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Das Jahrhundert der Städte

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:03

Es geschah 2007. Irgendwann im Lauf des Jahres gebar eine Frau in einem Slum der Dritten Welt ein Kind oder ein junger Mann vom Lande nahm in der Stadt sein Studium auf - und damit lebte erstmals mehr als die Hälfte der Menschheit in der Stadt. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte - und ganz besonders das der Riesenstädte. Schon in fünf Jahren wird es wohl 50 mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern geben. Von unserer speziell europäischen Stadtvorstellung wird die überwältigende Mehrheit dieser Megastädte nicht das geringste haben.

DharaviDharavi ist der größte Slum der 18-Millionen-Stadt Bombay. Vielleicht eine Million Menschen lebt hier, etwa so viele wie in Deutschlands viertgrößten Stadt Köln. Doch die Einwohner von Dharavi sind auf insgesamt 2,14 Quadratkilometer ehemaligem Mangrovensumpf zusammengepfercht, Köln hat dagegen eine Fläche von über 400 Quadratkilometern. Wo vor 100 Jahren Fischer noch ihre Netze auswarfen, erstreckt sich heute auf Schwemmland ein graues Wellblechmeer, eingeklemmt zwischen zwei Eisenbahnlinien. Dharavi ist nur einer von 2500 Slums der indischen Wirtschaftshauptstadt und einer der besseren: Viele Einwohner sind Handwerker mit kleinem Einkommen. Sonst könnten sie sich auch die Behausungen nicht leisten. Eine etwa 20 Quadratmeter große Hütte kostet 20 000 Euro. Das ist eine Menge Geld in einer Stadt, in der das Durchschnittseinkommen bei jährlich 540 Euro liegt.

Direkt neben den Wellblechhütten wird das Zehn- bis Hundertfache verdient, und zwar im Monat, denn in Bandra Kurla pocht das wirtschaftliche Herz der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien. In dem feinen Bankendistrikt funkeln die Glasfassaden in der Sonne, wachsen Bäume an den Straßen und hasten Bankangestellte, die von ihrer Arbeit per Blackberry sogar in die Mittagspause verfolgt werden, durch die Straßen. Weil Land in Indiens Finanzmetropole teuer ist und die Mieten für Büros und Wohnungen zu den höchsten der Welt gehören, ist Dharavi in den Blick der Banker und der Stadtverwaltung geraten. Der Slum soll verkauft werden. 2,3 Milliarden US-Dollar will die Stadt für das insgesamt 214 Hektar große Areal haben. Für die derzeitigen Bewohner soll anderswo ein neuer Stadtteil gebaut werden - zumindest für 600.000 von ihnen. Die anderen stehen auf der Straße, und ob die 600.000 Glücklichen in der geplanten Unterkunft auch arbeiten dürfen wie bisher, scheint sehr ungewiss. So elend Dharavi daher in europäischen Augen aussehen mag, viele seiner Bewohner wehren sich gegen die Modernisierungspläne.

PudongDer Konflikt in Bombay ist ziemlich typisch für eine neue Art der Stadt, die es in den 7000 oder 8000 Jahren Stadtgeschichte erst seit wenigen Jahrzehnten gibt. Es sind die Megastädte, die alle Stadtvisionen der Vergangenheit allein wegen der gewaltigen Bevölkerungszahl sprengen. „Das ist wirklich ein Nachkriegsphänomen. Diese Art von wirklich großen Städten gab es bis dato kaum“, erklärt Frauke Kraas, Professorin für Anthropogeographie an der Universität Köln und Vorsitzende der Task force „Megacities“ bei der Internationalen Geographie-Union. Wirkliche Riesenstädte gab es vor einem halben Jahrhundert gerade einmal vier und alle lagen in den Industriestaaten. In den 60er Jahren kam als erster Ballungsraum aus einem Entwicklungs- oder Schwellenland Schanghai hinzu. Seitdem hat sich die Entwicklung drastisch beschleunigt und das Bild entscheidend gewandelt. Seit 2007 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten und nicht mehr auf dem Land. Je nach Statistik gibt es derzeit mindestens 15 Megastädte mit über zehn Millionen Einwohnern. Bezieht man auch die Gruppe mit mehr als fünf Millionen Einwohnern ein, von denen viele in naher Zukunft die 10-Millionen-Schwelle überschreiten werden, sind es schon 49 Kommunen. Zwei Drittel von ihnen liegen inzwischen in den Entwicklungs- und Schwellenländern. 2015 - in etwas mehr als einer Legislaturperiode unseres Parlaments - werden etwa vier Milliarden Menschen in der Stadt leben, 600 Millionen von ihnen in 60 Riesenstädten mit mehr als fünf Millionen Einwohnern.

Tokio bei NachtDie Ballungsräume der Industriestaaten werden sich dann auf den hinteren Plätzen der Rangliste befinden, denn in den bevölkerungsreichen Staaten Asiens hat die Wanderung vom Land in die Stadt erst begonnen. Städte wie Dhaka, Karachi oder Kalkutta werden bald nahe an 20 Millionen Einwohner zählen, Bombay oder Delhi leicht, Schanghai deutlich darüber hinausgewachsen sein. Von den traditionellen Metropolen der westlichen Welt werden sich nur Tokio und New York angesichts dieses rasanten Wachstums vor allem der asiatischen Städte behaupten können. 2030 werden in Afrika, wo heute der Anteil der Stadtbevölkerung mit 30 Prozent noch am kleinsten ist, mehr Menschen in Städten wohnen als in ganz Europa. Schon jetzt wachsen die Städte in den Entwicklungsländern Woche für Woche um eine Million Einwohner - dank der enorm hohen Geburtenrate und der Landflucht.

Dabei haben Tokio und Lagos, Delhi und New York, Johannesburg und Peking tatsächlich nur eins gemeinsam: Sie haben unglaublich viele Einwohner, verbrauchen ungeheuer viele Ressourcen und sind auf mehr oder weniger hohem Niveau Wirtschaftszentren. Die Kategorie Megastadt umschließt eine äußerst heterogene Gruppe von Ballungsräumen, die einzig und allein durch die Zahl ihrer Einwohner vergleichbar sind. „ Das ist ein rein quantitatives Merkmal und sagt nichts über die Qualität der Städte aus“, warnt Professor Eckhart Ribbeck, Leiter des Fachgebiets Planen und Bauen in Entwicklungsländern an der Universität Stuttgart.

KiberaUnter den Megastädten können sich wahre Weltwirtschaftszentren wie Tokio befinden, das ein höheres Bruttosozialprodukt hat als die meisten Nationalstaaten dieser Welt. Darunter kann sich eine riesige Produktionsstätte wie das südchinesische Shenzhen befinden, das innerhalb von ein paar Jahrzehnten von einem Dorf zu einer Mulitimillionen-Einwohner-Stadt mutierte, dessen Bedeutung aber kaum über die der sprichwörtlichen Werkbank hinausgeht. Megastadt ist aber auch Lagos in Nigeria, ein unüberschaubares Meer von Wellblechhütten und niedrigen Häusern, mit nur wenigen geradezu provokanten Inseln des Wohlstandes darin. Die Stadt ächzt immer am Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und übt trotzdem magnetische Anziehungskraft auf den Rest Nigerias aus.

Von allen europäischen Städten kommen höchstens noch London, Moskau und Paris für den Titel Megastadt in Frage, deutsche Städte sind generell zu klein. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis selbst London oder Moskau aus den Ranglisten fallen. Als weiterer Kandidat für einen der vorderen Plätze wird immer wieder der Ballungsraum Rhein-Ruhr von Köln bis Dortmund genannt. Dort leben gut und gern 14 Millionen Menschen und wer mit dem Zug durch die Region fährt, kommt kaum jemals auf den Gedanken, einen einheitlichen städtischen Raum zu verlassen. „Wenn dieser urbane Raum sich unter einem Label zusammenschließt, könnte er daraus durchaus Nutzen im weltweiten Wettbewerb der Standorte ziehen“, rät Frauke Kraas. Andere Stadtregionen machen vor wie das geht: die weitgehend unbekannten Millionenstädte des Perlflußdeltas im Süden Chinas mit ihren insgesamt 26 Millionen Einwohnern werben seit kurzem unter diesem Namen für ihren Standort. Wenn globale Zwerge wie Köln, Dortmund, Düsseldorf oder Essen im weltweiten Wettbewerb Chancen haben wollen, dürfte ein solcher gemeinsamer Auftritt sinnvoll sein. Die vielerorts liebgewonnenen Rivalitäten können dabei ruhig weitergepflegt werden.

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