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Einzelfallbetrachtung ist gefragt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.01.2012 12:41

Mit dem Abklingen der jüngsten Eiszeit starben auf der Nordhalbkugel viele Großtierarten aus. Wollhaarnashorn, Riesenhirsch und Riesenfaultier, nordamerikanisches Pferd, Moschusochse und Bison, Mammut, Mastodon und Eiszeittapire verschwanden komplett von der Landkarte oder wurden auf winzige Bereiche ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets zusammengedrängt. In ihrem Gefolge starben dann auch die Fleischfresser wie Höhlenbär, Säbelzahntiger oder der große amerikanische Wolf. Heftig diskutiert wurde bislang darüber, was für diese einschneidende Veränderung verantwortlich war. Ein Bericht in "Nature" über sechs exemplarische Tierarten zeigt, dass es ein einheitliches Bild nicht geben wird.

Im Gletschervorfeld lebten am Ende der jüngsten Eiszeit viele Großtierarten (© Nature/Yukon Government).Für die Eiszeitforschung ist das Aussterben von drei Vierteln der nordamerikanischen und gut der Hälfte der eurasischen Großsäuger ein interessantes Phänomen, denn die Kontinente verloren dadurch einen Artenreichtum, der es durchaus mit dem des heutigen Afrikas aufnehmen konnte. Da sich gleichzeitig auch die modernen Menschen in die Gebiete ausbreiteten, die die Gletscher räumten, ergab sich eine suggestive Kontroverse mit Potential zur Schwarz-Weiß-Malerei: Wer war Schuld am Untergang der Megafauna? Erlagen sie den Widrigkeiten von Klima und Umwelt oder wurden sie von den Menschen ausgerottet? Zusätzlichen Dampf erhielt die Diskussion durch die Vorgänge auf dem australischen Kontinent. Dort starb die Megafauna vor rund 46.000 Jahren aus, was ebenfalls auffällig mit der Ankunft der Menschen zusammentraf.

Doch in das Holzschnitt-Bild mischen sich immer mehr Grautöne. Je mehr man versucht, die einzelnen Bausteine des großen Bildes genauer zu erforschen, desto komplexer wird das Geschehen. Eine Arbeitsgruppe um den dänischen Evolutionsbiologen Eske Willerslev vom  Naturkundemuseum in Kopenhagen hat jetzt bei sechs exemplarischen Großtierarten den Einfluss von Klima beziehungsweise Mensch auf das weitere Schicksal der Arten untersucht. "Unsere Forschung sollte den Theorien ein Ende setzen, die eine einzelne Ursache für das Aussterben der Eiszeit-Megafauna propagieren", resümierte Willerslev. 

Szene aus einer pleistozänen Landschaft der Nordhalbkugel (© Nature/Mauricio Anton).Denn schon diese sechs Arten ergeben kein einheitliches Bild: Nur bei Bison und Pferd ist ein eindeutig überwiegender Einfluss des Menschen festzustellen, beim Wollhaarnashorn dagegen war es offenbar nahezu ausschließlich das sich ändernde Klima, das die Tierart ins Aus beförderte. "Die Physiologie des Moschusochsen macht sie ebenfalls sehr sensibel für klimatische Veränderungen", schreiben Willerslev und seine Kollegen in ihrem Aufsatz für "Nature". Moschusochsen vertragen keine hohen Temperaturen, wärmere Sommer als 10 Grad sind für sie nicht möglich, weshalb sie inzwischen auf die nördlichsten Gebiete beschränkt sind. Beim Mammut dagegen sind die Informationen nicht eindeutig, und die sechste Tierart, das Rentier, hat sich am besten von allen geschlagen und kommt auch heute noch, inmitten einer ausgedehnten Warmzeit und bei größerem Raumbedarf des Menschen, im gesamten Polarkreis in großen Herden vor. 

Noch nicht einmal auf einzelne Kontinente beschränkt lassen sich tierartübergreifende Trends ausmachen. Das Wollhaarnashorn konnte bis zum Schluss seinen weitgespannten Lebensraum aufrechterhalten und verschwand dann relativ abrupt vor 14.000 Jahren überall. Das Mammut dagegen zog sich in immer stärker isolierte Rückzugsräume zurück, in denen immer weniger Tiere überleben konnten. Erst vor 4000 Jahren starben die letzten der Riesenelefanten auf der heute russischen Wrangel-Insel aus. "Es gibt keinen Zweifel, dass man das Aussterben einer Tierart immer im Einzelfall betrachten muss", erklärt Willerslev, "manchmal sogar bis hinunter zu den regionalen Populationen." Einen Alleinschuldigen für das eiszeitliche Massenaussterben wird man vermutlich nicht finden.