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Das Ende der Giganten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:59

Australiens Fauna ist einzigartig auf der Welt - denn nur auf dem kleinsten und isoliertesten der bewohnten Kontinente konnten sich Beuteltiere in einer unglaublichen Artenvielfalt erhalten. Doch verglichen mit der Tierwelt vor einigen 10.000 Jahren ist Australiens heutige Fauna geradezu verarmt. Bis vor rund 45.000 Jahren durchstreiften zahlreiche Riesenformen den Kontinent. Doch mit dieser Vielfalt war es dann geradezu schlagartig vorbei. Über die Gründe dieses Massenaussterbens wogt seit Jahren ein heftiger Streit. In der aktuellen "Geology" präsentiert ein Geologen-Team jetzt, wie sie sagen, entscheidende Indizien, die auf den Menschen als Ursache hindeuten.

Tonnenschwere Wombats von der Größe einer Kuh, drei Meter hohe Laufvögel und ebenso hohe Känguruhs, dazu Riesenwarane von sechs Metern Länge und Schlangen, die bis zu zehn Meter lang gewesen sein sollen. Die australische Tierwelt vor 45.000 Jahren war geprägt von riesigen Formen - heute kann man nur noch ihre vergleichsweise kleinen Verwandten sehen. "Die Megafauna verschwand vor rund 45.000 Jahren auf einen Schlag", erklärt Richard Roberts, Geochronologie-Professor an der Universität Wollongong bei Sydney.

Über die Identität des damaligen Übeltäters wogt seit Jahren eine heftige Debatte. Wirklich in Frage kommen nur zwei Verdächtige. "Niemand denkt an einen Meteoriteneinschlag wie bei den Dinosauriern", so Roberts, "also bleiben nur Klimawandel und der Mensch übrig." Denn genau passend haben die ersten Aborigines vor rund 60.000 Jahren den australischen Kontinent betreten. Aber auch das Klima auf dem Kontinent hat während der vergangenen Jahrhunderttausende rasante Kapriolen geschlagen. Was auf der Nordhalbkugel die Eiszeiten waren, bedeutete in Australien vor allem Trockenheit. In vergleichsweise rascher Folge wechselten in Australien trockenes und feuchteres Klima. Wer also trieb die Riesenbeuteltiere ins Verderben?

Trockene Steppen oder Halbwüsten sind das Kennzeichen des australischen Kontinents. Foto: Dagmar Röhrlich

Ein australisches Team um Roberts und den Paläontologen Gavin Prideaux von der Flinders Universität in Adelaide präsentiert jetzt in der aktuellen "Geology", die, wie die Forscher meinen, entscheidenden Indizien. Und die deuten auf den Menschen. "Klimawandel war sicherlich nicht der Hauptschuldige", betont Prideaux. Das Team hat in den südaustralischen Naracoorte-Höhlen nach Fossilien gegraben und eine Zeitreihe für die vergangenen 500.000 Jahre aufstellen können. Diese Höhlen öffnen sich überraschend im Untergrund und häufig stürzten Tiere hinein, konnten sich nicht mehr befreien und starben schließlich.

Die Forscher fanden Tausende Knochen von mehr als 60 verschiedenen Beuteltierarten, die sie exakt datieren konnten. Bereits vorher hatte eine andere Forschergruppe eine Klimachronologie für die Gegend der Naracoorte-Höhlen aufgestellt. Indem das Team von Prideaux und Roberts jetzt seinen Fossilienbefund mit dieser Klimazeitreihe verglich, konnte es erkennen, ob und wie die Fauna auf den Wechsel von Feucht- und Trockenzeiten reagierte. "Unsere Daten zeigen, dass die Tiere während der vergangenen 500.000 Jahre gut mit den Klimaschwankungen zurecht kamen", berichtet Prideaux. Wurde es trockener, zogen sich die Tiere zurück, kehrte die feuchtere Witterung zurück, folgten auch die Tiere umgehend.

Über 450.000 Jahre ging das so, bis vor 45.000 Jahren das endgültige Ende kam. Und es kam - als besondere Ironie - zu einer Zeit, mit deren feuchterem Klima die Tiere eigentlich besonders gut hätten klar kommen müssen. Roberts: "Das Klima war es also nicht, was bleibt dann noch übrig? Es war gerade zu der Zeit, als die Menschen den Kontinent eroberten - ein zu auffälliges Zusammentreffen, als dass wir es übersehen könnten." Doch eine Koinzidenz ist noch kein Beweis - und genau daran stoßen sich die Gegner von Roberts' Theorie.

"Menschen und Megafauna lebten noch mindesten 15.000 Jahre nebeneinander her", betont Judith Field von der Universität von New South Wales in Sydney mit Blick auf die Fundstätte Cuddie Springs im trockenen Binnenland des australischen Bundesstaates New South Wales. Eine Ausrottung der Riesenbeutler durch die Aborigines hält sie für unwahrscheinlich. Und tatsächlich gibt es auch keinen Hinweis auf massenhaftes Abschlachten der Tiere durch Aborigine-Jäger. "Erstaunlicherweise haben wir in den Höhlen keinerlei Hinweise auf Menschen gefunden", so Roberts. Direkt haben die neu eingewanderten Aborigines die einzigartige Riesentierwelt Australien demnach nicht vernichtet - das konnten sie schon mangels Zahl nicht. Doch schon sie wussten, wie sie die Landschaft ihren Bedürfnissen anpassen konnten. "Die Tiere wurden nicht bis zum Aussterben gejagt", betont Geowissenschaftler Roberts, "aber ihr Lebensraum ist durch den Menschen derart tiefgreifend verändert worden, daß ihnen praktisch die Lebensgrundlage entzogen wurde." Viele der gewaltigen Tiere waren extrem spezialisierte Pflanzenfresser, in ihren Ansprüchen vergleichbar etwa mit den heute noch lebenden Koalabären. Sie fraßen Blätter - und mit der Ankunft des Menschen kam der Wandel Australiens vom weitgehend bewaldeten Kontinent zum Buschland. Diesen Wandel konnten die Riesen nicht mitmachen - und sie starben aus.