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Die unbekannten Seen der Antarktis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:46

Tief unter dem antarktischen Eispanzer ruht still und starr eine ganz Seenplatte. Seit 1996 der Wostoksee gefunden wurde, 25 Mal größer als der Bodensee und einer größten Seen der Welt überhaupt, hat die Zahl der entdeckten Seen die 150 überschritten. Unter bis zu vier Kilometer dickem Eis begraben befinden sich Unmassen flüssigen Wassers, und das zum Teil schon seit mindestens 15 Millionen Jahren von der Außenwelt abgeschlossen. In den aktuellen Ausgaben von "Science" und Nature" berichten Wissenschaftler über die jüngst entdeckten Seen und die Rolle, die diese Gewässer für die Eiskappe der Antarktis spielen.

Mindestens 14.000 Quadratkilometer groß und bis zu 1000 Meter tief. Der Steckbrief des Wostoksees liest sich beeindruckend. Auf der Liste der weltgrößten Seen rangiert er auf dem 16. Platz - und doch ist er erst vor rund zehn Jahren entdeckt worden. Über ihm liegt schließlich eine Isolierschicht von fast 4000 Meter Eis. Der Wostoksee befindet sich direkt unter der russischen Antarktisstation Wostok in einem der entlegensten Gebiete der Ostantarktis. Entdeckt wurde der See erst, als Wissenschaftler Satellitenaufnahmen zu Hilfe nahmen und eine eigentümlich glatte Fläche mitten auf dem Antarktiseis sahen. Über der Seeoberfläche wird das Eis ganz glatt, weil keine Widerstände im Untergrund seinen Fluss behindern.

Der Wostoksee, wie er aufgrund der verfügbaren Informationen rekonstruiert wurde. Foto: LDEO

"Die Seen hinterlassen ganz charakteristische Spuren im Eis, nämlich eine Rille dort, wo das Eis auf die Seeoberfläche trifft und eine entsprechende Welle dort, wo es wieder auf Land trifft", erklärt Michael Studinger, Wissenschaftler am Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University in New York. Dieses Phänomen ist leicht zu erklären: Wo das Eis auf den See trifft, verringert sich der Reibungswiderstand schlagartig, es fließt schneller als das vom festen Untergrund gebremste nachfolgende Eis, wird dadurch gedehnt und hängt durch. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees kommt der gegenläufige Prozess zum Tragen. Das Eis wird abrupt gebremst, während der folgende Teil des Gletschers noch schnell über den See fließt und entsprechend gestaucht wird. Unter anderem durch diese Kennzeichen hat man inzwischen mehr als 150 Seen unter dem Eis entdeckt. Ein so großer wie der Wostoksee ist zwar nicht mehr darunter, aber die jüngst unter dem Recovery-Eisstrom entdeckten Seen sind fast so groß wie der Riese unter der Wostokstation.

Diese Seen, über die Studinger und seine Kollegen vom Lamont-Doherty-Observatorium in "Nature" berichten, liegen dafür in einer weitaus reizvolleren Gegend als der Wostoksee. Genau über ihnen beschleunigt nämlich plötzlich der Eisstrom und fließt mit rund 30 Metern im Jahr in Richtung Meer statt wie bisher mit zwei bis drei Metern. Der Recovery-Eisstrom speist das Filchner-Schelfeis ein großes Feld aus dickem Gletschereis, das in den Südozean hinausfließt. "Die Seen scheinen mit dieser Beschleunigung zusammenzuhängen", so Studinger. Rund acht Prozent der antarktischen Eiskappe gehören zum Einzugsbereich des Recovery-Eisstroms. So gewinnen die Seen unter dem Eis große Bedeutung. Möglicherweise befinden sich auch unter anderen Eisströmen Seen.

Seen als Gleitschicht für die Gletscher

Darauf deuten auch Ergebnisse hin, die Forscher der Scripps Institution und der Nasa in der aktuellen "Science" präsentieren. Sie entdeckten in der Westantarktis Seen unter Eisströmen, die mit atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Meer strömten. Auf Bildern des Polarsatelliten Icesat konnten die Forscher beobachten, dass diese Seen miteinander in Kontakt standen und das Wasser von einem See in den anderen floss. "Unter dem Eis dürfte wesentlich mehr Wasser sein, als wir bisher gedacht haben", fasst Studinger den jüngsten Erkenntnisstand der Polarforscher zusammen. Allein die kilometerdicke Isolierdecke aus Eis, der von ihr ausgeübte Druck und die Wärme des darunter liegenden Gesteins reichen aus, um Wasser in großem Umfang flüssig zu halten.

Unter dem Eis scheint ein ganzes Netz von Seen zu existieren, die über Flüsse oder Bäche miteinander verbunden sind und wesentlich die Dynamik der antarktischen Eiskappe beeinflussen. Da rund 90 Prozent des irdischen Süßwasser im Eis der Antarktis gebunden sind und ein Abschmelzen dieser Masse den Pegelstand der Meere um rund 70 Meter ansteigen ließe, verdient die antarktische Seenplatte durchaus erhöhte Aufmerksamkeit. Im Internationalen Polarjahr , das in diesen Tagen beginnt, sollen die Seen ein Schwerpunkt der Forschungen werden. Insbesondere die am wenigsten bekannten Teile der Antarktis sollen näher unter die Lupe genommen werden. "Wir haben noch viele blinde Flecken auf unserer Landkarte", so Studinger. Einige davon will man sich vornehmen, wenn am Südpol die Sommersaison beginnt.