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Das Schicksal der Lagune

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.08.2007 15:02

Die Stadt Venedig und ihre Lagune sind miteinander verbunden, seit sich Menschen irgendwann am Ende der Antike vor den Wirren der Völkerwanderungszeit auf die Inseln der sumpfigen Lagune retteten und dort ein Gemeinwesen gründeten. Seither lebt die Stadt mit und von der Lagune, und die Menschen beeinflussen diese seit Jahrhunderten zu ihrem eigenen Nutzen. Inzwischen bedrohen allerdings menschliche Umgestaltung und Klimaveränderungen den Fortbestand der Lagune. Hydrologen aus Padua haben im Computer simuliert, wie die Lagune von Venedig am Ende des 21. Jahrhunderts aussehen könnte, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden.

Passiert nichts, wird die Lagune von Venedig kaum wieder zu erkennen sein, wenn dieses Jahrhunderts zu Ende geht: Wo heute noch Sandbänke, Salzmarschen und Untiefen 80 Prozent der Landschaft ausmachen, wird sich ein tiefes Wasserbecken erstrecken. Der Grund ist Materialmangel. Viele Jahrhundert lang drohte die Lagune zu verlanden und die Inselstadt damit ihren bewährten Schutz zu verlieren. Daher leitete schon die Republik von San Marco die Flüsse aus der Poebene von der Lagune weg und direkt in die Adria und unterband so den Materialtransport weitgehend. So gelangt bereits seit Jahrhunderten nur wenig Sand, Schlick und Geröll in das Wasserbecken. Marco Marani, Professor am Institut für Wasserbau der Universität Padua: "Diese Entwicklung hat im 16. Jahrhundert begonnen, aber im 19. und 20. Jahrhundert besonders gravierende Auswirkungen gehabt. Damals baute man die Molen an den drei Öffnungen der Lagune zur Adria."

Venedig, hier San Giorgio Maggiore, und seine Lagune sind eine Einheit. Foto: Wikipedia

Seitdem rauscht das Wasser bei Ebbe mit besonders starker Strömung durch die drei Öffnungen bei Chioggia, Malamocco und Lido. Zum verringerten Nachschub an Sediment aus der Poebene kam jetzt noch die beschleunigte Erosion. "Starke Jetströme tragen das Sediment aus der Lagune heraus", ergänzt Stefano Lanzoni, ebenfalls Professor in Padua, "es gelangt so weit ins Meer hinaus, dass die Flut es nicht mehr zurückbringen kann." Auf diese Weise verliert die Lagune jährlich 500.000 Kubikmeter Land. Ähnlich wie in der weltberühmten Lagune ist die Situation in vielen anderen weniger bekannten Lagunen und Mündungsgebieten der Welt. Um die Situation und Mittel zu ihrer Besserung zu erforschen, läuft zurzeit das EU-Projekt Tide unter Leitung der Paduaner Ingenieure. Wie drastisch sich solche menschengemachten Veränderungen auswirken können, bekamen 2005 die Bewohner des Mississippi-Deltas zu spüren. Der Hurrikan Katrina verheerte außer der Großstadt New Orleans auch den Rest des Deltas. Die Schäden fielen nicht zuletzt so katastrophal aus, weil die natürlichen Schutzmechanismen in früheren Jahrzehnten nach und nach zerstört worden waren.

Was in der Lagune von Venedig früher für die Verteidigung der Stadt gewünscht war und auch heutzutage noch den Schiffsverkehr begünstigt, ist für andere Sektoren nämlich eine durchaus unerwünschte Entwicklung. Sandbänke und Untiefen, die zahlreichen Meeresbewohnern einen vielfältigen Lebensraum bieten, verschwinden, auch die biologisch ungemein produktiven Salzmarschen sind auf dem Rückzug. Über kurz oder lang werden so auch die Fischer der Lagune die Folgen der Erosion zu spüren bekommen. "Die Verluste sind auch unter touristischen Aspekten wichtig", so Marani, "schließlich sind Venedig und seine Lagune eine untrennbare Einheit."

Betroffen ist allerdings nicht die gesamte Lagune gleichermaßen. Wenn die Paduaner Wasserbauingenieure in ihren Rechnern die Entwicklung bis zum Ende des Jahrhunderts simulieren lassen, zeigt sich eine klare Zweiteilung der Lagune in einen verlandenden Norden und ein immer tieferes Meeresbecken im Süden. Bereits jetzt ist der Materialverlust im Gebiet zwischen Chioggia und Venedig dramatisch. "Hier hat die Lagune große Marsch- und Ufergebiete verloren und sich in ein tiefes Wasserbecken verwandelt", erklärt Marani. Nicht zuletzt der Schifffahrtskanal, der regelmäßig ausgebaggert wird, trägt zur Erosion bei. Im Norden dagegen wachsen die Marschen sogar noch.

Pflanzen sind wichtiger Gegenspieler der Erosion

Doch nicht nur physikalische Faktoren wie die Strömungen oder das Absinken des Lagunenbodens, weil die Industrie Grundwasser abpumpt, spielen eine Rolle. "Wir müssen neben den nicht biologischen vor allem die biologischen Prozesse einbeziehen", so Marani. In den Salzmarschen und auf den Sandbänken brechen Pflanzen die Kraft der Wellen. Ihre Wurzeln halten den Boden fest. Und in den Untiefen kämpfen Algen- und Bakterienmatten gegen den Verlust von Sand und Schlick. "Wir haben uns mit unserem Modell untersucht, wie sich die Lagune ohne Mikroben und Vegetation entwickeln würde", so Lanzoni, "die Erosion würde die Salzmarschen und Sandbänke zerstören." Deshalb zieht das Computermodell auch diese Mitspieler in Betracht.

Allerdings kommt auch die Vegetation inzwischen kaum mehr gegen die Erosion an, dafür greift der Mensch zu tief ein. Künstliche Kanäle am Lagunengrund verstärken Strömungen und Erosion. Fischer und Muschelsammler zerstören die Algenmatten, die das Land unter Wasser zusammenhalten. Der Wellengang der Touristenschiffe reißt zusätzlich Lücken in den Bewuchs. Dazu kommt der Klimawandel. Andrea d'Alpaos von der Universität Padua: "Wir haben einige Szenarien des IPCC durchgerechnet, und bei einer starken Erwärmung und dem damit verbundenen Meeresspiegelanstieg werden die Salzmarschen und Sandbänke verschwinden."

Nur durch erneute Eingriffe kann die Lagune überleben

Verhindern kann man das nur, wenn man wieder mehr Sediment in die gefährdeten Bereiche der Lagune leitet. "Wenn wir das derzeitige hydrodynamische Gleichgewicht nicht beeinflussen, dann wird die derzeitige Tendenz des Exports von Sedimenten aus der Lagune hinaus ins Meer andauern", warnt Stefano Lanzoni, "einmal Sediment einbringen, nützt nichts. Wir müssen dann ein System entwickeln, in dem über lange Zeiträume hinweg immer wieder Sediment in das System gelangt, das die Verluste ausgleicht." Die Umleitung der Flüsse, die die alte Republik vor Jahrhunderten eingerichtet hatte, müsste, so eine Idee der Forscher zumindest zeitweise wieder korrigiert werden. Neue künstliche Kanäle im Lagunengrund müssten dann die Sedimente weiträumig in der Lagune verteilen. Das sei kompliziert, aber vielleicht eine Chance.

"So etwas wie eine natürliche Lagune von Venedig gibt es ohnehin nicht", erklärt Marco Marani, "wir müssen uns entscheiden, ob wir die typische Lagunenlandschaft verlieren oder künstlich stabilisieren wollen. Die Gesellschaft muss wählen." Ohne Gegenwehr wird die Erosion siegen, die Lagune sich weiter eintiefen - und Venedig bedrohen. Bei der Bedrohung Venedigs durch den steigenden Meeresspiegel hat sich Italien bereits für einen aufwendigen technischen Schutz in Form von Fluttoren für die drei Lagunenöffnungen entschieden. Die Chancen für eine aufwendige Regulierung der Lagune selbst stehen also nicht schlecht. Das Computermodell könnte dabei helfen, die optimale Gegenmaßnahmen zu entwickeln.