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Eine Kolonie wurde abgewickelt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.12.2016 11:15

Das Schicksal der Wikinger, die unter Erik dem Roten Grönland entdeckten, ist eines der großen Rätsel der nordischen Geschichte. Bislang wird es als eine Tragödie interpretiert, an deren Ende die letzten Siedler in einer lebensfeindlichen Umwelt wahlweise von Inuit erschlagen oder an Hunger oder Krankheiten zugrunde gingen. Neueste Erkenntnisse aus Archäologie und Naturwissenschaften deuten jedoch auf eine andere Geschichte hin: auf eine Kolonie, der die wirtschaftliche Grundlage abhanden kam.

Eisberge in Isfjord Illulissat, SW-Grönland. Seit 1990 hat der Eisverlust Grönlands stetig zugenommen. (Bild: J. Bamber, University of Bristol)Als Hans Egede, der Apostel der Grönländer, am 3. Juli 1721 im Godthabsfjord im Westen Grönlands landete und dort die erste dänische Kolonie gründete, war er beileibe nicht der erste Europäer, der die Insel im Nordatlantik besuchte. Rund 750 Jahre zuvor hatten sich Wikinger unter Führung Erik des Roten von Island aus nach Westen aufgemacht und in Grönland Niederlassungen gegründet. 1124 erhielten die Siedler sogar ihr eigenes Bistum mit Sitz im südlich gelegenen Gardar. Egede wollte die Spur dieser Kolonisten aufnehmen, denn diese hatte sich im 15. Jahrhundert verloren.

"Warum sind sie abgezogen, haben ihre jahrhundertealten Siedlungen verlassen und sind letztendlich verschwunden", fasst Karin Margarita Frei vom Dänischen Nationalmuseum in Frederiksberg das Mysterium zusammen, mit dem Egede 1721 den dänischen König Frederik IV. von der Expedition überzeugte und das auch heute nicht gelöst ist. Bis vor kurzem galt die Besiedlung Grönlands noch als ein tragisches Kapitel, das mit großem Wagemut begann und im Elend endete. "Es wurde als Tragödie eingestuft", erklärt Poul Holm, Professor am Trinity College in Dublin, "als die Geschichte einer Zivilisation, die sich nicht an ihre Umwelt anpassen konnte und deshalb ausgelöscht wurde."

Kein tragisches Ende der Kolonie


Die Kirche in Hvalsey gehört zu den Hinterlassenschaften der Wikinger-Siedler. (Bild: Wikimedia/CC-BY-1.0)Nach dieser Einschätzung hätten die Norse, wie die Wikinger auch genannt wurden, ihre Wirtschaftsweise aus Skandinavien nach Grönland transplantiert und am Fuß der Gletscher Ackerbau und Milchviehwirtschaft betrieben. Das ging während des früh- und hochmittelalterlichen Klimaoptimums gut und die Siedlungen in Grönlands Westen und Süden blühten und gediehen. Auf ihrem Höhepunkt zählte die Kolonie Hunderte von Höfen und mehr als 3000 Siedler. Doch dann kam die spätmittelalterliche "kleine" Eiszeit und die Erfolgsaussichten für Ackerbau und Viehzucht im Vorfeld der expandierenden Gletscher schrumpften gegen Null.  "Die Vorstellung war, dass die letzten Norse fatalistisch auf ihr unausweichliches Schicksal gewartet hätten und schließlich durch Krankheiten geschwächt ein leichtes Opfer von Inuit-Invasoren geworden seien", sagt Holm, "doch diese Geschichte ist Unfug."

Tatsächlich schält sich infolge der intensiven Ausgrabungen in den vergangenen Jahrzehnten eine andere Geschichte heraus. Sie endet zwar gleichermaßen mit der Aufgabe der Kolonie, doch war das gewissermaßen eine ökonomische Entscheidung, so wie ein Unternehmen sich aus einem unprofitablen Markt zurückzieht. "Hier spielt der Handel mit Walrosselfenbein eine Rolle", erklärt Karin Frei. Die Stoßzähne dieser gewaltigen Robben waren im mittelalterlichen Nord- und Mitteleuropa der Ersatz für das Elefanten-Elfenbein, das nicht mehr problemlos über das Mittelmeer gehandelt wurde. "Es war eine extrem wertvolle Ware und manche glauben, dass die Norse seinetwegen nach Grönland gegangen sind", so Frei.

Elfenbeinhandel war entscheidend


Die Raubzüge der Wikinger im Frühmittelalter. (Bild: Wikimedia/CC-BY-3.0)Am Handel mit diesem Elfenbein soll sich dann das Schicksal der Grönlandkolonien entschieden haben, denn der Elfenbeinpreis geriet heftig unter Druck. Neue Liefergebiete in der heute russischen Arktis und der sich erholende Handel über das Mittelmeer machten dem Grönlandelfenbein schwer zu schaffen. Hinzu kam, dass die Schifffahrt zwischen Grönland sowie Island und dem Rest Europas gefährlicher wurde, denn die Vorboten der Kleinen Eiszeit sorgten für mehr und stärkere Stürme. "Vielleicht waren die Menschen deswegen nicht mehr so sehr an Grönland interessiert und zogen einfach ab", meint Karin Frei. Offenbar haben sie das sehr planvoll gemacht. Erst wurden die kleinen Höfe aufgegeben, die Einwohner konzentrierten sich in den großen Gütern wie dem Bischofssitz Gardar und nahmen mit, was brauchbar war. Am Ende wurden auch die letzten großen Gehöfte geräumt, der letzte Hausrat auf die Schiffe verladen, die dann Richtung Osten absegelten.

Karin Frei arbeitet an einem interdisziplinären Projekt mit, das die Geschichte der Wikingerkolonien in Grönland mit archäologischen, historischen und naturwissenschaftlichen Methoden enträtseln will. Den zahlreichen Theorien über das Schicksal der Grönländer soll damit ein Faktenfundament eingezogen werden. "Wenn wir nur Theorien und keine Fakten haben, dann haben wir im Prinzip nichts", betont die dänische Wissenschaftlerin, „weil wir die Vorstellungen nicht überprüfen können.“ Frei und ihre Kollegen haben daher eine auf stabilen Bleiisotopen basierende Analysemethode entwickelt, mit der sie die Herkunft des Elfenbeins bestimmen und so die Theorie von der Handelsabhängigkeit der Grönländer testen können. "Walrösser ernähren sich von Muscheln und sind selbst ziemlich ortsgebunden", erklärt die dänische Geochemikerin, "die Geologie der Umgebung sollte sich also über ihre Nahrung auch in ihrem Körper widerspiegeln."

Stabile Isotope helfen


Der Fjord von Herjolfnes in Grönland, an dem die Wikinger-Siedler wohnten. (Bild: Wikimedia/David Stanley/CC-BY-2.0)Die Wissenschaftler des Projektes wollen in den europäischen Museen Proben von den Kunstwerken aus Walross-Elfenbein nehmen und den Ursprung des Materials bestimmen. "So können wir die Handelswege nachzeichnen und den Handel selbst quantifizieren", so Karin Frei. Bis es soweit ist, haben die Forscher allerdings noch einen weiten Weg vor sich. Als erstes müssen sie die Bleiisotopenverteilung in den Hauptherkunftsgebieten von Walrosselfenbein kartieren. Neben Grönland sind dies Island und das Weiße Meer im Norden Russlands. "Wir brauchen diese Basiskarten als Vergleich für die Proben. Nur damit können wir die Museen vom Nutzen unserer Methode überzeugen", so Frei. Schon die Datenerhebung in den stürmischen Gewässern des Nordatlantiks und des Weißen Meeres dürfte eine Herausforderung werden, doch ebenso schwierig könnte es werden, die Museen zur Herausgabe der Proben zu bewegen. "Es ist eine Untersuchungsmethode, bei der wir das Probenmaterial zerstören, und das stammt schließlich von Kunstwerken mit erheblichem künstlerischen und historischen Wert", weiß die Geochemikerin aus Kopenhagen. Doch würde man nur wenige Mikrogramm Material pro Probe benötigen.

Dennoch sehen Historiker in solchen naturwissenschaftlichen Methoden ein entscheidendes Instrument bei der Aufklärung der nordischen Geschichte. So haben die Wissenschaftler die Strontium-Isotope in Knochen aus den Siedlungen analysiert und herausgefunden, dass die Wikinger-Siedler im Lauf der Jahrhunderte zunehmend ihre Ernährung umstellten, weg von Rindern, Schafen und Ziegen und hin zu Seehunden und Walen. "Sie haben sich also durchaus angepasst, als die Zeiten schlechter wurden", kommentiert Poul Holm. Die Methoden arbeiten mit Knochen, den nach Steinen und Metall dauerhaftesten archäologischen Überresten. Die meisten anderen organischen Materialien zerfallen dagegen in rasendem Tempo. "Bislang wurden sie vom Permafrost konserviert", erklärt Poul Holm, "doch der taut jetzt und alles organische Material zerfällt, ohne dass wir etwas tun können." Im westlichen Siedlungsgebiet ist nur noch in drei von insgesamt 90 Fundstätten organisches Material vorhanden, das auswertbar wäre. Für die Archäologen tickt demnach vernehmbar die Uhr.