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Ein Auge auf die Vulkane

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:43

Rund 500 aktive Vulkane gibt es auf der Erde. Eine wachsende Zahl von ihnen bedroht menschliche Siedlungsräume, denn die Städte rücken immer mehr an die gefährlichen Berge heran. Manche Ballungsräume, wie Neapel den Vesuv, haben sie sogar komplett eingeschlossen. Umso wichtiger wird die strikte Überwachung der Feuerspeier, damit Bevölkerung und Behörden vor Ort im Fall eines Ausbruchs etwas Zeit zur Evakuierung bleibt. Auf der zweiten Alexander-von-Humboldt-Konferenz, die die Europäische Geowissenschaftliche Union zurzeit in Lima veranstaltet, war die Vulkanvorhersage wichtiges Thema.

Glaube, Hoffnung und Liebe drohen düster über Oregon. Der US-Bundesstaat an der Westküste wird natürlich nicht von den drei christlichen Grundtugenden bedroht, wohl aber von dem Vulkan der drei Schwestern. Die drei Gipfel erheben sich knapp 200 Kilometer südöstlich der Landeshauptstadt Portland über die Cascade Hauptkette. Vermutlich gaben ihnen methodistische Missionare die tröstlichen Namen, als sie sie 1840 zum ersten Mal sahen. Dabei verkannten sie allerdings die wahre Natur der drei Berge drastisch. Glaube, Hoffnung und Liebe gehören zu einem gigantischen Vulkansystem mit insgesamt fünf separaten Kegeln und mehreren Kratern, das neben den drei tugendhaften Schwestern noch Mount Bachelor und Broken Top im Süden zählt. Und dieser Vulkan scheint wieder zu erwachen.

Die erste Warnung, dass da etwas vor sich geht, kam von einem Satelliten. "Von 1998 bis 2000 hat sich der Boden dort um 30 Zentimeter gehoben, was wir vom Boden aus nicht gesehen haben", erklärt Robert Tilling vom Geologischen Dienst der USA, USGS, im kalifornischen Menlo Park. Der USGS hatte bis dahin zwar ein Auge auf die drei Schwestern. Aber da die jüngste von ihnen schon mehr als 25.000 Jahre alt ist und zuletzt vor 2000 Jahren kleinere Eruptionen an der Seite gezeigt hatte, galt das Vulkansystem als weniger gefährlich als etwa der nur wenige 100 Kilometer nördlich sitzende Mount St. Helens. Nach den Satellitenaufnahmen startete der USGS allerdings genauere Untersuchungen vor Ort. "Und die", so Tilling, "haben bestätigt, was der Satellit gesehen hat." Seitdem stehen die drei Schwestern unter verschärfter Beobachtung. Denn Vulkane explodieren eigentlich nie ohne Vorwarnung. Man muss die Zeichen nur lesen können.

Die drei Schwestern gehören zu einem riesigen Vulkansystem in den Cascades an der US-amerikanischen Westküste.

"Wir wissen aus weltweiter Erfahrung , dass nahezu allen Eruptionen messbare Veränderungen in den physikalischen oder chemischen Eigenschaften eines Vulkans vorausgehen", erklärt Tilling. Wenn frisches Magma zur Oberfläche empordringt, macht sich das an der Oberfläche bemerkbar. Zu den Anzeichen gehören Erdbeben, richtige Bebenschwärme können auftreten auf. An den Bergflanken können sich Beulen bilden, der Vulkankegel kann sich heben, und es treten mehr vulkanische Gase wie Schwefeldioxid oder Kohlendioxid aus oder ihre Zusammensetzung ändert sich. "Wir haben sehr gute Meßmethoden dafür, sowohl vom Erdboden aus, als auch zunehmend durch Satelliten", so Tilling. Doch die Schwierigkeit bleibt bestehen, aus Veränderungen bei einem, mehreren oder sogar allen Parametern eine bevorstehende Eruption vorherzusagen. Schließlich gibt es durchaus auch Ausbrüche, die sich nicht vorher ankündigen, oder deren Anzeichen man schlicht übersieht.

Daher muss die Eruptionsfrühwarnung alle Register ziehen. Sie muss alle Indikatoren heranziehen, denn die eine Wunderwaffe, die allein eine Vorhersage ermöglicht, ist leider nicht darunter. "Der optimale Ansatz ist eine Kombination aus geophysikalischen und geochemischen Indikatoren. Wenn dann alle Indikatoren in die gleiche Richtung weisen, haben wir Wissenschaftler wesentlich mehr Vertrauen in unsere Vorhersagen", so Vulkanologie-Veteran Tilling. Aber da niemand aber in die Erde hineinblicken und dort das Magma zur Eruption aufsteigen sehen kann, kommt alles auf Vergleiche an. Und damit auf kontinuierliche und langjährige Beobachtung. Man muss wissen, wie sich der Vulkan normalerweise verhält, damit man das Außergewöhnliche bemerkt. Tilling: "Das gilt besonders für Vulkane, die seit langem geschlafen haben. Bei diesen wollen wir wissen, wie sie sich normalerweise verhalten, in welcher Variationsbreite Erdbeben, Hebung und vulkanische Gase sich bewegen können. Damit wir Alarm geben können, wenn diese Normalwerte überschritten werden."

Gefahr von Fehlalarmen

Und selbst dann können die Vulkanologen nicht sicher sein. So gaben sie am Pinatubo auf den Philippinen seit der großen Eruption 1991 noch einmal Alarm, es gab Evakuierungen - doch diesmal geschah nichts. Die Wissenschaftler können eben nicht in die Zukunft blicken, sondern nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren. Tilling: "Wissenschaftler können nicht garantieren, dass ein Vulkan ausbricht und schon gar nicht das genaue Datum vorhersagen. Dafür ist die Natur viel zu komplex und dafür gibt es zu viele Variablen in dem Spiel." Umso wichtiger ist es aber, die Zahl der Fehlalarme so gering wie möglich zu halten, um weder bei Behörden noch bei der Bevölkerung an Kredit zu verlieren. Die einzige Möglichkeit dazu ist, die Vulkane bestmöglich zu überwachen.

Und genau da hapert es bei den geschätzten 500 aktiven Vulkanen auf dieser Welt. "Es gibt wahrscheinlich nur ein halbes Dutzend bis Dutzend Vulkane auf der Welt, von denen man sagen kann, dass sie gut überwacht sind", meint Robert Tilling, "die anderen 480 werden längst nicht gut genug überwacht, um solche Vorhersagen machen zu können." Die meisten gut überwachten Feuerberge liegen in den entwickelten Ländern, etwa die drei Vulkane Italiens oder der Mount St Helens in den USA. Allerdings gehören auch Pinatubo und Merapi in den Schwellenländern Philippinen und Indonesien zu den gut überwachten Vulkanen der Erde.