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Artenvielfalt unter Menschen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 08.08.2012 15:09

Erstaunliche Menschenfossilien vom kenianischen Turkana-See könnten eine vier Jahrzehnte andauernde Kontroverse unter Paläoanthropologen beenden. Das Koobi-Fora-Forschungsprojekt der Anthropologen-Dynastie Leakey präsentiert in der aktuellen "Nature" gut erhaltene Schädel und Unterkiefer von drei Individuen, die eine Linie zu einem berühmten Fossil von 1972 ziehen. Möglicherweise wird so Homo rudolfensis ein unumstrittenes Mitglied der menschlichen Gattung.

Meave Leakey und Fred Spoor bei der Fossiliensuche am Turkana-See (Bild: National Geographic, Mike Hettwer)."Die menschliche Evolution ist ganz klar nicht geradlinig verlaufen, es sieht vielmehr so aus, als ob unsere Gattung zu vielen Zeiten sehr vielfältig war, um verschiedene ökologische Nischen zu füllen", resümierte Fred Spoor, Paläoanthropologe am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, bei einer Telefonkonferenz des Wissenschaftsjournals "Nature". Spoor und seine Kollegin Meave Leakey vom Koobi Fora-Forschungsprojekt aus Kenia stellen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift aufsehenerregende Fossilien vom Turkana-See vor, dem in Nordnigeria gelegenen drittgrößten Natronsee der Erde.

Der 1972 gefundene Schädel KNM-ER 1470 kombiniert mit dem neuen Fund KNM-ER 60000, einem Unterkiefer (Bild: Fred Spoor, MPI).Danach haben vor rund zwei Millionen Jahren gleich drei verschiedene Menschenarten das Gebiet bewohnt. Neben unserem wohl unmittelbaren Vorfahren Homo erectus, zu dem der berühmte Turkana-Boy gehörte, waren dies Paranthropus boisei, ein wesentlich kräftigerer gebauter Frühmensch aus einer inzwischen ausgestorbenen Seitenlinie, und eben der rätselhafte Frühmensch, dessen Fossilien jetzt vorgestellt wurden. Die Überreste mit den sperrigen Namen KNM-ER 60000, 62000 und 62003 sind ein nahezu vollständiger Unterkiefer eines Erwachsenen, der fast komplette Schädel eines Jugendlichen und der Teil des Unterkiefers eines weiteren Erwachsenen, alle zwischen 1,78 und 1,95 Millionen Jahre alt. Sie wurden in den Jahren 2007 bis 2009 von Mitarbeitern des Koobi-Fora-Forschungsprojekts ausgegraben.

Meave Leakey (l.), Cyprian Nyete (r.) und andere Mitglieder des Koobi Fora-Forschungsprojektes bei Ausgrabungen (Bild: Louise Leakey).Dass bis zur Veröffentlichung so viel Zeit verging, hat wohl mit der besonderen Bedeutung des Jugendlichen-Schädels mit dem weitgehend vollständigen Gesicht zu tun. Er zieht nämlich eine Verbindungslinie zu einem seit 1972 bekannten und seither heftig umstrittenen Fossil: KNM-ER 1470. "Wir alle und jeder, der es bisher gesehen hat, kommen sofort zum Schluss, dass das neue Gesicht dem Schädel 1470 sehr ähnlich sieht", erklärte Spoor. Beide haben ein vergleichsweise großes Gehirn und ein langes, flaches Gesicht. KNM-ER 1470 wurde vor 40 Jahren schnell als neue Menschenart Homo rudolfensis eingruppiert, benannt nach dem früheren Namen des Salzsees, Rudolf-See. Unumstritten war diese neue Menschenart nie, "denn eines der großen Probleme mit KNM ER 1470 war", erklärte Spoor, "dass er zwar mit der Hirnschale und einem großen Teil des Gesichts bemerkenswert vollständig war, ihm aber die Zähne und der Unterkiefer fehlten." Gerade das Zahnschema aber wird bevorzugt zur Eingruppierung von Menschenfossilien benutzt, weil oft kaum mehr zu finden ist. Viele Fachleute hielten daher ENM-ER 1470 für Homo erectus und gingen davon aus, dass bei dieser Menschenart die Unterschiede zwischen den Geschlechtern stärker seien als bei heutigen Menschen. Andere hielten ihn für einen missgestalteten Homo erectus, beide Gruppen bestritten die Existenz einer weiteren Frühmenschenart.

KNM-ER 60000: Der Unterkiefer eines erwachsenen, knapp 2 Millionen Jahre alten Frühmenschen vom Turkana-See (Bild: National Geographic, Mike Hettwer)."Der kleine Schädel KNM-ER 62000 hat jetzt Zähne, und die sind tatsächlich auch noch sehr gut erhalten", betont Fred Spoor. Aus denen des Oberkiefers können die Experten die des Unterkiefers rekonstruieren und erhalten so den virtuellen Gebissabdruck des vor rund 1,95 Millionen Jahren gestorbenen Jugendlichen. Der passte gut zu den beiden anderen neuen Fossilien, Schädel und Gesicht wiederum passen gut zu ENM ER 1470, so dass also vier Individuen mit gleichen Merkmalen vorliegen, die alle nicht mit Homo erectus übereinstimmen. "Damit haben wir nach so vielen Jahren die statistischen Chancen, dass wir hier eine neue Menschenart haben, drastisch erhöht", formulierte Spoor es sehr zurückhaltend in der Telefonkonferenz. Noch ist dieser Anspruch nämlich nicht durch die Fachkollegen bestätigt und außerdem ist noch unklar, ob die zusammengehörenden Funde eine eigene Menschenart repräsentieren oder vielleicht doch zu Homo habilis gehören. Das ist ein zweifelsfrei für die Olduvai-Schlucht in Tansania nachgewiesener Vorläufer von Homo erectus, der vor knapp zwei Millionen Jahren auch noch durch die afrikanische Savanne streifte und dabei möglicherweise auch bis zum Turkana-See kam.

Das Fundgebiet der neuen Fossilien östlich des Turkana-Sees.Seit Ende der 60er-Jahre graben Wissenschaftler dort nach frühen Mitgliedern der Gattung Homo - zunächst unter der Leitung des bekannten Paläoanthropologen und Naturschützers Richard Leakey, seit 1989 unter gemeinsamer Leitung seiner zweiten Frau Meave Leakey und Louise, seiner Tochter. Denn was heute ein Natronsee mit gerade noch trinkbarem Wasser in einer wüstenhaften Umgebung ist, war vor zwei Millionen Jahren ein wesentlich angenehmerer Aufenthaltsort. "Der See war wesentlich größer als heute, die Temperaturen wahrscheinlich ebenfalls sehr hoch. Aber die Vegetation war vielfältiger, und wenn man Vegetation hat, gibt es auch Nahrung", erklärte Meave Leakey bei der Telefonkonferenz. Die Uferzonen des immer stärker schrumpfenden Sees liegen heute als Geländestufen frei und machen daher den Paläontologen die Fossiliensuche relativ einfach. Häufig wiederkehrende Vulkanausbrüche haben zudem Ascheschichten hinterlassen, mit deren Hilfe die dazwischen liegenden Fossilien zuverlässig datiert werden können.

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