Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Beunruhigende Parallele

Beunruhigende Parallele

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.01.2011 14:30

Am Ende des Devon vor rund 375 Millionen Jahren stürzte das Leben in eine tiefe Krise. Mehr als die Hälfte, in den tropischen Regionen sogar mehr als 80 Prozent aller Meeresbewohner starben plötzlich aus. Eine äußere Ursache, etwa ein Asteroideneinschlag, ein mächtiger Vulkanausbruch oder heftige Klimaschwankungen, läßt sich nicht finden. Deshalb diskutieren die Experten schon seit Jahren über Alternativszenarien. In der Open-Source-Zeitschrift "PLoS One" wurde nun einen Aufsatz veröffentlicht, in dem die Einwanderung von invasiven Arten die Ursache für diesen Einbruch in der Artenvielfalt gewesen sei.

Alycia StigallDass Arten verschwinden, ist genauso alltäglich wie die Entstehung von neuen. Beides, Werden und Vergehen, hält sich in der Regel mehr oder weniger die Waage, so dass die Erde auch nach rund 3,5 Milliarden Jahren Evolution vor Artenvielfalt geradezu birst. Allerdings ist diese Entwicklung keine kontinuierliche Aufwärtsbewegung: Wir wissen aus der fossilen Überlieferung, dass es an fünf Punkten in der Geschichte des Lebens drastische Einbrüche gab, bei denen mehr als die Hälfte der jeweils lebenden Arten verschwand.

Eines dieser fünf sogenannten Massenaussterben, das am Ende des Devon, sticht heraus, denn bei ihm haben die Geologen bislang noch nicht einmal einen Verursacher-Kandidaten ausmachen können. Der genaue Blick auf dieses Ereignis vor 378 Millionen Jahren enthüllt eine weitere Besonderheit: "Wenn man für das Ereignis die Rate berechnet, mit der die Arten verschwinden, unterscheidet sie sich nicht wesentlich von der durchschnittlichen über geologische Zeiträume hinweg", erklärt Alycia Stigall, Paläobiologie-Professorin an der Ohio University. Dennoch wurden vor allem die Ammoniten, die Brachiopoden, die Trilobiten und die riffbauenden Korallen stark dezimiert, ja beinahe vollständig ausgelöscht. Unter den Wirbeltieren traf es die dominierenden Panzerfische besonders hart. Sie verloren ihre führende Rolle und gewannen sie nie wieder zurück.

Devonische FaunaDiese Gruppen sind offenbar nicht besonders schnell ausgestorben, stattdessen konnten sie aber keine neuen Arten hervorbringen. "Während des Devons scheinen sehr viel weniger Arten neu entstanden zu sein als normal", resümiert Stigall ihre Untersuchungen an drei damals weitverbreiteten Gruppen, einer aus der Klasse der Muscheln und zwei aus dem Stamm der Brachiopoden, "die Artentstehung war bei allen Gruppen nahezu Null." Ein näherer Blick auf die damalige Paläogeographie legte nahe, dass die letzten Barrieren verschwunden waren, die Lebensräume und ihre Bewohner voneinander trennten und so der Evolution viel Raum für Versuche eröffneten. "Damals lag der Meeresspiegel schon hoch und die meisten Kontinente waren geflutet", erklärt Stigall, "als sich dann der Meeresspiegel noch weiter hob, wurden Teile dieser Barrieren geflutet und die Arten konnten darüber hinweg aus einem Becken in das andere ziehen."

Das war die große Chance für invasive Arten, die sich gut in neue Lebensräume einfinden: Sie sind Generalisten, die in verschiedenen Umwelten zurecht kommen. Haben sie die Chance, breiten sie sich aus und setzen sich überall fest. "Diese invasiven Arten scheinen der treibende Faktor beim Rückgang der Artentstehung gewesen zu sein", sagt Alycia Stigall, "sie verhindern, dass sich neue Arten bilden, weil die sich ja erst einmal erfolgreich in ihrer Umgebung etablieren und gegen andere durchsetzen müssen." Weil die invasiven Arten aber so gut zurechtkommen, nehmen sie allen anderen die Entwicklungsmöglichkeiten und blockieren damit die Artentstehung. Die Folge sei ein dramatischer dramatische Rückgang der Artenvielfalt gewesen, so Stigall, der vor allem die Meere traf, in denen ganze Ökosysteme wie die Riffe kollabierten. An Land war der Rückgang wesentlich weniger ausgeprägt.

Devonisches ÖkosystemDass invasive Arten so schwerwiegende Folgen haben könnten, diese Erkenntnis könnte auch für das Geschehen heute wichtig werden. Schließlich befürchten Biodiversitätsforscher, dass wir an der Schwelle des nächsten Massenaussterbens stehen. Alycia Stigall: "Wenn wir uns die derzeitige Biodiversitätskrise ansehen, hat sie zwei Hauptursachen. Das eine ist der Lebensraumverlust durch die Aktivität des Menschen. Die zweite ist, dass wir innerhalb kürzester Zeit rund um die Erde neue Arten einführen, die sich überall ausbreiten." Dadurch besteht die Gefahr, dass sich die Ökosysteme selbst dann nur langsam erholen, wenn der Mensch mit der Umweltzerstörung  aufhören könnte. "Wie im Devon werden invasive Arten die Entwicklung neuer Spezies blockieren", warnt Stigall. Falls der Mensch nicht auch auf diesem Gebiet lernt.

Verweise
Bild(er)