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Babyboom in schlechter Zeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.08.2014 15:14

Der Südwesten der USA gehörte einmal zu den Keimzellen der menschlichen Landwirtschaft. Im scharfen Kontrast zu allen anderen Regionen, in denen der Ackerbau entwickelt wurde, bricht die Bauernkultur im Südwesten Nordamerikas aber zum Ende des 13. Jahrhunderts jäh zusammen. Zwei US-Anthropologen untersuchen in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften die Bevölkerungsdynamik im Südwesten und kommen zu überraschenden Einsichten.

Siedlung der Hohokam-Kultur im nordamerikanischen Südwesten am Ende des 13. Jahrhunderts. (© NSF, PGM, Phoenix)Die genauen Umstände des Zusammenbruchs sind weiterhin unklar, doch die klimatischen Verhältnisse werden eine Rolle gespielt haben. So kippte der Südwesten seit der Mitte des neunten Jahrhunderts nach Christus in eine zunehmend trockene Phase mit ausgeprägten Dürreperioden in den Jahren 936, 1034, 1150 und 1253. Dennoch blühte die Pueblo-Kultur in der Sonora-Wüste von Arizona gerade im 10. und 11. Jahrhundert auf. Das Klima kann also nicht der alleinige Einflussfaktor gewesen sein. Zwei Anthropologen der Washington State Universität in Pullman haben mit einem neuen Ansatz einen zweiten Faktor untersucht: die Bevölkerungsentwicklung. Sie haben dazu Informationen über die Überreste von mehr als 10.000 Menschen aus den Jahren zwischen 1100 vor und 1300 nach Christus ausgewertet, die in 194 Begräbnisstätten gefunden worden waren. Die Überreste sind nach ihrer Entdeckung und wissenschaftlichen Beschreibung den jeweiligen Stämmen inzwischen wieder zurückgegeben worden.

Das Montezuma Valley ernährte eine zahlreiche Bevölkerung. (© NSF/WSU)Tim Kohler und Kelsey Reese werteten daher nur die Datenblätter der Funde aus und konstruierten aus den Informationen einen einfachen Indikator für die Geburtenrate: den Jugendlichkeitsindex. Der beschreibt einfach den Anteil der 15- bis 19-Jährigen an der Gesamtzahl der Bestatteten. "Dieser Indikator hat eine starke positive Korrelation mit der Bruttogeburtenrate und der Wachstumsrate der Bevölkerung", schreiben Kohler und Reese in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften. Mit anderen Worten: Aus dem Anteil der Jugendlichen an den Bestattungen kann man auf die Geburtenrate und die Wachstumsrate der Bevölkerung zurückschließen. Die große Datenbasis führte dazu, dass die beiden Anthropologen nicht nur ein summarisches Bild der Großregion zeichnen, sondern die Entwicklung in den verschiedenen Teilregionen verfolgen konnten. Und bei diesem genaueren Blick entdeckten die beiden Forscher überraschende Details. Die Geburtenraten unterschieden sich nämlich dramatisch zwischen den Teilregionen und im Verlauf der insgesamt fast 3000 Jahre. "Wir konnten zeigen, dass die Geburtenraten in den Gegenden mit Bewässerungssystemen sehr viel geringer waren, als in den Gegenden, in denen Trockenfeldbau angewandt wurde", erklärt Tim Kohler, "so etwas hatten wir gerade nicht erwartet, und jetzt müssen wir die Ursachen herausfinden." Ein Grund könnte darin liegen, dass die Bewässerungssysteme nicht beliebig ausgedehnt werden konnten, so dass die Bewohner dieser Gebiete die Grenzen des Wachstums wesentlich klarer vor Augen hatten als ihre Zeitgenossen, die den Trockenfeldbau einsetzten.
 
Siedlung Pueblo Bonito im Norden von New Mexico (© NSF/Nate Crabtree Photography)Insgesamt verzeichneten die Bewohner des Südwestens in den ersten 1500 Jahren einen stetigen Bevölkerungsanstieg. Zu einer steigenden Geburtenrate kam noch die insgesamt steigende Lebenserwartung, die von 35 Jahre um 900 vor Christus auf 37 um 600 und 40 um 1000 nach Christus kletterte. Allerdings war das Bevölkerungswachstum nirgends so markant, wie man das beispielsweise für die neolithische Revolution im Nahen Osten oder in Europa annimmt. In der zweiten Hälfte der präkolumbianischen Besiedlung im Südwesten schwächte sich der Wachstumstrend ab, denn die menschliche Bevölkerung scheint zunehmend an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Konnte man in der Zeit zuvor bei Überbevölkerung noch in unerschlossene Gegenden ausweichen, war ab dem 6. Jahrhundert das fruchtbare Land weitgehend verteilt. Mehr Menschen mussten sich jetzt gleichbleibende Ressourcen teilen. Die Völker im Hochland im Norden mussten sogar erfahren, dass ihnen ab dem 10. Jahrhundert schleichend die Lebensgrundlage entzogen wurde, weil das austrocknende Klima nach und nach ihre Anbauflächen unfruchtbar machte. Die Menschen zogen sich in die Flusstäler des Südens zurück, wo sie durch Bewässerungssysteme besser gegen die Trockenheit ankamen. Hier wuchsen die Gemeinschaften weiterhin und sie bildeten komplexe soziale Strukturen aus: Eine Entwicklung, wie sie auch aus dem Nahen Osten bekannt ist. Im amerikanischen Südwesten war neben der Arbeitsorganisation sicher auch der Kampf gegen die Nachbarn um die zunehmend knappen Ackerflächen ein Grund für diese Konzentration. Am Ende war es aber auch für diese Gemeinschaften zu unwirtlich geworden. Im 13. Jahrhundert verschwanden die letzten Pueblo-Kulturen. Zurück blieben nur ihre ebenso eindrucksvollen wie rätselhaften Bauten.