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"Die Welt ist auf dem richtigen Weg"

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.03.2010 11:47

Im Jahr 2000 setzten sich die Vereinten Nationen das ehrgeizige Ziel, den Entwicklungsstand der Welt auf acht breiten Feldern innerhalb von 15 Jahren drastisch zu verbessern. Zu diesen sogenannten Jahrtausend-Entwicklungszielen gehörte auch, den Anteil der Menschen ohne ausreichende Trinkwasserversorgung zu halbieren. Zehn Jahre nach Verkündung ist die Welt zumindest hierbei auf dem richtigen Weg. Das zeigt der aktuelle Statusbericht. Er wurde pünktlich zum Weltwassertag, der am 22. März veranstaltet wird, veröffentlicht. Allerdings forderten Experten, man müsse gleichzeitig stärker auf die Wasserqualität achten. Diesem Thema ist auch der Schwerpunkt des Weltwassertages gewidmet.

Austrocknende Wasserpfützen"Die jüngsten Daten zur weltweiten Wasserversorgung sind sehr gute Nachrichten", kommentierte Professor Joachim von Braun, Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn (ZEF) auf einer Podiumsdiskussion in Bonn den gemeinsamen Bericht von Weltgesundheitsorganisation WHO und Unicef. Ein gemeinsames Programm der beiden UN-Organisationen soll kontrollieren, wie weit die Menschheit beim verbesserten Zugang zu Trinkwasser gekommen ist. Eines der so genannten Millenniums-Ziele der UN lautet, bis 2015 den Anteil der Menschen ohne ausreichende Trinkwasserversorgung gegenüber dem Stand von 1990 zu halbieren. Alle zwei Jahre berichten WHO und Unicef über den Fortschritt auf dem Weg dorthin. Der jüngste Bericht zum Stand des Jahres 2008 ist soeben erschienen. "Und wenn man sich die Daten ansieht, sind wir im Plan", so von Braun. 1990 war die Wasserversorgung noch bei rund 1,2 Milliarden Menschen, damals 23 Prozent der Weltbevölkerung, prekär. Im Jahr 2008 traf das nur noch auf 884 Millionen Menschen zu, 13 Prozent einer über diesem Zeitraum um fast 30 Prozent gewachsenen Weltbevölkerung. Geht die Entwicklung so weiter, wird das UN-Ziel 2015 sogar übertroffen werden.

Anlieferung von TrinkwasserEine vernünftige Wasserversorgung ist zentrale Voraussetzung für die von der UN angestrebte Entwicklung. "Ohne Wasser gibt es keine öffentliche Gesundheit, ohne öffentliche Gesundheit gibt es keinen allgemeinen Wohlstand", erklärte Professor Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit an der Uni Bonn, der die WHO in diesen Fragen berät. Diese Erfahrungen hätte Europa im 19. Jahrhundert gemacht, wo die Einführung der zentralen städtischen Wasserversorgung zusammen mit der Trinkwasseraufbereitung die regelmäßigen Ausbrüche von Cholera- oder Typhus beendet hätte, lange bevor Antibiotika verfügbar waren.

Als umso erfreulicher bewerteten die Experten die vorliegenden Zahlen, die allerdings Defizite im Detail verdecken. So geht die Hälfte des Fortschritts auf das Konto der beiden Bevölkerungsschwergewichte Indien und China. In Afrika südlich der Sahara gab es dagegen nur unterdurchschnittliche Fortschritte. Hier stieg der Bevölkerungsanteil mit ausreichendem Zugang zu Trinkwasser nur von 49 auf 60 Prozent. 37 Prozent der unversorgten Menschen leben jetzt südlich der Sahara, obwohl die Region nur einen Anteil von 15 Prozent an der Bevölkerung der Entwicklungsländer hat. Schwarzafrika wird daher, so befürchten Experten, das UN-Ziel 2015 verpassen. Die Region ist Schwerpunkt der deutschen Entwicklungshilfe. Die Hälfte der 350 Millionen Euro, mit denen das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Projekte zur Verbesserung der Trinkwasserversorgung pro Jahr fördert, fließt in die Staaten südlich der Sahara. "Wir sind auf dem Gebiet die Nummer 3 in der Welt und in Afrika sogar die Nummer 1", betonte Franz Marré vom BMZ.

KiberaEine drastische Schere öffnet sich auch zwischen Stadt und Land. Obwohl die Städte inzwischen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung beherbergen, leben vier Fünftel der unversorgten Menschen auf dem Land. "Städte wie Kairo oder Mexico City haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, die Rohrnetze der Wasserversorgung auszubauen", berichtete Joachim von Braun. Auf dem Land geht es naturgemäß schleppender voran, weil die Bevölkerungsdichte wesentlich geringer ist.

Die in Bonn versammelten Experten forderten allerdings auch, dass man bei der Trinkwasserversorgung neben der Quantität stärker auch die Qualität berücksichtigen solle. In den Städten seien zwar große Summen in die Wasserversorgung investiert worden, doch die komplementär notwendige Behandlung des Abwassers habe man darüber vernachlässigt. "Das Problem wird noch von zu wenigen Ländern erkannt und konsequent angegangen", kritisierte von Braun. So ist in den UN-Jahrtausendzielen auch nur vom Zugang zu "verbesserten Wasserquellen" die Rede. Eine Vielzahl von Kriterien definiert diesen Begriff, doch ihr Schwerpunkt liegt darauf, ob ein Wasserleitungsnetz bereit steht, das den größten Teil des Weges von den Quellen zu den Abnehmern bestreitet. "Qualitätstests an den Quellen zählen aber auch zu den Kriterien", so Professor Janos Bogardi, Geschäftsführer des Global Water System Projekt am Bonner ZEF. Die Wasserqualität an den Abgabestellen taucht dagegen nicht im Anforderungskatalog auf. "Verbesserte Wasserquellen bedeuten nicht automatisch auch gesundes Wasser", betonte daher Martin Exner.

Bedeutendste Ursache für Probleme mit der Trinkwasserqualität ist die Landwirtschaft. Sie beansprucht rund 70 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs. Überdies ist das Wasser, das aus ihren Bewässerungssystemen wieder zurück in den Kreislauf gelangt, auch häufig stark belastet. In dem vom BMBF finanzierten Projekt Wisdom untersuchten deutsche und vietnamesische Partner die Situation im Mekong-Delta. Das Gebiet, in dem sich der Mekong über neun Arme ins Südchinesische Meer ergießt, umfasst nur rund zwölf Prozent des vietnamesischen Staatsgebietes, allerdings lebt hier je nach Schätzung zwischen einem Fünftel und einem Viertel der Bevölkerung. Das Mekong-Delta gehört zu den fruchtbarsten Ackergründen der Welt, es hat Vietnam nach Thailand zum zweitgrößten Reisexporteur gemacht. Erreicht wurde die Produktionssteigerung durch moderne Anbaumethoden, ausgeklügelte Bewässerungssysteme "und", so ergänzt Neysa Setiadi, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umwelt und Sicherheit der UN-Universität in Bonn, "durch massiven Einsatz von Pestiziden".

Reisfelder auf den PhilippinenUnd diese Pestizide werden zunehmend zu einer Belastung für die Menschen, deren Haupttrinkwasserquelle immer noch die Oberflächengewässer sind, aber auch für die immer wichtigere Aquakultur-Branche, die sich seit einigen Jahren im Mekong entwickelt. Die Wissenschaftler nahmen in zwei Modellgebieten des Deltas zwischen August 2008 und April 2009 zahlreiche Proben und untersuchten sie auf ihren Pestizidgehalt. Dabei zeigte sich, dass für drei glücklicherweise selten eingesetzte Pestizide die international empfohlenen Grenzwerte überschritten waren. In acht Prozent der Proben wurde mindestens ein Pestizidgrenzwert überschritten, in dem intensiver genutzten Gebiet wiesen 69 Prozent der Proben mindestens vier verschiedene Pestizide auf, in dem weniger intensiv genutzten Gebiet war das immerhin noch bei 37 Prozent der Fall. Das ist insofern problematisch, als die vietnamesischen Aufsichtsbehörden nach Setiadis Angaben zwar die Keimbelastung des Wassers überwachen, die Pestizide jedoch nicht, weil ihnen die entsprechende Laborausrüstung fehlt. Die erste Projektphase, in der der aktuelle Stand im Delta erhoben wurde, läuft zum Ende diesen Jahres aus. Falls eine zweite Phase gefördert werden sollte, wollen die Projektpartner ein integriertes Wassermanagement entwickeln, das die Bedürfnisse aller Interessengruppen im Mekong-Delta berücksichtigt.