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Die Crux mit der Wahrscheinlichkeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.06.2014 09:23

Am 6. April 2009 bebte in L'Aquila die Erde mit einer Magnitude von 5,8. 308 Menschen starben in den Trümmern der zusammenbrechenden Häuser. Dieses Beben hatte ein juristisches Nachspiel. Die zur Zeit der Katastrophe Verantwortlichen des italienischen Katastrophenschutzes wurden in der ersten Instanz eines Prozesses zu zwei Jahren Haft verurteilt. Begründung: Sie hätten das Erdbebenrisiko unzureichend analysiert und kommuniziert, in der Öffentlichkeit habe der Eindruck entstehen können, es werde in der nächsten Zeit kein starkes Erdbeben geben. Das Beispiel L'Aquila zeigt, wie schwierig die Kommunikation von Risiken und Wahrscheinlichkeiten ist. Deshalb wird intensiv nach neuen Wegen gesucht. Ein Ansatz dreht sich um die sogenannte probabilistische Erdbebenvorhersage, seine Tragfähigkeit wurde auf der Tagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union diskutiert.

Öffentliche Gebäude wurden ebenfalls Opfer des Erdbebens vom 6. April 2009 in den Abbruzzen. (Bild: UK Government)Manchmal ist die Erde unruhiger als sonst: Wie in L'Aquila 2009 häufen sich kleine und mittlere Beben über Tage, Wochen oder Monate hinweg. Die Seismologen wissen, dass in solchen Zeiten die Wahrscheinlichkeit eines größeren Erdbebens steigt. Allerdings passiert in den allermeisten Fällen dann doch nichts: "Obwohl sich die Gefährdung um den Faktor 50, 100 oder sogar 1000 erhöht, bleibt die absolute Wahrscheinlichkeit, dass sich in den nächsten 24 Stunden tatsächlich ein Schadenbeben ereignet, immer noch bei weniger als einem Prozent", erklärt Stefan Wiemer, Direktor des schweizerischen Erdbebendienstes. Fast jeder Alarm würde sich also als falsch herausstellen.

Um Politikern und Zivilschützern in solchen Situationen Informationen für Entscheidungen geben zu können, arbeiten Seismologen an der probabilistischen Erdbebenvorhersage. Die berechnet die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei der gerade herrschenden seismischen Aktivität um Vorbeben handelt: "Sie beruht zunächst einmal auf statistischen Methoden, die beschreiben, mit welcher Wahrscheinlichkeit auf ein bestimmtes Beben ein größeres folgt", erklärt Stefan Wiemer. Diese Wahrscheinlichkeiten blieben in der Regel klein, und das sei das Hauptproblem: "Dann überlegt man sich, was wäre wenn? Wie hoch wären die Schäden, wie viele Menschen würden verletzt oder getötet?" Diese beiden Informationen werden miteinander verschnitten, eine Risikokurve errechnet. Dann folgt die Kosten-Nutzen-Analyse, denn Evakuierungen können Tage, Wochen oder auch Monate dauern, das Leben in der Region kann zum zum Erliegen kommen - mit katastrophalen Folgen für die Wirtschaft. Und meistens passiert eben nichts.

Um den Ansatz zu prüfen, haben die schweizerischen Seismologen ihre Modelle mit den rekonstruierten Daten des historischen Basel-Bebens vom 18. Oktober 1356 laufen lassen. Nachmittags hatte ein erster Erdstoß die Stadt erschüttert. Häuser stürzten ein, Menschen flohen in Panik. Wer damals die Nacht auf dem Feld verbrachte, war gut beraten, denn spät am Abend zerstörte eine Serie schwerer Erdstöße die Stadt. Ein Brand brach aus, der acht Tage lang gewütet haben soll. "Dieses Szenario ist für mich als Verantwortlichen des schweizerischen Erdbebendienstes ein Albtraum, wenn ich mir vorstelle, dass ich dann Empfehlungen geben muss", erklärt Stefan Wiemer.

 Die Erdbebenwahrscheinlichkeit auf der Appenin-Halbinsel im Beispielmonat Januar 2012. (Bild: INGV)Die Forscher speisten die rekonstruierten Daten des historischen Basel-Bebens vom 18. Oktober 1356 in die Computermodelle ein: "Was dabei rauskommt, ist für uns ein bisschen überraschend und leicht deprimierend. Rein rational betrachtet macht es nach den meisten dieser Vorbeben wenig Sinn, den Leuten zu sagen, die Häuser zu verlassen, denn die Chance, das Risiko, dass wirklich etwas kommt, bleibt so klein, dass es sich nicht lohnt." Erst die verheerenden Erdstöße der Nacht hätten die Warnstufe auf "Evakuieren" steigen lassen.

Diese Analysen seien also nur ein Anfang, müssten ergänzt werden durch Strategien für den Umgang mit erhöhten, aber geringen Wahrscheinlichkeiten, erklärt Warner Marzocchi, Leiter des nationalen Zentrums für Erdbebengefährdung in Italien: "Ich glaube nicht, dass wir die Bürger einfach zu etwas zwingen sollten, weil es sich in den meisten Fällen um falschen Alarm handeln wird. Wir müssen eher die Leute über das erhöhte Risiko aufklären und Ihnen zeigen, wie sie in einer solchen Zeit erhöhter seismischer Aktivität ihr eigenes Risiko mindern können." So könnten die Betroffenen, die in einem schlecht gebauten Haus leben, für eine Weile zu Verwandten oder Freunden ziehen, die in besseren Häusern wohnen - bis die seismische Aktivität wieder abgeklungen ist.

Die Menschen sollten verstehen lernen, was passiert, um dann - richtig informiert - selbst Entscheidungen treffen zu können. Auch der Zivilschutz könnte die Informationen über die gestiegene, aber immer noch geringe Wahrscheinlichkeit für Vorbereitungen nutzen. So stürben die meisten Leute nicht beim Beben direkt, sondern in den ersten beiden Tagen danach in den Trümmern. Wäre Räumgerät vor Ort, könnte das viele Leben retten, so Warner Marzocchi.