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Aussteiger aus dem Wettrüsten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.03.2014 15:12

Die Anomalocariden galten als die Haie der kambrischen Meere. Die "ungewöhnlichen Garnelen" waren primitive Gliederfüßer, deren stachelbesetzte Kopfklauen nahelegen, dass sie wohl zu ihrer Zeit gefährliche Räuber waren. Nun jedoch enthüllen neue Fossilfunde aus Nordgrönland eine ganz andere Seite. Denn zumindest die jetzt in "Nature" vorgestellte Gruppe hatte sich auf das Filtrieren von Plankton verlegt. Damit zeigten die Anomalocariden eine ähnliche Aufgliederung wie die heutigen Haie oder Wale.

Ein kambrischer Anomalocaride, der nur Plankton jagte: Tamisiocaris borealis. (Bild: Nature/Bristol Univ., Bob Nicholl)Mit dem Kambrium brach vor mehr als einer halben Milliarde Jahre die Zeit der Tiere an. Vieles dieser frühen Meeresbewohner erscheinen uns heute bizarr. Es gab Tiere, die aussahen wie eine schwimmende Calzone, andere erinnern an Asseln mit einem Schnorchel und fünf Augen auf dem Kopf und wieder andere an lebendige Nadelkissen. Die seltsamen Herrscher dieser Meere waren jedoch primitive Gliederfüßer, die Anomalocariden: "Sie waren die ersten großen, aktiven Räuber überhaupt", erklärt Jakob Vinther von der University of Bristol. Und dann beschreibt er die Tiere: An ihren Flanken besaßen sie breite, bewegliche Seitenlappen, mit denen sie wahrscheinlich wie Rochen durchs Wasser segelten: "Ihre Augen waren sehr groß, und ihr Mund lässt sich am ehesten mit einer Scheibe Dosenananas vergleichen. Außerdem saßen vor den Augen "Kopfklauen", große, stachelbesetzte Anhänge, die sie wohl zum Fressen einsetzten."

Die Anomalocariden waren mit wahrscheinlich 30 bis 70 Zentimetern die Riesen in einer Zeit, als die meisten anderen Tiere es nur auf wenige Zentimeter brachten. Und so werden ihnen auch versteinerte Exkremente zugeschrieben, die so groß sind, dass sie eigentlich nur von ihnen stammen können. Diese Exkremente legen nahe, dass ein Anomalocaride mit sein Kopfklauen selbst gut gepanzerte Trilobiten erwischte und verspeiste. 

Nun belegen Funde, die 2009 und 2011 bei Expeditionen zur nordgrönländischen Fossil-Lagerstätte Sirius Passet gemacht worden sind, dass diese Riesen noch eine andere Seite hatten. In diesen 520 Millionen Jahre alten Gesteinen wurden Überreste von Tamisiocaris borealis gefunden. Auch er zählt zu den Anomalocariden, aber seine Kopfklauen sehen vollkommen anders aus als die Greifer seiner Verwandten, beschreibt Jakob Vinther: "Diese Anhänge gleichen eher Besen mit langen, stacheligen Strukturen, auf denen feine Borsten sitzen. Wahrscheinlich filterte Tamisiocaris damit Plankton, das kleiner als ein Millimeter war, aus dem Wasser."    

Die Paläontologen konnten mit einiger Sicherheit nachvollziehen, wie Tamisiocaris mit diesen zu einem Sieb umgebauten Kopfanhängen gefressen hat. Wahrscheinlich zog es sie wie einen Kamm durchs Wasser. Blieb Plankton an den Borsten hängen, rollte es die umgebauten Greifer ein und streifte alles, was sich in den Borsten verfangen hatte, in den Mund ab. Dass Tamisiocaris mit rund 70 Zentimetern für die Zeit gigantisch werden konnte, verrät auch viel über das Ökosystem des Kambriums. Denn damit ein so großes Tier überleben kann, muss es sehr viel Plankton geben. Es beweist also, dass die Ökosysteme schon im Kambrium sehr komplex waren, was eine große Artenvielfalt möglich machte.

Ökologisch betrachtet seien die Anomalocariden damit das Gegenstück der modernen Haie und Wale, so Jakob Vinther: "Wir sehen also ein sehr interessantes Muster in der Evolution, das sich mehrfach entwickelt hat. Die Anomalocariden brachten neben den Top-Räubern auch 'friedliche' Filtrierer hervor, und damit entspricht Tamisiocaris dem Walhai oder dem Blauwal." Die Ahnen von Tamisiocaris wären damit als erste in einem planktonreichen Meer aus dem evolutionären Wettrüsten ausgestiegen. Wie die Walhaie waren diese Riesen dann nur noch für das Zooplankton gefährlich, und ihnen selbst bot ihre Größe Schutz. So konnten sie unangefochten durch die Meere zu schwimmen.