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Die ersten Bohnen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.10.2015 15:20

Die südliche Levante, also die Gegend des heutigen Israel und Palästina, gehört zu den Regionen mit den frühesten Siedlungsspuren. Dennoch konnte keine der heutigen Ackerpflanzen auf das Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer zurückgeführt werden - bis jetzt. Bei Ausgrabungen in Galiläa haben Archäologen verkohlte Kerne der Dicken Bohne gefunden. Wissenschaftler vom Max-Planck-Weizmann-Zentrum in Rehovot haben die Hülsenfrüchte datiert und analysiert und berichten darüber in den Scientific Reports des Wissenschaftsmagazins "Nature". Offenbar stand in Galiläa die Wiege der Bohnenzucht.

Blick auf Karmiel in den Hügeln Untergaliläas. (Foto: Hebrew Wikipedia Project)Ein niedriger Kalksteinhügel bei Ahihud am nordöstlichen Rand der Ebene von Akkon hat offenbar die ältesten Dicken Bohnen der Menschheitsgeschichte mehr als 10.000 Jahre lang bewahrt. 2013 wurde die Autobahn, die Galiläa und den See Genezareth mit den Metropolen an der Küste verbindet, durch diesen Hügel gelegt. Bei einer Rettungsgrabung fanden Mitarbeiter des Israelischen Antikendienstes in einer gut 10.000 Jahre alten Behausung aus der Jungsteinzeit Tausende verbrannter Bohnen, dazu Linsen und Erbsen. Dicke Bohnen sind sowohl für Menschen als auch Tiere ein wichtiges Nahrungsmittel, in der jungsteinzeitlichen Siedlung müssen sie schon in großem Stil und mit erheblichem Züchtungsaufwand angebaut worden sein. Sie wären damit die einzigen Ackerfrüchte, deren Ursprung im Gebiet des heuten Israel und Palästina liegt.

Wissenschaftler des Max-Planck-Weizmann-Zentrums für integrative Archäologie und Anthropologie in Rehovot um die Leiterin der dortigen Abteilung Elisabetta Boaretto haben die verkohlten Bohnen aus Ahihud zusammen mit etwas jüngeren Funden aus dem Hügelland von Untergaliläa etwa zehn Kilometer weiter südöstlich untersucht, um mehr über den Anbau der Hülsenfrüchte vor 10.000 Jahren zu erfahren. Die drei Orte decken die beiden letzten Phasen der Jungsteinzeit ab, in denen keramische Vorratsbehälter noch nicht bekannt waren. In Ahihud und dem rund 150 Jahre Yiftah'el waren die Bohnen in Silos gefunden worden, was auf großangelegten Ackerbau an diesen Stätten hindeutet. Am dritten Ort Nahal Zippori fand man dagegen nur wenige Bohnen.

Die Ebene von Akkon in Nordisrael mit dem Berg Karmel im Hintergrund. (Foto: Library of Congress)Nachdem die Archäologen des gemeinsamen Zentrums von Max-Planck-Gesellschaft und Weizmann-Institut die verkohlten Hülsenfrüchte am Rehovoter Beschleuniger-Massenspektrometer mit Hilfe des radioaktiven Kohlenstoffisotops C-14 datiert hatten, versuchten sie die Größe der ursprünglichen Bohnen mit Hilfe von Brennversuchen an heutigen Bohnen zu rekonstruieren. Bei starkem Feuer mit hohen Temperaturen zerplatzen die Bohnen, bei relativ geringen Temperaturen von weniger als 200 Grad schrumpfen sie dagegen um rund 17 Prozent ihrer Länge. Übertragen auf die prähistorischen Exemplare zeigte sich, dass die Dicken Bohnen aus der ältesten Fundstelle in Ahihud auch die größten waren. Messungen der stabilen Kohlenstoffisotope C-12 und C-13 können zeigen, wie gut Bohnenpflanzen während ihrer Wachstumszeit gewässert wurden. Entsprechende Untersuchungen der jungsteinzeitlichen Bohnen zeigten, dass die ältesten auch die beste Pflege erhalten hatten, während sich beim Anbau in Yiftah'el und Nahal Zippori offenbar schon nachlassende Niederschläge auszuwirken begannen.

Anders als die Getreide anbauenden Kulturen im Fruchtbaren Halbmond, der von Mesopotamien über das östliche Kleinasien nach Syrien reicht, stützte sich die jungsteinzeitliche Kultur zwischen See Genezareth und der Mittelmeerküste vor allem auf Hülsenfrüchte. Neben den Dicken Bohnen finden die Ausgräber häufig Linsen und verschiedene Arten von Erbsen in den Ruinen. Ihre Kultivierung begann vor 11.000 Jahren offenbar unter günstigen klimatischen Bedingungen, so dass die jungsteinzeitlichen Siedler in der Region des heutigen Ahihuds die besonders durstigen Arten mit großen Bohnenkernen züchten konnten. Als später die Regenfälle nachließen und damit auch das zur Verfügung stehende Wasser verlegten sich die nachfolgenden Generationen beim Hülsenfruchtanbau auf Arten mit kleineren Kernen, die weniger Wasser brauchten aber die geringere Größe des einzelnen Kerns durch größere Zahl wettmachten. Die Forscher um Boaretto halten es für ausgeschlossen, dass die jungsteinzeitliche Bevölkerung der Gegend keine Zuchtwahl bei ihren Ackerfrüchten anwandte.