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Debattenende unwahrscheinlich

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.07.2013 12:02

Zehn Jahre ist die Entdeckung eines winzigen Menschenskeletts mit extrem kleiner Hirnschale in einer Höhle auf der indonesischen Insel Flores alt. Seit zehn Jahren wogt ein heftiger Streit, ob der sogenannte Homo floresiensis eine neu entdeckte Menschenart oder einfach nur ein krankhaft veränderter Angehöriger unserer eigenen Art ist. Ein groß angelegter Vergleich des Schädels mit anderen ausgestorbenen Menschenarten, vor allem aber mit kranken und gesunden Zeitgenossen, gibt der Ansicht Rückenwind, dass es mit dem "Hobbit" von Flores bis vor 18.000 Jahren eine von uns separate Menschenart gab. Ein Ende der Debatte halten jedoch selbst die Autorinnen für unwahrscheinlich.

Der Größenunterschied zwischen dem Hobbit und dem modernen Menschen ist beachtlich. (Bild: Science, Peter Brown)"Ich glaube, diese Diskussion wird erst enden, wenn wir weitere Individuen gefunden haben, vor allem ihre Schädel, und das vorzugsweise auch an anderen Stellen von Flores", meint Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie an der Universität Tübingen. Auch ohne diese neuen Funde hat Harvati zusammen mit Kollegen einen großen Schritt unternommen, um einer Antwort auf die Frage näherzukommen, ob LB1, wie das Fossil offiziell nach seinem Fundort in der Ling-Bua-Höhle heißt, eine neue Menschenart oder ein kranker moderner Mensch ist. Die Wissenschaftler haben in PLoS den nach eigenen Angaben bislang umfangreichsten Schädelvergleich veröffentlicht, und Hauptautorin Karen Baab sieht sich inzwischen ein erhebliches Stück weiter: "Unsere Ergebnisse widersprechen drei Krankheitsbildern, die LB1 immer wieder zugeschrieben werden", erklärt die Anthropologie-Professorin in Stony Brook, "sie unterstützen dagegen die Idee sehr, dass das Flores-Exemplar eine eigene Art repräsentiert, die eng mit ausgestorbenen Menschenarten wie dem Homo erectus verwandt war." Baab und Harvati haben mit ihrem Kollegen Kieran McNulty von der Universität von Minnesota insgesamt 248 Schädel verglichen, darunter ein 3D-Computermodell von LB1 und die von 192 gesunden Zeitgenossen. "Wir haben aber auch die meisten Krankheitsbilder abgedeckt, die zur Erklärung des Fossils herangezogen wurden", so Harvati, "insbesondere haben wir eine große Zahl von Mikrozephalie-Patienten untersucht, weil diese Krankheit am häufigsten angegeben wird." Insgesamt 32 Mikrozephaliefälle, sowohl genetisch als auch erworben, sind unter den Untersuchten, hinzu kommen 16 Fälle, die andere Krankheiten abdecken. Die Stichprobe komplettieren 20 Schädel von ausgestorbenen Menschenarten vom Homo habilis bis zum Neandertaler.

Homo erectus. (Bild: Wikimedia/steveoc_86)Bei allen Schädeln vermaßen die Forscher die Hirnschale anhand von rund 20 anatomischen Merkmalen. Beim darauf aufbauenden Vergleich ergaben sich einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Flores-Fossil und den Mikrozephaliefällen. "Diese Merkmale fanden wir allerdings auch bei den anderen ausgestorbenen Menschenarten", erklärt Katerina Harvati. Dagegen gab es einige Merkmale, die der Hobbit ausschließlich mit den ausgestorbenen Menschenarten teilte. Für Karen Baab ist daher die Frage entschieden: "Wir können ausschließen, dass das Fossil ein Homo sapiens ist. Die interessante Frage ist, mit welcher der früheren Menschenarten er näher verwandt ist." In Frage kommen vor allem zwei urtümliche Arten: Homo habilis, der früheste Vertreter der Gattung Homo, der in Ostafrika gefunden wurde und dessen Fossilien zwischen 2,1 und 1,5 Millionen Jahre alt sind. Zweiter bekannter Verwandtschaftskandidat ist der Homo erectus, der in Europa, Afrika und Asien gefunden wurde und zwischen 1,8 Millionen und rund 143.000 Jahren alt ist. Möglich wäre allerdings auch ein komplett anderer Zweig der Menschenfamilie, der den Ausgräbern bislang noch nicht begegnet ist. "Wir konnten die Zuordnung zu habilis oder erectus nicht vollständig überprüfen", so Karen Baab, "weil wir nur einen einzigen Habilis-Schädel untersuchen konnten." Das Habilis-Fossil KNM ER 1813 wurde 1973 in Koobi Fora, Kenia, gefunden. Es ist der bislang einzige halbwegs intakte Schädelfund dieser frühen Menschenart. Dass ihre Untersuchung die Diskussion beendet, erwartet keine der beiden Forscherinnen. "In unserem Gebiet werden Debatten dieser Art nie vollständig gelöst", seufzt Karen Baab, "aber wir sollten uns vielleicht der viel interessanteren Frage zuwenden, wer denn der Vorfahr von Homo floresiensis war: Homo erectus, Homo habilis oder eine andere frühe Homo-Art." Ihr Wunsch wird sicherlich nicht leicht in Erfüllung gehen, denn für die Gegenpartei ist die Abstammung klar die von allen modernen Menschen.

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