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Blitze als Hilfsmeteorologen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.07.2010 11:49

Gewitter und auch starke Stürme sind notorisch schwer vorherzusagen, genaue Vorhersagen, wo die Naturgewalten am stärksten wüten und man deshalb Schutzmaßnahmen treffen muss, sind zurzeit Glückssache. Wie es allerdings scheint, werden diese Zentren des Unwetters zuverlässig von Blitzen begleitet. Wer also den Entladungen folgt, findet des Sturmes Kern. Das EU-Projekt "Flashproject" und das deutsche Linet wollen Blitze als Hilfsmeteorologen verpflichten. Die einen, um Hurricanes und Starkregen vorherzusagen, die anderen, um das Zentrum eines Gewitters extrem genau zu prognostizieren. Kunden wie Flughäfen wären für solche Vorhersagen extrem dankbar.

Unwetter über Alabama"Blitze liefern ganz aktuelle Daten über die elektrisch gefährdete Region unter einer Gewitterwolke", erklärt Vera Mayer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Das ist genau der Bereich, in dem es gefährlich ist, und Mayer und ihre Kollegen im BMBF-geförderten Projekt Linet versuchen daher, diesen Bereich so gut es geht einzugrenzen und vorherzusagen, wohin er sich bewegen wird.

"Dazu haben wir am DLR ein Tool entwickelt", so Vera Mayer, "das basierend auf Blitzdaten Gewitter erkennt und verfolgt und die Blitzcharakteristik aufzeichnet. So kann man Vorhersagen entwickeln; das Gewitter hat sich in seinem Lebenszyklus so verhalten, es wird sich in den nächsten 20 Minuten verstärken, oder abschwächen." Kunden, die für solche räumlich und zeitlich präzisen Angaben dankbar sind, gibt es viele. So müssen zum Beispiel Flughäfen bei akuter Blitzschlaggefahr ihren Betrieb unterbrechen. "Wenn Sie wissen", so Mayer, "wann Sie den Flughafen schließen müssen, und wann sie ihn wieder öffnen können, wäre das sehr nützlich, denn für solche Betriebe ist jede Minute wichtig."

Einschlag in Cape Canaveral"Blitze nehmen den Puls eines Gewitters", weiß auch Colin Price, Professor für Atmosphärenphysik an der Universität von Tel Aviv. Er koordiniert das europäische Flashproject. "Wir wollen Blitze benutzen, um den Niederschlag abzuschätzen", erklärt er. Denn die stromstarken Lichtbögen sind nicht nur gute Indikatoren für Gewitterzellen, sie scheinen auch so eng mit Regenfällen zusammenzuhängen, dass Price sie als Hilfsmeteorologen einsetzen möchte.  "Wir versuchen jetzt, unsere Blitzdaten mit den Niederschlagsdaten von Satelliten zu kombinieren, so dass wir tatsächlich den Regen vorhersagen können und nicht nur die Blitzaktivität", so der Physiker. Im chronisch regenarmen Mittelmeer sind solche Regenvorhersagen sehr willkommen. Allerdings brauchen Price und seine Kollegen für diese Korrelation noch einige Zeit, so dass es bislang nur Blitzvorhersagen gibt.

Doch auch die anderen Begleiterscheinungen des Unwetters lassen sich offenbar mithilfe von Blitzen besser vorhersagen als bislang. "Aus unseren Forschungen wissen wir", so Price, "dass eine Verbindung besteht zwischen der Häufigkeit der Blitze und der Stärke des Niederschlages, der Hagelproduktion oder der Windgeschwindigkeit." Die enge Verbindung zwischen Blitzen und den anderen Wetterphänomenen ist für Meteorologen ein willkommenes Geschenk der Natur, die ihnen ansonsten den Umgang mit Unwettern äußerst erschwert.

Blitz über New MexicoMit all ihren Radarstationen und Wettersatelliten hecheln die menschlichen Wettervorhersager gerade den Gewittern immer etwas hinterher wie der Hase dem Igel. "Der Vorteil von Blitzen gegenüber Radar und Satelliten ist, dass Blitze in Echtzeit die Information geben, Radar und Satellit nur alle fünf oder alle zehn Minuten  je nachdem, welches Produkt man hat", erklärt Vera Mayer. Zeitlich und räumlich hoch aufgelöste Daten aber sind beim Umgang mit so extrem wetterwendischen und kleinräumigen Phänomenen das A und O.

Das gilt allerdings auch für so gigantische Unwetter wie die Hurrikane, die jeden Sommer die Karibik und den Golf von Mexiko durchziehen. Ihre Zugbahn ist zwar bekannt und der US-Wetterdienst gibt auch in etwa an, wo die Stürme an Land gehen. Aber wie stark sie dann sind, ob sie bereits abflauen oder sich noch aufbauen, kann man zurzeit schlecht sagen. Mithilfe der Blitze erhalten die Meteorologen und Katastrophenschützer jetzt sogar eine Vorwarnfrist von 24 Stunden. "Die Blitzaktivität steigt auf ihr Maximum einen Tag bevor der Hurrikan seine stärksten Windgeschwindigkeiten erreicht", sagt Colin Price, "so können wir die Blitze zur Vorhersage nutzen, wann der Hurrikan seinen Höhepunkt erreicht und sich wieder abschwächt." Ein Tag Vorwarnung gäbe den Zivilschutzbehörden Zeit, ihre Kräfte auf die wirklich betroffenen Gebiete zu konzentrieren und dort zu evakuieren. Bei Tornados scheint es einen solchen Zusammenhang auch zu geben, allerdings ist da die Vorwarnzeit nur rund 20 Minuten.

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