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Die Freaks unter den Wellen

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 03.12.2007 12:09

Gewaltige Wasserwände, die Containerschiffe auf hoher See entladen und ganze Supertanker schlucken – lange galt das als Seemannsgarn. Heute steht fest: Diese Meeresungeheuer gibt es wirklich, und zwar häufiger als gedacht.

Logbucheintrag des deutschen Kreuzfahrtschiffes Bremen vom 22.01.2001: „Unsere harmonische Seereise wird heute jäh unterbrochen: Um ca. 06.20 Uhr erlitten wir bei sehr schwerer See einen Seeschaden. Ein großer Brecher (Seeschlag) von ca. 35 Metern Höhe zerstörte das Brückenfenster ….“ Der Luxusliner war von einer so genannten Monsterwelle getroffen worden und trieb danach für mehr als eine halbe Stunde manövrierunfähig und mit vierzig Grad Schlagseite in der tobenden See. Noch vor weniger Jahrzehnten hätte niemand den Bericht dieser Begegnung der unheimlichen Art geglaubt. Eine Welle so hoch wie ein zehnstöckiges Gebäude und scheinbar aus dem Nichts entstanden – das klang zu unwahrscheinlich. Heute glauben selbst skeptische Wissenschaftler an die Existenz der auch „Freak Waves“ genannten Wellen und kennen sogar einige der Mechanismen, die kleine Wogen in einen Alptraum für Schiffskapitäne und Bohrinselbesatzungen verwandeln können.

Wellen sind, jedenfalls im Kleinformat, ein relativ gut verstandenes physikalisches Prinzip. In jeder von ihnen liegen zwei Kräfte im Widerstreit: eine, die das Wasser in die Höhe schiebt und eine, die es wieder zurückzieht. Woher diese Kräfte kommen, ist von Wellenart zu Wellenart unterschiedlich. Während Wind und die Schwerkraft der Erde etwa an den Wellen des normalen Seegangs angreifen, ist an den Gezeitenwellen sogar unser Mond beteiligt. Ganz allgemein geschieht im Inneren der Welle dabei immer das Gleiche: Wie bei einem Pendel schwingen die angehobenen Wassermassen beim Zurückfallen über die Ruhelage hinaus und gehen so in die Wellenbewegung über. Für Außenstehende sieht es dabei so aus, als ob mit dem Wellenkamm auch alle in ihm enthaltenen Wasser-Moleküle voranschreiten würden. Dies ist aber nicht der Fall. Die Wasserteilchen bleiben bis auf eine leichte Kreisbewegung unbeeindruckt. Lediglich Energie wird von den Wellen über die sieben Weltmeere transportiert. Davon allerdings mitunter jede Menge – das zeigen die wohl gewaltigsten Wasserberge.

Monsterwellen sind so was wie die unberechenbaren großen Brüder des Sturmseegangs und erheben sich im Gegensatz zum Tsunami auf hoher See zu voller Größe. Sie treten einzeln auf wie die „Weiße Wand“ und der „Kaventsmann“ oder aber in Gruppen, den so genannten „drei Schwestern“. Früher als bloße Einbildung abgetan, beschäftigen sie heute Forscherteams aus aller Welt, die die Entstehung der hochhaushohen Wellenberge entschlüsseln wollen. Verschiedene Geburtshelfer kommen in Frage: etwa das Auflaufen des Seegangs auf eine Meeresströmung wie im Agulhasstrom vor Südafrika oder auch das Aufsatteln unterschiedlich schneller Wellenberge. Dabei wird eine langsam voraus laufende Woge von mehreren kleinen, schnelleren Verfolgern eingeholt, bis die Wellenkämme sich schließlich in einem Punkt zur freakigen Riesenwelle überlagern. Berliner Meeresforscher haben diese zumindest im Kleinformat bereits im Wellenkanal simuliert, und Bochumer Physiker konnten zeigen, dass bereits zwei Meereswogen, die sich vereinigen, vollkommen anderen Regeln folgen als die Einzelwellen – und sich so mitunter zu extrem hohen Wänden aufsteilen können.

In der freien Natur sind Freak Waves jedenfalls eine ernste Gefahr, wie einige prominente Schadensfälle der Vergangenheit zeigen: So versenkten Monsterwellen 1978 vermutlich das 263 Meter lange und als unsinkbar geltende Containerschiff „München“ und 1982 die damals weltgrößte Bohrinsel „Ocean Ranger“ vor Neufundland. Satellitendaten wie die von „Envisat“, der im Rahmen des EU-Forschungsprojekts „Maxwave“ die Ozeane der Nord- und Südhalbkugel auf die Ungetüme abtastet, zeigen außerdem, dass die Freak Waves keineswegs ein seltenes Naturphänomen sind, sondern recht häufig in Erscheinung treten. Als Seemannsgarn gelten sie jedenfalls schon lange nicht mehr.