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Blick unter die Oberfläche

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.09.2010 15:47

Zehn Jahre lang haben Tausende Meeresforscher rund um die Welt die Ozeane so genau wie noch nie unter die Lupe genommen. Für den Zensus des marinen Lebens gaben Stiftungen, Regierungen und wissenschaftliche Institutionen einen Milliarden-Betrag aus, das Mammut-Vorhaben wurde mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms oder sogar dem Nasa-Mondprogramm aus den 60er Jahren verglichen. In diesem Jahr geht das Projekt zu Ende, auf einer großen Abschlussveranstaltung in London sollen noch einmal Highlights präsentiert werden. Die Beteiligten überlegen derweil, wie sie die in zehn Jahren aufgebauten Strukturen und Netzwerke bewahren können.

Roter ThunfischDie Weltmeere sind schier unermesslich groß: Sie nehmen fast dreimal mehr Fläche ein als alles Land zusammen - und sie machen unglaubliche 99 Prozent der Biosphäre aus. Denn anders als an Land ist die Oberfläche nur die Grenze: Unter den Wellen erstreckt sich der größte Lebensraum der Erde. Ein schwer zugänglicher Lebensraum, denn meistens ist er dunkel, eiskalt und es herrschen Drücke, die für ein Oberflächenwesen tödlich sind.

See-ElefantDeshalb sind auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts 95 Prozent der Ozeane Terra incognita, und es waren vor allem die fantastischen Bilder bislang unbekannter Meerestiere, die vom Zensus des marinen Lebens bekannt wurden. Doch für die Wissenschaftler zählen neben den vielen neuentdeckten Arten vor allem die Einblicke in die Zusammenhänge im "Ökosystem Ozean". Speziell das Geschehen weit draußen im Meer und abseits von Oberfläche und Meeresgrund hat sich stets dem Blick des Menschen entzogen. Doch der gewaltige technische Aufwand, der beim Meereszensus getrieben werden konnte, hat viele Informationen geliefert. Etwa durch das Topp-Projekt, mit dem Hunderte von Meeresräubern mit Biologgern ausgestattet wurden, kleinen High-Tech-Geräten, die das Verhalten der Tiere unter Wasser protokollierten. "Stellen Sie sich die Serengeti vor", zieht Randy Kochevar von der kalifornischen Stanford-University einen Vergleich, "wenn Sie da die Löwen, Hyänen und anderen Raubtiere beobachten, wissen sie genau, wo sich die Zebra, Gnus und die anderen Pflanzenfresser aufhalten." So ähnlich ist es auch im Ozean. Egal wie weitläufig die Meeresbecken sind, die Räuber folgen ihrer Beute - und Aufzeichnungen über ihre Streifzüge liefern ein Bild über die Struktur des gar nicht so einheitlichen Lebensraumes. 

QualleOhne Technik kommt auch die Erforschung des so genannten Zwischenwassers nicht vom Fleck, des Bereiches unterhalb der lichtdurchfluteten "photischen Zone", der aber nicht in die Tiefseegräben reicht. "Vor 150 Jahren gab es noch beträchtliche Zweifel, ob es im Meer unterhalb von 500 Metern überhaupt Leben gibt. Dass die Ozeane bis zum Grund mit Lebewesen gefüllt sind, diese Erkenntnis wuchs allmählich", berichtet Monty Priede, Professor für Meeresforschung in Aberdeen. Doch inzwischen hat man dank des Meereszensus immerhin eine vage Ahnung davon, was so alles im Zwischenwasser schwebt. Überraschend war auch, welche Bedeutung die mittelozeanischen Rücken offenbar für die Ökosysteme besitzen. "Sie erweisen sich als so etwas wie ein Hotspot des Lebens", berichtet Tracey Sutton vom Virginia Institute of Marine Science, die am Teilprojekt Mareco teilgenommen hat.
 
PhytoplanktonDie Erkenntnisse des Mammutprojektes kommen in einer kritischen Zeit. Die Nutzung der Weltmeere durch den Menschen hat Ausmaße angenommen, die die Stabilität der Ökosysteme ins Wanken bringen. Dennoch ist nicht absehbar, dass der Druck der Fischereiflotten und Rohstoffsucher nachlässt, und ob es gelingt den Ausstoß von Schadstoffen und Klimagasen zu drosseln, ist noch unklar. Die Zukunft der Ozeane kann daher nur gesichert werden, wenn die Wissenschaft den Entscheidungsgremien der Menschheit die bestmöglichen Informationen an die Hand gibt. "Wenn wir darüber nachdenken, wo wir beispielsweise Meeresschutzgebiete einrichten, damit sie einen möglichst großen Nutzen für den Ozean haben, dann wollen wir die Gebiete finden, in denen das Leben besonders reich ist", erklärt Randy Kochevar. Dann könnte sich zum Beispiel der stark gefährdete Rote Thunfisch erholen, während der lukrative Thunfischfang weiterhin, wenn auch in reduziertem Umfang stattfinden könnte.

Belebtes RiffBeispiele für solche überlegten Maßnahmen mit großem Effekt gibt es bereits, etwa vor der Küste Kaliforniens, wo in den vergangenen zehn Jahren viele kleine Schutzgebiete eingerichtet wurden. In einigen ist die Fischerei vollkommen verboten. Aber in den meisten ist sie in engen Grenzen erlaubt: Aus dem einen können Sardinen geholt werden, aus einem anderen Makrelen, aus wieder einem anderen Algen. "In diesen geschützten Zonen reagiert die Natur recht schnell", berichtet Stephen Palumbi, Chef der Hopkins Marine Station an der Stanford Universität. Schon während der ersten fünf Jahre laufen große Veränderungen ab: Plötzlich gibt es viel mehr Fische, viel mehr Hummer, die Kelpwälder breiten sich aus. In vielen Gebieten, die zuvor stark befischt worden sind, erholen sich die Ökosysteme innerhalb von zwei, drei oder fünf Jahren. Dann geht es vor allem den schnellwüchsigen Arten besser. Die anderen, die alt werden und sich spät fortpflanzen, brauchen länger. Aber mit der Zeit kann sich das verlorene Gleichgewicht erneut einstellen. Boris Worm von der kanadischen Dalhousie-Universität: "Zum Beispiel in Neuseeland hat man gezeigt, dass, wo Gebiete für zehn, 20 Jahre geschützt wurden, dass diese größeren Fische und zum Beispiel auch Hummer zunehmen." Dadurch gerate das gesamte Ökosystem nicht aus den Fugen und der Mensch profitiere auch.

Denn die Schutzzonen strahlen aus: Wo die Fischerei verboten oder stark eingeschränkt ist, vermehren sich die Tiere ungestört, wandern in benachbarte Gebiete ein: Und plötzlich gibt es auch in der Umgebung mehr zu fangen. Wenn dann noch intelligente Fangmethoden eingesetzt würden, sei viel gewonnen, so Boris Worm. Deshalb wagt er auch eine hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft: Wenn der Mensch lernt, erholen sich die Bestände. "Wir sind diesem Trend, der über die letzten 50 Jahre festzustellen war, nicht einfach ausgeliefert, sondern wir haben tatsächlich die Möglichkeit, das umzudrehen, um möglicherweise in 50 Jahren besser dazustehen als heute." Einziges Problem sei die weiterhin wachsende Weltbevölkerung und der unabhängig davon steigende Nahrungsbedarf. Worm: "Ich habe aber die Hoffnung, dass durch diese positiven Beispiele andere Regionen auch sozusagen inspiriert werden können."

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