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Einsame Rekordhalter

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.10.2008 08:43

Raubtiere so hoch wie ein Einfamilienhaus, Pflanzenfresser, die die Geranien aus dem sechsten Stock hätten abfressen können und das Gewicht eines Passagierjets erreichten. Mit solchen Rekorden können an Land nur die Dinosaurier aufwarten, kein Landsäugetier ist jemals in diese Dimensionen hineingewachsen. Warum den Riesenechsen gelang, was kein Tier sonst selbst unter optimalen Bedingungen schaffte, ist Gegenstand eines ganzen Forschungsfeldes. In „Science“ fassen zwei Paläontologen den derzeitigen Kenntnisstand in Sachen Saurierriesenwuchs zusammen.

Über 100 Millionen Jahre beherrschten die Dinosaurier unangefochten die Erde und brachten dabei eine schier unvorstellbare Vielfalt an Formen hervor. Winzige, wohl gefiederte Echsen schwirrten wie Vögel durch das Unterholz, während anderswo 80-Tonnen-Giganten wie Argentinosaurus einherstapften. Brachiosaurier erreichten mit ihren winzigkleinen Köpfen die höchsten Baumwipfel in schwindelerregenden 17 Metern Höhe. Sie setzten sowohl in Sachen Körpermaße als auch bei der Länge ihrer Herrschaft Maßstäbe, die die Säugetiere, ganz zu schweigen vom Menschen, noch lange nicht erreicht haben. Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstütztes Projekt unter Leitung des Bonner Saurierexperten Martin Sander untersucht die Gründe für das erstaunliche Größenwachstum.

Bei der Herrschaftsdauer mögen die Säuger, wenn sie weitere 40 Millionen Jahre überdauern, noch eine Chance haben. In Sachen Körperdimensionen ist das Rennen gelaufen, denn Säugetiere können aus biologischen Gründen gar nicht so groß werden. Eine Kombination aus altmodischen und sehr modernen Eigenschaften verhalf den Sauriern zu ihren Dimensionen.

Die Höhe der Brachiosaurier etwa kann ein Säuger niemals erreichen, weil sein Kopf zu schwer ist. Das liegt weniger am Gehirnvolumen, sondern am ausgeprägten Kauapparat. Säugetiere kauen ihre Pflanzennahrung und bereiten sie so für den Magen vor. Diese „Neuentwicklung“ ist sinnvoll, wenn man die Nahrung bestmöglich ausnutzen will, beschränkt aber das Größenwachstum, weil das Kauen einerseits starke Muskeln und andererseits massive Knochen, an denen diese verankert sind. verlangt. Dinosaurier dagegen schlangen einfach alles, was sie erfassen konnten, ungekaut herunter und überließen die Verarbeitung komplett dem Verdauungssystem. Dank ihrer Körpergröße war Platz genug für endlose Därme, in denen Blätter und Zweige lang genug verdaut werden konnten.

Mit ihrer wiederum wesentlich moderneren Lunge als wir Säugetiere sie besitzen, schafften die Riesensaurier dagegen genug Sauerstoff für ihre gewaltigen Körper und die extrem hochsitzenden Köpfe heran. Sie hatten Luftsäcke in den Halswirbeln und vermutlich in vielen Körperknochen und -höhlen, die die Lungen beim Ein- und Auspumpen der Luft unterstützten. Die Luftsäcke halfen auch beim Wärmehaushalt. Die vergleichsweise schlechte Ableitung der Körperwärme beschränkt Säugetiere in ihrer Größe. Wären Landtiere wesentlich massiger als die heutigen afrikanischen Elefanten, würden sie an Hitzschlag sterben, denn sie können die Wärme, die ihr Stoffwechsel produziert, gar nicht schnell genug abführen. Die Riesensaurier dagegen konnten mit ihrem Luftsacksystem große Mengen Körperhitze sehr schnell mit der Atemluft abgeben.

Daneben hatten die Echsen offenbar noch eine Erfindung gemacht, die sie den Säugetieren voraus hatten. Ihre Stoffwechselrate verlangsamte sich im Laufe des Dinosaurierlebens. So konnten sie in der Kinder- und Jugendzeit ähnlich rasant wachsen wie die Säugetiere, ohne im ausgewachsenen Alter ihren gewaltigen Körper mit gigantischem Nährstoffbedarf und kolossaler Wärmeproduktion unterhalten zu müssen. Für diese veränderte Stoffwechselrate gibt es keinerlei Hinweis in den Fossilien und auch keine Entsprechung im derzeitigen Tierreich. „Doch das“, so Projektleiter Professor Martin Sander vom Steinmann-Institut der Universität Bonn, „wäre die einfachste Erklärung.“

Die wieder vergleichsweise primitive Fortpflanzungsmethode durch das Legen zahlreicher Eier stellte einen weiteren Überlebensvorteil dar. Die Riesensaurier waren sicher nie besonders zahlreich, das verhinderte schon der enorme Nahrungsbedarf jedes einzelnen Tieres. Mit geringer Bevölkerungsdichte steigt jedoch das Risiko der Art, zufällig, etwa durch eine Naturkatastrophe, drastisch dezimiert oder sogar ausgelöscht zu werden. „Das ist ein wichtiger Grund für den langen, bisher ungebrochenen Überlebensrekord des Modells Dinosaurier“, erklärt Marcus Clauss, Privatdozent an der Klinik für Zoo- Heim- und Wildtiere der Universität Zürich. Die zahlreichen Eier, die die Saurier legten, waren da eine Art Lebensversicherung für die gesamte Spezies. Im Normalfall jedoch waren die Gelege und auch die meisten Nachwuchssaurier ein gefundenes Fressen für die verschiedensten Raubsaurier. Die Menge an Eiern und Nachwuchs könnte deshalb nach Ansicht der Paläontologen wiederum geradezu ein Grund für die riesigen Tyrannosaurier oder Allosaurier gewesen sein, die ebenfalls wohl für alle Zeiten die Größenrekorde unter Raubtieren halten werden.