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Botschafterin und hervorragende Forschungsplattform

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 16.07.2014 12:45

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in Rostock-Warnemünde das neueste deutsche Forschungsschiff "Sonne" getauft. Das gut 118 Meter lange und 124 Millionen Euro teure Schiff ist das zweite mit diesem Namen und wird wie sein Vorgänger im Indischen und Pazifischen Ozean eingesetzt. Dort wird es eine gute Tradition als Repräsentantin Deutschlands und der deutschen Forschung fortsetzen.

Das neue deutsche Forschungsschiff "Sonne" am Kai der Neptunwerft in Rostock-Warnemünde. (Bild: Holger Kroker)Draußen am Kai der Warnemünder Neptunwerft glänzte der neue Stolz der deutschen Forschungsflotte in der Julisonne, die rechtzeitig hinter grauen Wolken hervorgekommen war. Drinnen in der Halle strahlten Werftmitarbeiter, Wissenschaftler und Regierungsvertreter um die Wette, als Taufpatin Angela Merkel das Forschungsschiff "Sonne" gebührend würdigte. "Ein imposantes Meisterwerk deutscher Schiffsbau- und Ingenieurskunst, ein wirkliches Hightechschiff, das den Ansprüchen modernster Meeresforschung gerecht wird", rühmte die Kanzlerin. Das neue Tiefseeforschungsfahrzeug mit Arbeitsgebiet im Indischen und Pazifischen Ozean ist der erste Neubau, seit 2006 die "Maria S. Merian" in Dienst gestellt wurde, und wurde vollgepackt mit modernster Technologie. Die "Sonne" gehört mit gut 118 Metern zu den großen, weltweit einsetzbaren Forschungsschiffen, von denen Deutschland drei besitzt. Genau wie ihre Vorgängerin wird auch die neue "Sonne" unverwechselbare Botschafterin der deutschen Wissenschaft am anderen Ende der Welt sein, dafür sorgen ihre charakteristische Silhouette und Farbgebung. Turmhoch überragte das gewaltige Vorschiff Taufpatin Angela Merkel, als diese mit Hilfe einer Seilzugkonstruktion die obligatorische Sektflasche an der schneeweißen Schanz in etwa 15 Meter Höhe zerschellen ließ. Schwarzer Rumpf, rote Krananlagen und weiße Aufbauten, rund um das Vorschiff eine Banderole in den deutschen Farben - so sollen künftig alle Forschungsschiffe der Bundesrepublik aussehen. Drinnen bietet das gut 124 Millionen Euro teure Fahrzeug hervorragende Arbeitsbedingungen für bis zu 40 Wissenschaftler. Die "Sonne" ist das erste große Forschungsschiff der Bundesrepublik, das erneuert wird. In den kommenden Jahren stehen Ersatzbauten für den Forschungseisbrecher "Polarstern", die mittelgroße "Poseidon" und das dritte große Forschungsschiff "Meteor" an.

Schiffstaufe mit (v. l. n. r.): Bernard Meyer (Meyerwerft), Angela Merkel und Erwin Sellering (Ministerpräsident, Mecklenburg-Vorpommern). Der Weg vom Baubeschluss für ein neues Forschungsschiff bis zur tatsächlichen Ablösung der seit 1977 im Dienst der Wissenschaft fahrenden "Sonne" war lang. "Sechs Jahre, nachdem wir die ersten Konzepte vorgelegt haben, liegt nun das neue Schiff vor uns", freute sich Karin Lochte, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung und als Vorsitzende des Kuratoriums Deutsche Meeresforschung so etwas wie die Repräsentantin aller mit den Ozeanen befassten Wissenschaftler. In der jahrelangen Planungsphase durften die deutschen Forscher einen umfangreichen Wunschzettel zusammenstellen. "Sehr vieles davon konnte verwirklicht werden", erinnert sich Klaus von Bröckel vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung (Geomar), der als Koordinator der Wissenschaft Planung und Bau intensiv begleitete.

Vielfältige Ansprüche der Wissenschaft

Das Forschungsschiff muss die vielfältigen Ansprüche von Wissenschaftlern befriedigen, die von den weiten Tiefseeebenen über ozeanische Rücken und Seeberge bis zur belebten obersten Zone der Ozeane jeden Aspekt der Weltmeere untersuchen wollen. Dafür wird es einen geschlossenen Hangar bekommen, in dem man Großgeräte wetterunabhängig warten kann. Die moderne Meeresforschung kennt kabelgeführte Tiefseeroboter, die bis zum Tiefseeboden hinabtauchen können, und autonome Roboterfahrzeuge, die stundenlang die Weltmeere "durchfliegen" können. Sie sollen in dem Hangar ebenso gewartet werden können, wie die zahlreichen Mess- und Probennahmegeräte, ohne die die Ozeanographen heutzutage nicht mehr auskommen. Das Schiff wird außerdem eine Tiefseewinde mit mehr als 12.000 Meter Kabel besitzen, an der man Geräte an nahezu jeden Platz des Meeresbodens abseilen kann. Der Heckgalgen kann Lasten von bis zu 30 Tonnen Gewicht aussetzen und aufnehmen, dazu gibt es mehrere Kräne, die bis zu zehn Tonnen heben können und sogenannte Schiebebalken, die Lasten von maximal sieben und 25 Tonnen zur Steuerbordseite hinausschieben können. Darüber hinaus genügt das Schiff neuesten Umweltschutzbestimmungen und darf dafür das Gütesiegel "Blauer Engel" führen. Ein hocheffizienter Antrieb und umfassende Rauchgasreinigungsanlagen tragen ebenso dazu bei, wie die besondere Geräuscharmut, auf die bei der Konstruktion Wert gelegt wurde.

Doktorandin Katharina Häusler stellt den Gästen die Paläoklimaforschung an Sedimentbohrkernen der Ostsee vor. (Bild: Holger Kroker)Dazu kommen mehrere hochmoderne Sonarsysteme für die unterschiedlichsten Einsatzbereiche. "Wir brauchen Sonare, die in Sedimente eindringen können, wir brauchen Sonare, mit denen wir Fächerlotungen für die Profilkartierung des Meeresbodens durchführen können, wir brauchen Sonare für die Wassersäule", erklärt Meeresgeologe Gerhard Bohrmann vom Bremer Forschungszentrum für marine Umweltwissenschaften (Marum). Damit die verschiedenen Sonar-Systeme störungsfrei eingesetzt werden können, optimierten die Ingenieure den Schiffsrumpf mit großem Aufwand. Es musste verhindert werden, dass Luftblasen von der Wasseroberfläche unter das Schiff geleitet werden und dort die Messgeräte stören.

Rund 600 Quadratmeter Arbeitsräume für die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Zwecke wird das neue Schiff bereithalten, davon acht Labore. Ihre Laborgeräte müssen die Forscher komplett mitbringen, an Bord ist nur die notwendige Infrastruktur, um sie zu betreiben. Die Wissenschaftler sind wie im Vorgängerschiff vor allem in Zwei-Bett-Kabinen untergebracht, die 35 Seeleute der Mannschaft haben dagegen Einzelkabinen. Eine großzügige Lounge und eine Messe für alle, beide mit Panoramafenstern ausgestattet, gehören ebenso wie eine Bibliothek zu den Einrichtungen des neuen Schiffs, mit denen Fahrten von bis zu sieben Wochen kein Problem sein dürften.

Arbeitsschwerpunkt Pazifik und Indik

Ebenso wie ihre rot-weiße Vorgängerin wird die neue "Sonne" hauptsächlich im Indischen und Pazifischen Raum eingesetzt werden. Dabei ist sie jedoch kein Schiff mit geologischem Schwerpunkt, sondern eine Plattform für alle Disziplinen der Meeresforschung. Denn in den beiden Ozeanbecken spielt für viele ozeanographische, geologische und klimatologische Fragen künftig die Musik. Tektonische Themen lassen sich am zirkumpazifischen Feuerring und den angrenzenden Subduktionszonen Indonesiens besser als an anderen Stellen der Erde studieren. Auch die Risiken, die durch Erdbeben und von diesen ausgelöste Tsunamis verursacht werden, treten hier geballt auf. Für Biologen gibt es in den beiden Ozeanbecken noch mehr ungelöste als gelöste Fragen. Sogar wenn es um die künftige Rohstoffversorgung geht, richten sich die Blicke vieler Nationen auf den Indischen und den Pazifischen Ozean. Und nicht zuletzt warten auf die Klimaforscher einige zentrale Phänomene des Systems im Pazifik, etwa das Geschwisterpaar El Nino und La Nina, die weit über die Pazifikregion hinaus das Klima bestimmen. Die promovierte Physikerin Angela Merkel bekam an Bord des neuen Schiffes zwei Beispiele aus der vielfältigen Meeresforschung vorgeführt. Anhand von Bohrkernen aus der Ostsee führte Katharina Häusler vom Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) vor, welche Vielzahl an Informationen in Sedimentbohrkernen stecken. Miriam Römer vom Marum gab einen Überblick über die Lebenswelten, die am Tiefseeboden und fern vom Sonnenlicht ihre Energie aus Methanquellen und Gashydraten ziehen.

Gemeinschaftsprojekt für die gesamte Welt

Die alte "Sonne", von 1977 bis 2014 für die deutsche Wissenschaft unterwegs. (Bild: Holger Kroker)"Der Einsatz unseres neuen Forschungsschiffs im Indischen Ozean wird nicht nur ein Nutzen für uns als Deutsche sein, sondern auch ein Gemeinschaftsprojekt, das die Wissenschaft der gesamten Welt stärkt", betonte Angela Merkel in ihrer Taufrede. Die Kanzlerin machte deutlich, dass dies keine nachrangige Aufgabe der deutschen Forschungsflotte und der deutschen Wissenschaft allgemein ist. Als Botschafterin der Bundesrepublik und als Repräsentantin der deutschen Forschung wird die neue "Sonne" das Bild Deutschlands in den Staaten des pazifischen und indischen Raums prägen. Dies gelang auch schon der alten "Sonne" hervorragend, die viele Jahre die wichtigste Plattform für deutsche Meeresforschung im Pazifischen und Indischen Ozean bildete. "36 Jahre hat sie treue Dienste getan", so die Kanzlerin, "und war immer ein Aushängeschild der sehr, sehr anerkannten deutschen Meeresforschung."

Im August wird die alte "Sonne" zum letzten Mal von einer Forschungsfahrt in einen Hafen einlaufen. Ihre Nachfolgerin wird zu diesem Zeitpunkt noch mitten in der wissenschaftlichen Erprobung stecken. Eingehend wird das Schiff im Atlantik auf seine Fähigkeiten geprüft werden, um dann nach einem letzten Werftaufenthalt endgültig im November an den Eigner, die Bundesrepublik Deutschland, übergeben zu werden. Nach einer Tour durch deutsche Hafenstädte wird das Schiff dann Mitte Dezember zu seiner ersten rein wissenschaftlichen Forschungsfahrt in die Karibik und durch den Panamakanal aufbrechen. Eine Rückkehr nach Deutschland ist bislang nicht vorgesehen.