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Der Mensch sät Sturm über dem Pazifik

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:44

1997/1998 war die schlimmste Brandsaison, die Südostasien bislang kennengelernt hat. Millionen Hektar Regenwald und Busch standen lichterloh in Flammen, die Rauchwolke überdeckte ein Gebiet, das von den Philippinen im Norden bis nach Java im Süden und weit in den Indischen Ozean hinein reichte. Doch so spektakulär das Ereignis auch war, die ganz alltägliche Umweltverschmutzung durch die rasante Industrialisierung der Region ist unendlich viel bedeutender, beeinflusst sogar das Weltklima.

"Singuläre Ereignisse wie die Waldbrände in Indonesien dauern nicht lange genug, um einen großen Effekt auf das Klima auszuüben", betont Renyi Zhang, Professor für Meteorologie an der Texas A & M University in College Station. Anders steht es jedoch mit den alltäglichen Abgasen, die die wirtschaftlich wohl dynamischste Region der Erde von sich gibt. Nirgends sonst auf der Welt gibt es höhere Wachstumsraten - doch die Länder der Region müssen dafür den gleichen Preis zahlen, wie die alten Industriestaaten Europas und Amerikas in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

In der Brandsaison 1997/98 überdeckte die Rauchwolke von den Waldbränden in Indonesien weite Teile Südasiens. Foto: Nasa/GSFC

Staub und Ruß, die von Haushalten, Industrie und Verkehr in immer gewaltigeren Mengen freigesetzt werden, haben offenbar in den vergangenen 20 Jahren dazu geführt, dass die Sturmfront, deren Winde im Dezember und Januar von Ostasien an die amerikanische Westküste brausen, immer stärker wird. "Das ist vielleicht das erste Mal, dass man die Wirkung der menschgemachten Umweltverschmutzung auf die Wolkenbildung und damit auf das Klima dingfest machen kann", schreiben Zhang und seine Kollegen - unter ihnen der Nobelpreisträger Mario Molina - in einem Artikel für die aktuellen Online-Ausgabe der Abhandlungen der amerikanischen Akademie der Wissenschaften.

Wolken sind notorisch schlecht durch Klimamodelle zu erfassen - und der Zusammenhang zwischen Partikelausstoß, den so genannten Aerosolen, und Bildung sowie Verhalten von Wolken sorgt für die größten Unsicherheiten in der Klimaprognose. Klar ist, dass der Aerosolausstoß grundsätzlich dafür sorgt, dass die Tropfengröße in den Wolken schrumpft. Dadurch werden die Wolken stabiler, weil sie nicht mehr so schnell abregnen, und sie steigen höher in der Atmosphäre auf. Über dem Pazifik hat die Umweltverschmutzung aber offenbar auch noch dazu geführt, dass mehr Wolken gebildet werden.

Ein Vergleich der Satellitenmessungen aus der Dekade 1984 bis 1994 und der darauffolgenden ergab, dass die Wolkendecke zwischen 20 und 50 Prozent gewachsen war. "Und diese Wolkendecke ist direkt mit der nordpazifischen Sturmfront verknüpft", so Zhang. Denn die Wolken transportieren Feuchtigkeit und Wärme über Asien in höhere Atmosphärenschichten, und dadurch entstehen Stürme, die ostwärts über den Pazifik fegen.

Um festzustellen, ob die stärkeren Wolken tatsächlich durch die Umweltverschmutzung verursacht wurden, oder vielleicht doch nur ein natürliches Phänomen darstellen, ließen die Forscher Wettermodelle mit unterschiedlichen Ausgangsparametern laufen. Einmal mit menschgemachten Aerosolen, wie Staub, Schwefeloxiden und Ruß, und einmal mit natürlich entstandenen, wie etwa Meersalz. "Wir konnten die beobachteten Wolken nur mit Hilfe der menschgemachten Aerosole erzeugen", berichtet Renyi Zhang. Für die Zukunft sagen die Modelle überdies voraus, dass sich der Niederschlag in der gesamten Nordpazifikregion um bis zu 25 Prozent verstärken wird. Gleichzeitig wird die verstärkte Front aber das Monsun-System durcheinanderbringen, das Asien von Süden her mit Niederschlag versorgt.

Die Veränderung spürt man nur vor Ort, die Fernwirkungen sind ebenfalls erheblich: Die Stürme werden wegen ihrer größeren Stärke weiter in Richtung Norden reichen, zunehmend in den Polarkreis hinein. "Das verschärft die ohnehin schon kritische Aufheizung der Region zusätzlich", prognostizieren Zhang und seine Kollegen. Eiskappe und Permafrost in der Arktis werden also auch durch die pazifische Sturmfront unter Druck gesetzt und schneller abschmelzen und auftauen.