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Die Zukunft hat begonnen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 09:24

Der Klimawandel erwischt nicht nur Landratten. Unter der Meeresoberfläche macht sich das Kohlendioxid, das wir Menschen so großzügig in die Luft blasen, ebenfalls drastisch bemerkbar. Ozeanversauerung nennen die Meeresforscher das Phänomen, denn das Gas verwandelt sich im Wasser in die schwache Kohlensäure. Die aber ist immerhin stark genug, kalkbildende Organismen beim Aufbau ihrer Schalen oder Stützskelette zu schädigen. Bisher waren das Prognosen für die Zukunft. Doch tasmanische Forscher berichten auf dem Klimawandelkongress, der zurzeit in Kopenhagen stattfindet, und parallel in „Nature Geoscience“ darüber, dass diese Zukunft bereits begonnen hat.

Übersäuerung der Ozeane - Bericht der britischen Royal Society Die Ozeanographen erwarten, dass der wachsende CO2-Gehalt der Atmosphäre die Weltmeere gravierend verändern wird. Unter dem Schlagwort Ozeanversauerung warnen sie vor einer düsteren Zukunft für alle Meeresorganismen, die Kalk brauchen. Ihre Schalen oder Stützskelette - so ergaben es Versuche - dürften sich im saurer werdenden Milieu schrittweise auflösen. Australische Meeresforscher berichten, dass das im Südozean bereits geschieht. Foraminiferen - einzellige tierische Organismen mit einer Kalkschale - aus dem Südozean vor Tasmanien haben inzwischen eine um rund ein Drittel leichtere Schale als ihre Vorläufer aus vorindustriellen Zeiten. 

„Im Südozean wird viel Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufgenommen“, berichtet Will Howard vom Forschungszentrum für Klima und Ökosysteme der Antarktis an der Universität Tasmanien, „er ist also ein Platz, an dem die chemischen Veränderungen weiter fortgeschritten sind als in vielen anderen Teilen der Weltmeere.“ Starke Strömungen, die alle Stockwerke des Ozeans erfassen und die heftigen Winde durchmischen das Wasser des Ozeanrings um die Antarktis besonders effektiv und arbeiten viel atmosphärisches Gas in das Meerwasser ein. Obwohl der Südozean von der Größe her nur an vierter und vorletzter Stelle der fünf Ozeane steht, hat er bislang rund 40 Prozent des menschengemachten Kohlendioxids aufgenommen, das die Weltmeere aus der Atmosphäre gewaschen haben.

Entsprechend hat sich auch der pH-Wert des Meerwassers zwischen der Antarktis und dem 60. südlichen Breitengrad stärker verändert als der der restlichen Weltmeere. „Er ist um 0,15 Einheiten gesunken“, berichtet Howard, „im Rest der Weltmeere beträgt die Veränderung erst 0,1 Einheiten.“ Je niedriger der pH-Wert, desto höher ist der Säuregrad eines Milieus. Bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten die Ozeanographen eine Verringerung des pH-Wertes im Meerwasser um durchschnittlich 0,5 Einheiten.

Globigerina bulloides vorindustriellDie Forscher um Howard fischten ForGlobigerina bulloides modernaminiferen der Gattung Globigerina bulloides in Tiefen von  1000, 2000 und 3800 Metern Tiefe direkt aus dem Wasser des Südozeans rund 500 Kilometer südwestlich der Südspitze Tasmaniens. Als Vergleich dienten ihnen die Überreste der gleichen Art, die sie in Sedimentkernen rings um den südtasmanischen Rücken, eine untermeerische Erhebungstri rund 500 Kilometer südlich der Insel. Diese Foraminiferen aus dem Meeresboden waren vor Beginn der induellen Revolution bereits abgestorben und zu Boden gesunken. Sie dienten als Vergleichsmaßstab für die Kalkschalen des Industriezeitalters. „Die Organismen im modernen Ozean haben zwischen 30 und 35 Prozent leichtere Schalen als die in den Meeren der vorindustriellen Zeit“, resümiert Howard.

In beiden Fraktionen variierten die Schalen in ihrer Größe, doch waren es gerade die größten unter den modernen Foraminiferen, die bedeutend kleiner waren als die größten Schalen in den Sedimentbohrkernen. Dass am Meeresboden vor allem die größeren abgelagert wurden und die feineren einfach davongeschwemmt wurden, glauben die tasmanischen Forscher ebenfalls ausschließen zu können, denn in den Sedimentkernen fand sich genug feinster Sand, der nicht weggeschwemmt worden war.

Es ist das erste Mal, dass solche Veränderungen auch bei frei lebenden Organismen gefunden wurden. In verschiedenen Versuchen waren zum Teil auch weitaus stärkere Veränderungen erzielt worden, doch dann immer unter künstlichen Bedingungen, wie man sie für das Ende dieses oder die Mitte des kommenden Jahrhunderts vorhersagt. Howard und seine Kollegen haben auch nur eine Foraminiferen-Art betrachtet. Es ist nicht sicher, ob sich diese Ergebnisse auf solche Arten übertragen lässt, die zum Beispiel zusammen mit Algen vorkommen, oder auf solche, die eine andere Art von Kalkkristall verwenden. „Wir kennen die Bedeutung für das Nahrungsnetz im Ozean noch nicht“, räumt Will Howard ein.

Foraminiferen spielen als Teil des Planktons eine große Rolle als Nahrungsgrundlage, auf der das gesamte Leben im Meer aufbaut. „Wie das durch ihre verringerte Fähigkeit Kalkschalen zu bilden, beeinflusst wird, ist nicht klar“, so Howard, „normalerweise wird die Lücke, die eine Art hinterlässt, schnell gefüllt, aber welche Konsequenzen das nach sich zieht, ist kaum vorherzusehen.“ Offenbar werden sich diese Wissenslücken aber schneller schließen, als uns lieb sein kann. Der Wandel der Weltmeere, er hat im Südozean bereits begonnen.

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