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Bodenverschlechterung kostet 300 Milliarden im Jahr

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.02.2016 16:14

Schleichend und oft unbeachtet untergraben Bodenerosion und Bodenverschlechterung die Lebensgrundlagen der Menschheit. Das gilt nicht nur für die Trockengebiete Afrikas, Australiens und Asiens, sondern auch für die scheinbar endlosen Graslandschaften auf dem amerikanischen Doppelkontinent, die enorm fruchtbaren Lössplateaus in China oder die Ackerflächen Europas. Eine Studie, die jetzt in Berlin vorgestellt wurde, bilanziert die Kosten aufgrund neuester Daten.

Bodenerosion in Äthiopien. (Bild: ZEF/Oliver Kirui)"Ein Drittel der Weiden und ein Viertel des Ackerlandes weltweit sind zunehmend degradiert", erklärte Joachim von Braun, Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, "die Kosten dieser Degradation betragen pro Jahr ungefähr 300 Milliarden Euro, 40 bis 50 Euro pro Kopf der Weltbevölkerung." Von Braun stellte in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine internationale Studie zum Ausmaß der Bodenverschlechterung vor, an der 30 Wissenschaftler mehrere Jahre gearbeitet hatten. Mit Klaus Töpfer, dem ehemaligen Bundesumweltminister und Chef des UN-Umweltprogramms UNEP, hatte sich der Agrarökonom einen einflussreichen Mitstreiter an die Seite geholt, und der nahm kein Blatt vor den Mund: "Boden ist kein Dreck, der eigentlich keinen interessiert, sondern ist ein vitales Thema für eine Welt, die auf neun Milliarden Menschen zugeht", verkündete er, "wenn wir das nicht hinkriegen, bekommen wir wirklich richtig massive Probleme."

Schleichende Auszehrung trifft vor allem die Ärmsten


Durch Winderosion ist in Deutschland ein Viertel der Ackerfläche bedroht. (Bild: Jim Bain)Die Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit ist ein schleichendes Problem auf allen Kontinenten, das nur in Ausnahmefällen direkt ins Auge fällt. Es betrifft Industriestaaten genauso wie Entwicklungsländer, die Bauern ebenso wie die Städter, die ihre Lebensmittel aus dem Supermarkt beziehen. Besonders betroffen sind die US-Prärien, rund die Hälfte der auf Weiden entfallenden Degradationskosten fallen hier an: Die Schäden springen nur deshalb nicht so drastisch ins Auge wie beispielsweise auf den überweideten Flächen Afrikas, weil die US-Rancher mit erheblichen Düngergaben dagegen halten. In der vorgestellten Studie wird jedoch der Düngereinsatz berücksichtigt, damit die verdeckte Bodenverschlechterung trotzdem auffällt. Denn ob der Düngereinsatz das Problem letztendlich nur verschiebt, oder ob er tatsächlich hilft, ist keinesfalls geklärt. "Die Bodenforschung ist noch nicht sicher, wann sich an solchen Standorten eine Wende zum Schlechteren einstellen wird", so von Braun, "die Sorge besteht bei vielen Bodenforschern, aber wir können dazu keine klare Aussage machen."

Dramatisch aber ist die Lage dort, wo die Mittel und Kenntnisse fehlen, den Raubbau an den eigenen Lebensgrundlagen auszugleichen. "Letztendlich sind wir alle vom Boden abhängig", betonte Stefan Schmitz vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, "aber unmittelbar betroffen sind gerade die Armen und Verwundbaren dieser Welt." Gerade in Entwicklungsländern wird mangels Finanzkraft und Wissen oft aus der schleichenden Auszehrung eine galoppierende Zerstörung des Bodens. "Dabei ist er eine nicht erneuerbare Ressource", warnt Klaus Töpfer. Tatsächlich braucht die Natur zwischen 100 und 2000 Jahren, um einen Zentimeter fruchtbaren Bodens hervorzubringen. In einzelnen Fällen hat der Mensch schon in einem einzigen Jahr die Bodenproduktion von vielen Jahrtausenden zerstört.

Bestmögliche Kostenschätzung


Trockengebiet in Benin, Westafrika. (Bild: ZEF/Grace Villamor)Die Wissenschaftler um Braun nutzten die bestmöglichen Daten, um den Wertverlust für alle agrarisch genutzten Gebiete der Erde zu ermitteln. Heraus kam die nach ihren Angaben bestmögliche Kostenschätzung. "Wir haben nicht nur Ertragsverluste berücksichtigt, sondern die gesamten Ökosystemleistungen einbezogen", sagt von Braun. Die Daten haben Tausende von Forschern in der internationalen TEEB-Initiative ermittelt, mit denen die Dienstleistungen der Ökosysteme für die Menschheit ökonomisch messbar gemacht werden sollten. Dazu zählen natürlich die Ernteerträge der Äcker, aber auch so unbeachtete Größen wie etwa die Rolle, die Böden in der Wasserreinigung spielen, oder die Bedeutung der Biodiversität für die Stabilisierung der Umwelt.

"Wir haben die ökosystemspezifischen Kosten, die uns TEEB geliefert hat, in die 500.000 Pixel übertragen, in die wir die Erdoberfläche aufgeteilt haben", so von Braun. Die von ihm koordinierte Studie kann daher für jeden einzelnen Pixel die Kosten der Bodenverschlechterung angeben. "Das ist das große Verdienst der Studie", würdigte Marita Wiggerthale von Oxfam, "es ist deutlich geworden, dass es uns alle teuer zu stehen kommt, wenn wir das Problem der Bodendegradation nicht lösen."

Landschaft im Darfur, Sudan. (Bild: ZEF/Marwa Shumo)Das aber ist einfacher gesagt als getan, denn für den Landnutzer fehlt oft der wirtschaftliche Anreiz, die Qualität seines Bodens zu erhalten oder zu verbessern. "Wir haben zwar errechnet, dass jeder investierte Euro einen volkswirtschaftlichen Nutzen von fünf Euro schafft" so von Braun, "aber der Nutzen fällt noch nicht einmal zur Hälfte beim direkten Landnutzer an." Rund 54 Prozent der Verbesserungen kommen der Allgemeinheit zugute, weil Böden eben viele Funktionen erfüllen, die über die unmittelbare Nutzung hinausgehen. Finanzielle Anreize könnten Landwirte zu Investitionen bewegen, so von Braun. Wichtiger aber seien Verbesserungen bei der Rechtssicherheit. "Viele Menschen, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern haben keine gesicherten Eigentums- oder Landnutzungsrechte", erklärt der Agrarökonom aus Bonn, "es lohnt sich nicht für Bauern mit einjährigen Pachtverträgen, in das Land zu investieren, um es dann dem nächsten Pächter zu übergeben."

Landnutzungsrechte sind der Schlüssel


So sieht das auch das zuständige Ministerium. Stefan Schmitz, im BMZ für die Initiative Welt ohne Hunger zuständig: "Rechtssicherheit ist eine ganz wesentliche Voraussetzung für Bauern, um eine vernünftige in die Zukunft schauende Landwirtschaft zu betreiben." Dabei gehört dieser Aspekt zu den heikelsten in der Entwicklungszusammenarbeit, denn in sein Rechtssystem will sich kaum ein Staat reinreden lassen. "Wir verfolgen unterschiedliche Wege", so Schmitz, "einzelne Länder unterstützen wir in technischer Hinsicht, so etwa Kambodscha beim Aufbau eines Katasters. In anderen Fällen steht der politische Dialog mit den Staaten im Mittelpunkt, oder die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen."

Marktszene in Darfur, Sudan. (Bild: ZEF/Marwa Shumo)Das juristische Feld ist auch das schwierigste in der ansonsten erfolgreichen Entwicklungspartnerschaft mit Äthiopien. "Wir versuchen zusammen mit anderen Gebern, die Regierung im Dialog zu überzeugen, die Situation zu verbessern", so Schmitz. Das ostafrikanische Land ist für den Regierungsbeamten dennoch ein Beispiel für erfolgreiche Bekämpfung der Bodenverschlechterung: "Wir sind dort schon mehrere Jahre tätig und wenn man Bilder von vor zehn Jahren mit denen von heute vergleicht, hat sich die degradierte Landschaft in eine blühende verwandelt." Wie in einigen anderen Ländern des sogenannten Sahel haben sich die Entwicklungshelfer auch in Äthiopien vor allem um angepasste Maßnahmen gekümmert, die die Bauern vor Ort problemlos selbst durchführen können. So werden Wälder aufgeforstet, Wasserkreisläufe wieder hergestellt und die Bodenfruchtbarkeit durch Dung und Mist nach und nach verbessert. Vom Horn von Afrika bis in den Westen des Kontinents findet man daher inzwischen Regionen, in denen sich die Situation im Vergleich zur Zeit der großen Dürrekatastrophen drastisch verbessert hat. "Derzeit unterstützen wir die Rehabilitierung auf 160.000 Hektar Bodenfläche in diesen Ländern", erklärt Stefan Schmitz, "wir gehen davon aus, dass wir unsere Hilfe ausweiten können."