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Drastischer Trend

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:55

Schon 2037 könnte es mit dem Sommereis am Nordpol vorbei sein. Dann könnte die Fläche des Meereises unter die magische Grenze von einer Million Quadratkilometer fallen. Wenn das geschieht, reden die Polarforscher davon, der arktische Ozean sei „nahezu eisfrei“. Nur nördlich von Grönland und im angrenzenden kanadischen Gebiet sind dann noch Reste einer zusammenhängenden Eisfläche vorhanden.

Die Sonnenreflektion (Albedo) ist über dem arktischen Eis viel höher als über dem MeerUS-Forscher haben die jüngsten Daten über Ausdehnung und Dicke des arktischen Meereises genommen und in Klimamodelle eingespeist, die zum einen vom Internationalen Klimafolgenrat IPCC anerkannt sind und zum anderen das Geschehen am Nordpol einigermaßen verlässlich abbilden können. Von den knapp zwei Dutzend Rechenwerken sind nur sechs „arktisfest“, doch deren Aussagen stimmen beunruhigend gut überein: Das Sommereis wird wesentlich früher verschwinden als noch im Sachstandsbericht des IPCC von 2007 verzeichnet, manche geben dem Eis sogar nur noch wenig mehr als ein Jahrzehnt.

Schon seit Jahren beobachten die Wissenschaftler einen Trend, dass das Meereis auf dem arktischen Ozean gelegentlichen Ausreißern zum Trotz langfristig schrumpft. Folgerichtig haben die vergangenen beiden Sommer neue Rekordverluste an sommerlichem Eis gebracht. 2007 war seine Fläche auf 4,1 Millionen Quadratkilometer geschrumpft, 2008 brachte mit 4,6 Millionen den zweitschlechtesten Wert.

Inzwischen ist der Anteil des mehrjährigen Eises, das also dick genug ist, um auch sommerliche Schmelzperioden zu überstehen, auf rund 30 Prozent gesunken. Das schreiben Forscher der US-Raumfahrtbehörde Nasa und des Nationalen Schnee- und Eis-Datenzentrums der USA. Und von diesen 30 Prozent ist nur ein Drittel älter als zwei Jahre, hat also zwei Sommer überstanden. Je dünner und jünger das Eis aber ist, umso weniger Widerstand kann es der Sonnenenergie entgegensetzen, der es jeden Sommer pausenlos ausgesetzt ist.

Den Grund sehen die Wissenschaftler übereinstimmend darin, dass sich die Temperaturen im Nordpolarkreis im weltweiten Vergleich am stärksten erhöhen. Verantwortlich sind eine Kombination aus sich verschärfendem globalem Treibhauseffekt, saisonalen Schwankungen und sich veränderndem Verhältnis von dunklem Wasser zu hellem Eis. Da offenes Wasser mehr von der im Sommer pausenlos einfallenden Sonnenergie speichert als Eis, trägt jeder Quadratmeter, um den das Sommereis schrumpft, überproportional zur Erwärmung bei.

Nach Angaben der Nasa leidet die Arktis besonders stark unter den menschlichen Emissionen - nur in diesem Fall ist nicht Kohlendioxid der Schuldige, sondern Partikelchen wie Ruß, die durch unvollständige Verbrennung in die Atmosphäre gelangen. Der Nordpol ist, anders als die Antarktis, von einem dichtbevölkerten und hochindustrialisierten Ring aus Kontinenten umgeben. Was dort an Teilchen aus Auspuffen, Schornsteinen oder Schloten quillt, findet zu einem erstaunlich großen Teil seinen Weg nach Norden. Modellrechnungen, die Forscher vom Nasa-Goddard-Zentrum für Weltraumforschung in Greenbelt, Maryland, in „Nature Geoscience“ vorstellten, zeigen, dass rund 45 Prozent des Temperaturanstiegs in den vergangenen 30 Jahren auf die Schwebteilchen zurückzuführen ist.

Paradoxerweise führen die Umweltschutzerfolge in den westlichen Industriestaaten sogar zu einer Verschlechterung der Lage, denn deren Aerosole aus Kohle und Öl hatten vor allem kühlende Wirkung. Die Schwebteilchen blockierten einen Teil der einfallenden Sonnenstrahlung schon in der Atmosphäre, so dass dessen Energie spurlos verpuffte. Diese Teilchen bleiben jetzt zunehmend in Rauchgasfiltern hängen, während die weitgehend ungehemmt emittierenden Volkswirtschaften Asiens immer mehr schwarze Rußpartikel vor allem aus Biomasse in die Luft blasen. Die aber haben vor allem einen Heizeffekt, nicht zuletzt dadurch, dass sie ehedem weißen Schnee grau einfärben.

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