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Detailliertes Vormenschenporträt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 15.10.2009 15:19

Kaum ein Vormenschenfossil ist so bekannt und populär wie Lucy, der 3,7 Millionen Jahre alte Australopithecus aus der äthiopischen Provinz Afar. Lange Zeit war Lucy der früheste Vertreter der Homininen, über den mehr bekannt war als ein paar Zähne oder Knochen. Jetzt hat ein 47-köpfiges Anthropologenteam in „Science“ den 4,4 Millionen Jahre alten Ardipithecus ramidus in allen Details vorgestellt. Das Ergebnis von fast 30 Jahren Ausgrabung im äthiopischen Awash-Gebiet wirft ein neues Licht auf die frühe Entwicklung unserer Verwandtschaft.

Ardipithecus, PorträtEs war ein langer Weg zum modernen Menschen, das kann jeder sehen, der einen heutigen Schädel mit dem von Australopithecus afarensis, der berühmten Lucy, vergleicht. Es war aber auch ein vergleichbar langer Weg zum modernen Schimpansen, unseren nächsten Verwandten. Das überrascht dann doch etwas, schien es bislang doch so, als sei unser letzter gemeinsamer Vorfahre, der vor etwa fünf bis sechs Millionen Jahren lebte, sehr affen- und wenig menschenähnlich. Die detaillierte Analyse von Ardipithecus ramidus, einem 4,4 Millionen Jahre alten Vormenschen aus der äthiopischen Provinz Afar, zeigt jetzt, dass sowohl Mensch als auch Schimpanse eine gewaltige Entwicklung hinter sich gebracht haben, seitdem sich ihre Wege trennten.

Ardipithecus, Skelett frontal„Ardipithecus ist ein Mosaikwesen, weder Affe noch Mensch“, erklärt Professor Tim White, Paläoanthropologe an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Er gräbt seit fast 30 Jahren in der äthiopischen Region, die Beitragsserie in „Science“ stellt so etwas wie die Bilanz dieser Arbeit dar. Überreste von inzwischen über 110 individuellen Ardipithecinen, die über rund 10.000 Jahre verteilt im Gebiet des heutigen Awash-Flusses lebten. Zugegeben, „Ardi“, der Spitzname, den White und seine 46 Kollegen für das wichtigste Ardipithecus-Fossil fanden, ist wesentlich fantasieloser als „Lucy“ für den berühmtesten Australopithecus. Es ist eine einfache Abkürzung, während die Entdecker damals sagten, der Hit „Lucy in the sky with diamonds“ habe sie inspiriert. Das aber machen White und seine Kollegen durch die umfassenden Informationen mehr als wett, die sie dank der peniblen Ausgrabungen des Awash-Projektes zu Ardipithecus präsentieren.

Ardipithecus, Skelett von der SeiteArdipithecus ist zwar nicht das älteste Vormenschen-Fossil -  Sahelanthropus aus dem Tschad und Orrorin aus Kenia sind drei und zwei Millionen Jahre älter. Doch dank der Funde im Awash gehört Ardi zu den am besten bekannten Homininen überhaupt, und er räumt gleich mit einigen hergebrachten Ansichten zur Frühgeschichte von Menschen und Menschenaffen auf. Zum Beispiel mit der Evolution der Affen. „Die Schimpansenhand hat sich beispielsweise seit dem letzten gemeinsamen Vorfahren drastisch weiterentwickelt“, erklärt White. Der Schimpanse ist ein außerordentlich guter Kletterer und schwingt sich behände von Ast zu Ast. Am Boden aber stützt er genau wie der Gorilla die Hände auf den Knöcheln auf und läuft meist auf allen vieren. Ardipithecus kann genau das nicht, er hat nicht die anatomischen Voraussetzungen für diesen Knöchelgang. Und von Ast zu Ast schwingen war auch nicht seine Art. Stattdessen, das zeigt der Aufbau seiner Füße, lief das rund 50 Kilogramm schwere und bis zu 1,20 Meter große Tier offenbar über die Äste.

Afar-Region„Unser Problem ist, dass weder von Schimpansen noch von Gorillas Spuren ihrer Entwicklungslinien erhalten blieben“, so White, „denn diese Tiere leben in Gegenden, die eine Überlieferung nicht gerade fördern.“ Im Dschungel sind Temperatur und Luftfeuchtigkeit so hoch, dass kein biologisches Material dem standhalten kann, selbst wenn es das unwahrscheinliche Glück haben sollte, den Aasfressern zu entgehen. Doch die Entdeckungen aus dem Awash-Gebiet spricht jetzt dafür, dass der letzte gemeinsame Vorfahr von Schimpansen und Menschen eher wie eine Meerkatze oder ein anderer Altweltaffe aussah.

Ardipithecus, GebissDie Forscher um Tim White ziehen sogar Schlüsse auf das Sozialleben der Vormenschen. Wie sich zeigt, waren bei Ardipithecus Männchen und Weibchen etwa gleich groß, außerdem fehlte den Männchen die beeindruckenden Eckzähne, wie sie Schimpansen und Gorillas haben. Der hauptsächliche Zweck dieser Hauer ist bei den zeitgenössischen Menschenaffen der Wettbewerb mit männlichen Artgenossen um die Weibchen. Ardipithecus-Männchen hatten dieses Statussymbol nicht, dafür begannen sich bei ihnen die Wangenknochen zu verbreitern. All das deutet nach Ansicht des Teams darauf hin, dass bei den Vormenschen aus dem Awash-Gebiet Paarbindung statt Haremsbildung üblich war und dass die Männchen möglicherweise sogar bei der Aufzucht der Jungen halfen.

Ardipithecus, FußArdipithecus zeigt auch, dass der aufrechte Gang der Homininen nicht erst entstand, als sich diese vom Wald- und Buschland in die Savanne ausbreiteten. Der Vormensch ist nämlich ein eindeutiger Waldbewohner, das beweisen die im Mengen gefundenen Tier- und Pflanzenfossilien. Danach lebte Ardi zusammen mit baumbewohnenden Colobus-Affen und Kudus und ernährte sich von Früchten wie Feigen. Auch die beiden anderen Vormenschen aus der Vor-Australopithecinen-Ära, Sahelanthropus und Orrorin, kamen aus den Randzonen des Dschungels. Damals war der Urwald, der zuvor große Teile Afrikas bedeckt hatte, auf dem Rückzug, an seinen Rändern standen die Bäume lockerer zusammen als im Herzen des Dschungels. Offenbar war diese Umgebung für die Entwicklung der Homininen besonders förderlich.

Ardipithecus, RekonstruktionOb Ardipithecus dabei ein direkter Vorfahr von uns modernen Menschen ist, muss allerdings offen bleiben. Zwar scheinen Paläoanthropologen dazu zu neigen, mit ihren Stammbäumen direkte Entwicklungslinien entlang der bekannten Fossilien zu ziehen. Doch unausgesprochen hinter all den zielstrebigen Entwicklungen zum modernen Menschen steht die Auffassung, dass die Entwicklung unserer Gattung eher einem Busch als einem Baum ähnelt. Es gibt viele parallele Entwicklungen, von denen in der Regel nicht klar ist, wohin sie führen. Ardipithecus und jeder der anderen Vor- oder Frühmenschen kann daher genauso gut eine evolutionäre Sackgasse darstellen.

Verweise
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