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Der große Zug der großen Saurier

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.10.2011 15:12

Die pflanzenfressenden Dinosaurier des Jura vertilgten so gewaltige Mengen, dass sich die Paläontologen immer fragten, wie diese Tiere in einer Umgebung aus Farnen, Schachtelhalmen und Bäumen überleben konnten. Eine Möglichkeit waren ausgedehnte Wanderungen "immer dem frischen Grün hinterher", wie sie heutzutage noch in der Serengeti zu sehen sind. Bislang fehlten allerdings die Belege für diese Hypothese. In der aktuellen "Nature" präsentieren US-Paläontologen Indizien, dass zumindest die Pflanzenfresser im nordamerikanischen Landesinneren solche Wanderungen durchführten

Camarasaurier"Sind Sie beeindruckt von der Großen Wanderung der Gnus in der Serengeti", fragt Henry Fricke, Paläontologie-Professor am Colorado College in Colorado Springs, "stellen Sie sich etwas vergleichbares im Erdmittelalter vor, nur mit 18 Meter langen und 18 Tonnen schweren Camarasauriern." Riesige Herden von gigantischen Pflanzenfressern wanderten wie eine ungeheure Walze über das, was damals der heutigen Savanne entsprach, und fraßen alles klein, was ihnen in die Quere kam. Es war sicher ein beeindruckendes Bild, leider blieb es immer nur eine zwar plausible, aber nicht belegbare Theorie. "Es machte sehr viel Sinn", erklärt Fricke, "aber es gab keinen direkten Beleg, weil sich Verhalten nur sehr selten in Fossilien erhält."

Zähne von CamarasauriernDer junge Wissenschaftler aus Colorado hat jetzt aber doch einen Beleg für das Wanderungsverhalten der großen Dinosaurier erbringen können: Er hat 32 Zähne von Camarasauriern aus Utah und Wyoming untersucht und darin Hinweise auf eine an Jahreszeiten ausgerichtete Wanderung zwischen tiefliegenden Schwemmlandebenen und höhergelegenen Gebieten gefunden. "Paläontologen gingen schon länger davon aus, dass diese Camarasaurier in semiariden Klimazonen lebten, die von Trocken- und Regenzeiten geprägt waren", erklärt Fricke. Da ein ausgewachsener Camarasaurus rund 450 Kilo Farne, Schachtelhalme und Blätter pro Tag fressen musste, konnte er in der Trockenzeit schnell in Bedrängnis geraten, vor allem wenn er mit zahlreichen Artgenossen desselben Kalibers zusammenlebte.

Wie die Gnus heutzutage sind die Camarasaurier deshalb auf Wanderschaft gegangen. Dabei legten die Tiere aus Wyoming und Utah Strecken von 300 Kilometern zurück. Fricke und seine beiden Mitarbeiter konnten das aufklären, weil sie den fossilen Saurier-Zahnschmelz auf seinen Gehalt an Sauerstoff-18 hin untersuchten. Sauerstoff-18 ist eine schwere Variante des Sauerstoffs und wird von Archäologen und Paläontologen als Indikator für das Wanderungsverhalten von Tieren benutzt. Konkret geht es um den Sauerstoff-18, der im Wassermolekül gebunden ist. Im Regenwasser ist der Gehalt des schweren Isotops grundsätzlich gleich, allerdings regnen die geringfügig schwereren Wassermoleküle mit Sauerstoff-18 früher ab als die leichteren mit Sauerstoff-16. Regen in niedrigeren Höhen hat mehr Sauerstoff-18 als solcher in Höhenlagen, das Wasser damit sozusagen einen eingebauten Höhenmesser. 

Camarasaurus-SkelettIn die Fossilien gelangt das Sauerstoff-Isotop, weil das Wasser zum Aufbau von Zahnschmelz gebraucht wird. Und solange der Zahn wächst, solange wird immer Wasser aus der jeweiligen Lebensumwelt des Sauriers eingebaut. Die O-18-Werte aus den Zähnen haben die Forscher aus Colorado dann mit den O-18-Werten aus jurassischen Kalksteinen im Gebiet des sogenannten Morrison-Beckens verglichen. Das Morrison-Becken erstreckt sich östlich der Rocky Mountains über große Teile der heutigen US-Bundesstaaten Montana, Wyoming, Utah und Colorado sowie die östlich angrenzenden Prärie-Staaten. Es ist der Überrest der Sundance Sea, eines Ozeanarms, der sich im Jura vom Polargebiet durch die heutige Prärie bis nach New Mexico erstreckte. Im späteren Jura, als die untersuchten Camarasaurier lebten, zog sich das Meer langsam zurück. In die zurückbleibende Tiefebene ergossen sich zahlreiche Flüsse, die das O-18 lieferten, auf das sich Fricke und seine Kollegen stützen.

Knochenfunde Dinosaur National MonumentFricke will die O-18-Untersuchungen jetzt auch auf die Zähne von anderen Dinosauriern ausdehnen und prüfen, wie weit die Analogie zur heutigen Serengeti reicht. Heutzutage begleiten Scharen von Raubtieren den Zug der Gnus oder lauern ihnen an immer gleichen Positionen auf. Möglicherweise haben es die jurassischen Raubsaurier wie der riesige Allosaurus auch so gehalten. Dann sollte die Analyse ihrer Zähne ein entsprechendes O-18-Profil ergeben, schließlich mussten auch Raubsaurier trinken, bevor sie die friedlichen Riesen angriffen. 

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