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Ein kleiner Schubs genügte

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.10.2010 16:00

Afrika genießt eine Sonderstellung unter den Kontinenten der Erde. Hier existieren noch zahlreiche Großtierarten mehr oder weniger friedlich nebeneinander und neben der menschlichen Zivilisation her. Auf allen anderen Erdteilen ist diese sogenannte Megafauna spätestens zu Beginn unseres derzeitigen Zeitalters ausgestorben. Wie es damals aussah, kann man in den La Brea Asphaltgruben mitten in Los Angeles sehen, einem einzigartigen Fenster in das nordamerikanische Pleistozän, die Eiszeit, die unserer Warmzeit vorausging.

Hancock ParkDer Wilshire Boulevard in Los Angeles ist eine der Haupt-Magistralen in Ost-West-Richtung, die sich vom Stadtzentrum nahezu wie mit dem Lineal gezogen nach Westen in Richtung Santa Monica am Pazifik zieht. Die Straße ist mindestens vierspurig, oft auch sechsspurig ausgebaut, und trotzdem fließt der Verkehr selbst für die Verhältnisse dieser Riesenstadt katastrophal stockend. Besonders schlimm ist es in der Miracle Mile, einem Teilstück im Süden von West Hollywood, an dem sich Wolkenkratzer, Einkaufszentren und das Museumsquartier des Landkreises Los Angeles konzentrieren. Hier fließt der Verkehr allerhöchstens mitten in der Nacht glatt, zu anderen Zeiten herrscht Rush Hour.

Hier kann man konzentriert alles bewundern, was die kalifornische Megastadt so faszinierend oder, je nach Standpunkt, auch so verabscheuenswert macht. Kunst und Kommerz dicht nebeneinander, zum Teil miteinander verflochten, die Stadtplanung scheint nur der Maxime der autodominierten Stadt zu folgen. Ansonsten herrscht beliebiges Chaos: Am Wilshire eine wahllose Mischung von Beton- und Glasburgen, abseits des Boulevards fällt das Höhenprofil schnell ab und endlose Wohnquartiere schließen sich an soweit das Auge reicht.  Mitten drin thront der Sandstein-Glas-Klotz des Kunstmuseums und direkt daneben liegt Hancock Park, ein kleines Stück Grün mit Palmen, Rasenflächen und einem 70er-Jahre-Betonbau der das Page Museum für Naturgeschichte beherbergt.

Mastodon im SumpfDirekt am Wilshire liegt ein Teich, dem es der Park vermutlich zu verdanken hat, dass er noch nicht in wertvolles Bauland umgewandelt wurde: Der Teich ist Teil der weltberühmten La Brea Asphaltgruben, eines der besten Fenster ins Amerika des Pleistozän, als das Becken von Los Angeles noch ein offenes Grasland war, mit einer Tierwelt, die ihresgleichen sucht. "Der beste Vergleich zu der Welt damals sind noch die afrikanischen Nationalparks wie die Serengeti oder der Krüger-Park mit ihren Elefanten, Giraffen, Nashörnern, Nilpferden, Zebras, Gnus, Löwen, Geparden", erklärt Ross MacPhee, Kurator am Amerikanischen Naturkundemuseum in New York, "damals gab es in Nordamerika Höhenlöwen, Höhlenhyänen, Riesenhirsche, Wollnashörner, gigantische Nager und, und, und. Diese Gemeinschaften bestanden über Jahrmillionen, gleichgültig, wie das Klima war." Der heftige Wechsel zwischen Eis- und Warmzeiten trieb die Tiere immer wieder nach Süden, wenn die Gletscher vorstießen, aber anders als in Europa blieben weite Teile Nordamerikas eisfrei. Auch das heutige Los Angeles gehörte in der Regel dazu.

Riesenfaultier gegen Säbelzahntiger"Während des jüngsten Kältemaximums vor 18.000 Jahren war es definitiv kühler als heute", erklärt Blaire van Valkenburgh, Biologin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, "es war feuchter, ein offenes mit Bäumen bestandenes Grasland, aber vermutlich gab es auch damals keine permanenten Flüsse. Die Bäume waren Nadelbäume, so wie die Redwoods drei Stunden nördlich von hier. Alles in allem nicht viel anders als heute, kühler und feuchter aber weiterhin ein schöner Platz zu leben, genau wie heutzutage." Wenn Valkenburgh aus ihrem mit Büchern, Aufsätzen und Fossilien vollgestopften Büro in einem hässlichen 70er-Jahre-Bau tritt, kommt sie auf einen besonders schönen Teil von Südkalifornien. Die UCLA besitzt einen großen mit vielen Bäumen bestandenen Campus auf den Hügeln oberhalb der Smogglocke von Los Angeles. Vom Wilshire Boulevard fährt man durch Beverly Hills, mit jedem Kilometer werden die Anwesen größer und teurer, bis es dann rechts in das richtig reiche Bel Air abgeht und geradeaus auf den Uni-Campus.

RiesenfaultierVor ein paar Zehntausend Jahren war hier alles hügelig und waldbestanden, vom Menschen gab es keine Spur. Blaire van Valkenburgh ist weltweit führende Expertin für die  Pleistozän-Fauna Nordamerikas, vor allem die Raubtiere haben es ihr angetan, und die sind in den Asphaltgruben von La Brea besonders stark vertreten. "Für jeden großen Pflanzenfresser finden wir hier fünf Eiszeitwölfe und vier Säbelzahntiger,  und hin und wieder tauchen auch ein paar Amerikanische Löwen und ein Kurznasenbär auf", erklärt die Biologin. Die Fossilien von Tausenden von Wölfen oder Säbelzahntigern und Hunderten von Löwen und Bären, dazu Riesenfaultiere, Elefanten wie Mastodonten und Mammuts, Pferde, Kamele haben die Biologen bislang aus dem Teer der Asphaltgruben geborgen. Doch mit einem Mal ging vor rund 10.000 Jahren die gesamte Fauna unter. Ein Phänomen, das man so auch in Australien, in Südamerika und auf dem Eurasischen Riesenkontinent findet.

Projekt 23"Warum starben sie aus?" Blaire van Valkenburgh schmunzelt: "Das ist überall die Frage, nicht wahr?" Nordamerika verlor fast seine gesamten Großtiere. Bison, Puma und Luchs sowie ein paar Bärenarten, das ist alles was von der sogenannten Megafauna übrigblieb. "Die großen Raubtiere starben aus, weil ihnen offenbar die Beutetiere abhanden kamen", sagt Valkenburgh. Doch warum verschwanden die großen Pflanzenfresser? Eine gravierende Klimaänderung, die es nicht vorher schon gegeben hätte, läßt sich nicht feststellen. Nach jahrelangen Forschungen schält sich unter Experten eine neue Vorstellung heraus: "Das System befand sich in einem Gleichgewicht", so Valkenburgh, "eine große Zahl von Raubtieren kontrollierte die Zahl der Pflanzenfresser. Und dann kommt ein weiteres Raubtier dazu, ein äußerst ungewöhnliches, das nicht unbedingt auf Fleisch angewiesen ist: der Mensch." 

Die Zahl der Menschen, die über die trockengefallene Beringstraße einwanderten, war nicht hoch, doch sie reichte, um das sensible Gleichgewicht des Ökosystems zu stören: Die Konkurrenz unter den Fleischfressern intensivierte sich über das zuträgliche Maß hinaus, die Zahl der großen Pflanzenfresser fiel immer mehr, die Raubtiere verlegten sich mangels großer Beute auf kleinere Tiere… Valkenburgh: "Es gab so einen Kaskadeneffekt zu immer schlechteren Bedingungen hin, der Tausende von Jahren laufen kann, bevor das System zusammenbricht." Vermutlich haben dann auch die Klimaveränderungen das vorher so robuste Ökosystem geschädigt. Ähnlich scheint es auch auf den anderen Kontinenten abgelaufen zu sein, wo die Einwanderung der Menschen ein bestehendes Gleichgewicht so störte, dass das System komplett zusammenbrach. Nur das vielseitigste Großraubtier, der Mensch, überlebte.

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