Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Canyon-Inspektion am Bildschirm

Canyon-Inspektion am Bildschirm

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 21.09.2009 14:25

Erosion ist in vielen Teilen der Welt ein gravierendes Problem. Um gegen den schleichen Bodenabtrag anzukommen, brauchen die Experten einerseits einen zutreffenden Überblick über Ausmaß und Dynamik des Geschehens und andererseits eine Erfolgskontrolle ihrer Gegenmaßnahmen. Beides geht in der Regel nur durch aufwendige Probennahme vor Ort. Eine Geographin aus dem US-Bundesstaat Georgia hat jetzt eine Fernerkundungs-Methode entwickelt, die mit Hilfe von Satellitendaten die gewünschten Informationen liefert. Auf dem 9. Internationalen Symposium über Umweltgeotechnologie und nachhaltige Entwicklung ISEG 2009 in Bochum stellte sie das Verfahren vor.

Providence CanyonDer Providence Canyon im Südwesten des US-Bundesstaates Georgia wird von den Einwohnern des Südstaats gern als „Little Grand Canyon“ bezeichnet. Rosa, rote, weiße und gelbe Steilwände sind tief in die Hügel des Georgia Piedmont eingegraben und werden gekrönt von den hier üblichen Mischwäldern. Doch vom weltberühmten Naturwunder rund 3000 Kilometer weiter westlich unterscheidet die farbenprächtigen Schluchten einiges. Auffälligster Punkt sind die Dimensionen: Statt 450 misst Providence Canyon nur rund zwei Kilometer Länge, sein tiefster Punkt liegt 50 und nicht 1800 Meter unterhalb des umgebenden Niveaus. Wer genauer hinsieht, bemerkt auch, dass in den Schluchten im Westen Georgias kein Fluss wie der Colorado rauscht, der den Grand Canyon in rund sechs Millionen Jahren in den Sandstein des gleichnamigen Plateaus eingekerbt hat. Die Schluchten in Georgia sind wesentlich jünger, gerade einmal 200 Jahre alt und verursacht hat sie: der Mensch.

„Sie sind durch den Regen erodiert“, erklärt Terezinha Cassia Galvao, Geographie-Professorin am Spelman College in Atlanta, „und diese Erosion wurde durch falsche Landwirtschaftsmethoden im 19. Jahrhundert verursacht.“ Als die Siedler in die bewaldeten Hügel des heutigen Stewart County im Osten Georgias vorstießen, rodeten sie als erstes die Bäume, um Ackerland zu gewinnen. Doch unter der dünnen Schicht Mutterboden steht extrem weicher, wenn auch farbenprächtiger Sandstein an. Nachdem die schützende Vegetation entfernt worden war, dauerte es nur noch wenige Jahrzehnte und   der Regen grub immer tiefere Schluchten in den Sandstein.  „Inzwischen gibt es sehr viele Schluchten und Löcher dort, manche sind gar nicht zu sehen“, berichtet Galvao, „und der Zugang ist sehr schwierig.“ Doch mit jedem Regen schreitet die Erosion unaufhaltsam voran.

Um den jährlichen Verlust an Material und damit die Erosionsrate abzuschätzen, setzt Galvao daher auf Satellitenbilder. „Wir verwenden Landsat-Aufnahmen, aus denen wir digitale Karten der Gegend mit exakten Höhenprofilen erstellen, die wir dann durch einen Algorithmus auswerten lassen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Seit Mitte der 70er Jahre überfliegen die Landsat-Satelliten die Erde, inzwischen kreisen Flugkörper Nr. 5 und 7 um den Planeten, Satellit Nr. 6 ging sofort nach dem Start verloren. Ein Orbit des jüngsten Landsat dauert 99 Minuten und er braucht 16 Tage um die gesamte Erdoberfläche zu fotografieren. Mit einer derart dichten Bilderserie kann man sowohl das Fortschreiten der Erosion überwachen als auch der Erfolg von Gegenmaßnahmen messen.

Providence Canyon 2Allerdings musste Terezinha Galvao dann doch noch einmal mühevoll durch den Providence Canyon Park laufen, um Proben zu nehmen. „Ich musste die Ergebnisse des Modells ja validieren und mit den tatsächlichen Erosionsraten vergleichen“, erklärt die brasilianische Wissenschaftlerin. Diese Validierung scheint ihre satellitengestützte Erosionskontrolle bestanden zu haben. Und auf andere Regionen, die unter derselben Konstellation von starker Erosion und schlechter Erreichbarkeit leiden, ist das Modell ebenfalls übertragbar. „Die Mechanismen sind ziemlich vergleichbar“, betont Galvao, die die Methode vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer wie etwa ihr Heimatland empfiehlt. „Das ist des Pudels Kern, weil es nicht teuer ist. Sie brauchen nur drei Programme und schon kann man die Erosion vom Bildschirm aus kontrollieren.“ Die Landsat-Aufnahmen werden vom USGS, dem Geologischen Dienst der USA kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Verweise
Bild(er)