auf dem Indischen Subkontinent und in Ostafrika unter Dürre. "Wir müssen diese Phänomene besser erfassen, um die Klimaentwicklung besser vorhersehen zu können", fordert daher Klimaexperte Mann.

El Niño Juli 2009Weil aber unklar ist, wie sich der Klimawandel in dem komplexen Geflecht auswirken wird, sind regionale Prognosen so schwierig. "Im Moment versuchen wir Wissenschaftler zu entschlüsseln, wie sich die einzelnen Elemente zueinander verhalten", erklärt Michael Mann, "der Sommermonsun in Indien könnte sich zwar abschwächen, aber durch die höhere Temperatur könnte die Luft mehr Wasser aufnehmen, so dass viele dieser Modelle doch zu höheren Regenmengen gelangen." Die große Unbekannte ist die Wirkung von El Niño. "Wenn wir die nicht kennen, setzt das ein Fragezeichen hinter viele dieser regionalen Klimaphänomene", erklärt der Klimaexperte.

Wo Modelle versagen, da hilft nur nachschauen. Und das haben Mann und seine Kollegen in den vergangenen Jahren getan. Sie haben ein gewaltiges Archiv aus Klimainformationen der vergangenen 1500 Jahre aufgebaut. Informationen von Baumringen befinden sich darin, von Korallenstöcken, Tropfsteinen oder Bohrkernen. Die liefern zwar alle keine Temperaturanzeige in Grad Celsius, aber so genannte Proxies, Messwerte, die sich in Grad Celsius umwandeln lassen. "Damit werden hier jetzt erstmals detailliert nicht nur Temperaturverläufe für die Nordhalbkugel oder global dargestellt, sondern auch die räumlichen Muster", lobt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Zum Beispiel für die Mittelalterliche Warmzeit im Hochmittelalter oder für die Kleine Eiszeit während Renaissance und Barock.

Dabei zeigt sich, dass die Mittelalterliche Warmzeit offenbar einem gewissen Eurozentrismus ihren Namen verdankt. Denn in diesen knapp 400 Jahren war es nicht überall warm. Das Hoch über dem Nordatlantik, das Grönland zu seinem Namen verhalf, war einer ausgeprägten nordatlantischen Oszillation zu verdanken, die mit starken Winden Feuchtigkeit und milde Temperaturen nach Nordeuropa und bis nach Grönland transportierte. Dagegen hat es sich gezeigt, dass es im östlichen und im zentralen tropischen Pazifik beispielsweise zu dieser Zeit tatsächlich sehr kalt war, viel kälter als heutzutage und sogar kälter als während der kleinen Eiszeit. "Und wenn man dieses Gesamtbild überblickt, dann springt es einem geradezu ins Auge: Das Klima war damals stark von La Niña geprägt", so Mann.

Grand Canyon PanoramaFür den amerikanischen Doppelkontinent bedeutete das vor allem Trockenheit. Damals hat sie beispielsweise die Anasazi, die Ureinwohner des US-amerikanischen Südwesten aus ihren Pueblos vertrieben. Als Ursache haben die Forscher eine stärkere Sonnenaktivität und damit erhöhte Strahlungseinfall auf der Erde ausgemacht. Falls der menschgemachte Klimawandel das El Niño/La Niña-System und die Nordatlantische Oszillation ähnlich beeinflusst, wären das keine guten Aussichten: Dürren für den Südwesten der USA und den Mittelmeerraum wären zu erwarten- und viel, viel Winterregen für Nordeuropa.

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