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Ein Landkreis ertrinkt im Schlamm

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:20

Er spuckt und spuckt, ohne dass ein Ende abzusehen ist. Der Schlammvulkan Lusi entwickelt sich trotz seines für unsere Ohren niedlich klingenden Namens zum Alptraum des Landkreises Porong auf Java. Die harmlos klingende Bezeichnung ist die Abkürzung für Lumpur und Sidoarjo, dem indonesischen Wort für Schlamm und dem Namen der zuständigen Distriktshauptstadt. Seit dem 29. Mai 2006 ist Lusi mehr oder weniger aktiv. Alle Versuche, den Schlammstrom zu stoppen, scheiterten – und werden nach Expertenmeinung auch weiterhin scheitern. Denn möglicherweise wird der Schlammvulkan durch Erdbebentätigkeit im javanischen Untergrund kontrolliert. Wenn also das aktuelle Loch gestopft wird, könnte es an anderer Stelle reißen und das Land dort mit übelriechendem Schlamm überschwemmen.

Lusi im Dorf“Der Ausbruch begann fast zwei Tage nachdem ein größeres Erdbeben Yogyakarta erschüttert hatte”, erzählt der Geologe Adriano Mazzini von der Universität Oslo, „das Beben war von der Magnitude 6,3 und die Entfernung zwischen dem Epizentrum und dem Schlammvulkan beträgt nur 200 oder 250 Kilometer.“ Seither fließt der übelriechende Schlamm mal stärker mal schwächer und hat inzwischen zwölf Dörfer überschwemmt, 15.000 Menschen vertrieben, 25 Fabriken, viele Straßen, eine Eisenbahnlinie und eine wichtige Stromleitung zerstört. Adriano Mazzinis Spezialität sind Schlammvulkane und bei Lusi vermutet der Italiener einen direkten Zusammenhang mit der regen Erdbebentätigkeit im indonesischen Raum.

Der Zusammenhang zwischen Erdbeben und Schlammvulkantätigkeit galt bislang als eher unwahrscheinlich, wenn auch denkbar. Doch für Mazzini steht nach drei Reisen in das Vulkangebiet und permanenter Beobachtungen der schwankenden Schlammförderung fest: „Wenn die Erde bebt, selbst wenn sich das Epizentrum nicht in der Nähe des Vulkans befindet, bekommen wir trotzdem als Antwort ein Ansteigen des Ausstoßes. Danach sinkt die Förderrate wieder langsam ab, bis zum nächsten Beben. Es sieht nach einem sehr klaren Zusammenhang zwischen der seismischen Aktivität und der Produktionsrate des Vulkans aus.“ An einem anderen Schlammvulkan, dem aserbaidschanischen Dashgil, verfolgt der deutsche Strukturgeologe Professor Achim Kopf vom Forschungszentrum Ozeanränder der Universität Bremen mit Langzeitbeobachtungen ebenfalls diese Idee: „Wenn wir uns diese Zeitreihen anschauen, sieht man tatsächlich die direkte Korrelation zwischen diesen Druckschwankungen tief im Schlammvulkan und den Gasaustritten. Das heißt also, je mehr Spannung sich in der Erde entlädt, desto mehr Gas tritt auch tatsächlich aus.“

Schlammvulkane sind ein auf der Erde weitverbreitetes Phänomen, sowohl unter Wasser als auch an Land. Voraussetzung ist, dass Sedimente tief in die Erde hinabgelangen, die aus feinen Tonmineralen bestehen und häufig sowohl Wasser als auch organisches Material enthalten. Die Sedimente werden durch den Druck in der Erde eigentlich immer fester, manchmal aber geschieht  etwas anderes. „Da in der tiefen Erde zusätzlich Wasser aus Gesteinen und Sedimenten ausgepresst wird, und aus dem organischen Material Methangas oder höhere Kohlenwasserstoffgase entstehen, Salse di Niranowird dieser Schlamm wieder verflüssigt, er ist dann weniger dicht, also weniger schwer als das Umgebungsgestein und drängt nach oben“, erklärt Schlammvulkan-Experte Achim Kopf. Ein europäisches Beispiel sind die allerdings eher kleinen Salse di Nirano in der Nähe der Ferrari-Teststrecke im italienischen Maranello.



Auf Java gibt es nicht nur den seit 2006 sprudelnden Schlammvulkan Lusi. Gerade im Osten Javas, im Gebiet um die Großstadt Surabaya, gibt es zahlreiche davon, die allerdings mehr oder weniger unbeachtet vor sich hin sprudeln. „Das Becken dort ist für derartige Aktivität sehr günstig”, erklärt Mazzini. Alte Sedimente mit hohem Anteil an bakteriellem, pflanzlichem und tierischem Material sind dort schnell begraben worden. In ihnen entstehen Kohlenwasserstoffe wie Methan. Das Gas ist ein unentbehrliches Ingredienz für einen Schlammvulkan, ebenso wie Wasser, denn beides macht die Sedimente erst flüssig, damit sie ans Tageslicht sprudeln können. „Da ist es sehr leicht einen Schlammvulkan auszulösen“, meint Adriano Mazzini, „wir haben genau eine seismische Störung, die den Nordosten der Insel durchzieht und Lusi liegt genau auf dieser Störung.“ Und die ist nach Mazzinis Angaben durch Erdbeben aktiviert worden und seitdem aktiv. „Dafür haben wir viele Anzeichen“, so der Geologe.

Im Fall des indonesischen Lusi hat der Mensch aber wohl stärker die Finger im Spiel. Achim Kopf geht von einer „menschgemachten Naturkatastrophe“ aus, denn in nur 200 Meter Entfernung zum Förderschlot hatte die indonesische Erdgasfirma Lapindo Brantas eine Explorationsbohrung abgeteuft. Seither wogt der Streit, ob diese Bohrung das Schlammvorkommen angestochen hat. Es geht dabei auch um die Entschädigung der Tausenden von Opfern, deren Dörfer von den übelriechenden Fluten überschwemmt wurden. Die Erdgasfirma wurde inzwischen per Gesetz zu einer bescheidenen Entschädigung der zunächst Betroffenen gezwungen. Dörfer, die nach diesem Gesetz überflutet wurden, werden von der Regierung entschädigt.

Und es werden weitere Dörfer untergehen, bis der ganze Schlamm gefördert wurde, oder der Druck nachgelassen hat. „Wenn da eine große Tonlinse unter Druck steht, wird das so lange nach oben drücken, bis es wieder im Gleichgewicht ist. Man kann das relativ schwer eindämmen“, unterstreicht Achim Kopf. Alle bisherigen Versuche, Lusis Förderschlot zur verschließen, sind auch entsprechend gescheitert. „Ich würde nicht versuchen, den Vulkan zu stoppen“, rät Adriano Mazzini, „derzeit wissen wir, wo der Vulkan ist und können den Schlammfluss überwachen. Wenn wir das System jetzt verschließen, weiß man nie, wo sich der Überdruck als nächstes entlädt, man würde das Problem einfach nur verlagern.“

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