Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Dringend benötigte Informationen

Dringend benötigte Informationen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.02.2011 15:20

Britische Polarforscher haben aus einem Sedimentbohrkern die Meerestemperaturen rekonstruiert, wie sie in den vergangenen 12.000 Jahren vor der Westküste der antarktischen Halbinsel herrschten. Die in "Nature" veröffentlichte Arbeit schließt eine erste der vielen Lücken in den Klimadaten, die die Prognosefähigkeit der großen Modelle beeinträchtigen.

Fieberkarte der AntarktisEs ist Ironie der Erdgeschichte, dass der entlegenste Kontinent der Erde am meisten unter der menschgemachten Klimaveränderung leidet, doch die Antarktische Halbinsel gehört zu den Gegenden der Erde, die sich am schnellsten erwärmen. Fünfmal stärker als im Durchschnitt ist hier die Quecksilbersäule während der vergangenen 100 Jahre gestiegen. Gleichzeitig ist die Antarktis entlegen genug, um in den Klimamodellen ein großes Loch zu hinterlassen, denn die Informationslage über die Entwicklung am Südpol ist bestenfalls in den jüngsten 30 Jahren gut, davor gähnen gewaltige Lücken.

Eine dieser Lücken schließen jetzt britische Klimaforscher, denn sie haben aus einem Bohrkern aus der Gerlache Straße vor der Westküste der Halbinsel die Meeresoberflächentemperaturen der vergangenen 12.000 Jahre rekonstruiert. "Weiter zurück kommen wir leider nicht", bedauert Amelia Shevenell, Lecturer für Paläoozeanographie am University College in London, "während der jüngsten Eiszeit war das Gebiet von Eis bedeckt, so dass sich keine Sedimente ablagern konnten." Doch die derzeit noch laufende Warmzeit wird komplett abgedeckt, für die Antarktis und den Südozean ein Novum.

Antarktische HalbinselDie Forscher benutzten die Membranreste, die im lokalen Ozean reichlich vorkommende Archäen in den Sedimenten hinterließen, als Temperaturanzeiger für die Vergangenheit. "Diese Archäen verändern die Lipid-Zusammensetzung ihrer Membranen entsprechend den Temperaturen", erläutern die Londoner Wissenschaftler in ihrem Aufsatz. Da es vor dem Beginn der instrumentellen Messungen im 19. Jahrhundert keine direkten Temperaturwerte gibt, sind die Paläoklimatologen in der Regel auf solche Proxies genannten Anzeiger angewiesen. Vorausgesetzt dieser spezielle Proxy arbeitet tatsächlich ausreichend zuverlässig, zeigt er eine interessante Temperaturkurve für den Südozean westlich der antarktischen Halbinsel an.

"Zu Beginn des Holozäns waren die Temperaturen ziemlich hoch", beschreibt Shevenell, "in den 8000 Jahren bis zur Zeitenwende verzeichnen wir dann einen allgemeinen Trend zur Abkühlung um drei bis vier Grad." Vor 2000 Jahren kam es wieder zu einer abrupten Erwärmung, "die" so Shevenell, "rund 1000 bis 1500 Jahre anhielt". Die jüngsten 500 Jahre standen wieder im Zeichen einer Abkühlung, bis der Trend in der jüngsten Vergangenheit wieder in Richtung Erwärmung zeigte. Die Achterbahn zu erklären ist nicht ganz einfach.

Schelfeis AntarktisDer jüngste Schwenk in Richtung Erwärmung dürfte mit dem menschgemachten Klimawandel zusammenhängen, die Abkühlung in den ersten 8000 Jahren des Holozäns dagegen mit Veränderungen in der Umlaufbahn der Erde um die Sonne. Doch dann gab es diesen verrückten Temperatursprung vor 2000 Jahren. Der Auslöser, sagt Amelia Shevenell, sei unklar, ein Zusammenhang werde aber deutlich: Das pazifische Geschwisterpaar El Niño und La Niña bestimmt nicht nur das Klima des äquatorialen Pazifiks bis hin zur Ostküste Südamerikas, sondern es beeinflusst auch das Geschehen in Polnähe. "Wenn La Niña im Pazifik stark ist wie gerade jetzt", so Shevenell, "steigen die Temperaturen im Meer um die Antarktis und das Meereis zieht sich zurück." La Niña verstärkt die Passatwinde im Pazifik und dadurch scheint das gesamte Windsystem in Richtung Pole zu wandern.
 
Allerdings können die Forscher diesen Zusammenhang erst seit der erstaunlichen Erwärmung vor 2000 Jahren erkennen. Die wachsende Intensität des Klimaphänomens in den vergangenen Jahren lässt erwarten, dass auch seine Wirkung auf den Südozean und die Antarktis wachsen wird. Shevenell: "Das wird nicht nur das Wetter in Kalifornien bestimmen, es wird sich auch auf so entlegene Orte wie die Antarktis auswirken und dort die Stabilität der Eisschilde beeinflussen."

Dieses erste Temperaturarchiv aus den antarktischen Gewässern wird den Modellierern eine wertvolle Hilfe sein, weil es zumindest eine Datenlücke am Südpol schließt. "Es ist ein hervorragender Anfang", schreibt der Klimatologe James Bendle von der Universität Glasgow in "Nature", "um diese Lücke endlich zu schließen." Andere Bohrkerne müssen aber hinzukommen, und den von der Westküste der Halbinsel ergänzen.  "Es gibt noch genügend Lücken, die mit zukünftigen Studien gefüllt werden müssen", so Amelia Shevenell, "nur so können die Klimamodelle das derzeitige Geschehen am Südpol abbilden und uns einer Vorhersage für kommende Zeiten erlauben." Das ist nicht uninteressant, wenn man bedenkt, dass die Eisschilde der Antarktis 93 Prozent des irdischen Süßwassers speichern - genug, um den Meeresspiegel um viele Dutzend Meter ansteigen zu lassen.

Verweise
Bild(er)