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Eisige Fernwirkung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.06.2013 09:42

Große Vulkanausbrüche können das Klima stark beeinflussen, zumindest für einige Jahre. Der Fall des Pinatubo-Ausbruchs von 1991 zeigt es, denn er ließ die globale Mitteltemperatur in den Folgejahren um 0,5 Grad sinken. Ein internationales Forscherteam hat jetzt für einen Zeitraum von über 1200 Jahren Wetterinformationen aus irischen Chroniken mit den Informationen aus dem grönländischen GISP2-Eisbohrkern korreliert und auffällige Abhängigkeiten festgestellt. Die Studie wurde in den "Environmental Research Letters" veröffentlicht.

Barocke Winterszene aus London. (© University of Colorado/Gifford Miller)"Ungewöhnlich viel Eis und viel Schnee von Epiphanias bis Aschermittwoch, zugefrorene Flüsse und Seen", berichten die Annala Uladh, eine mittelalterliche Chronik aus der nordirischen Provinz Ulster, über das Jahr 818. Auffällig erhöhte Gehalte an Sulfatpartikeln  fanden heutige Polarforscher in einem Abschnitt des grönländischen GISP2-Eisbohrkerns, der auf den Beginn des 9. Jahrhunderts datiert wird. Hohe Gehalte von Sulfatpartikeln in der Atmosphäre werden als Indizien für große Vulkanausbrüche gewertet. Offenbar gab es einen Zusammenhang zwischen der in grönländischen Eis dokumentierten Eruption und dem in der irischen Chronik für das Jahr 818 verzeichneten strengen Winter. Eine internationale Arbeitsgruppe um den Harvard-Klimatologen Francis Ludlow hat sich durch die ungewöhnlich umfangreiche Überlieferung der irischen Chroniken gewühlt und sie auf Extremwetter-Informationen durchforstet, die man mit dem grönländischen Eisbohrkern vergleichen kann. "Unser Hauptergebnis ist, dass explosive Vulkaneruptionen einen großen Einfluß auf die Schlechtwetterereignissen haben, die sich in der langen irischen Geschichte immer wieder ereignet haben", so Ludlow. Der GISP2-Kern wurde an der höchsten Stelle des grönländischen Eisschildes gewonnen und bietet sehr detaillierte Klimainformation für die vergangenen 110.000 Jahre. In den jüngeren Schichten gibt es sie in Jahresintervallen.

Die irischen Chroniken wiederum decken einen Zeitraum von mehr als 1200 Jahren ab. Ihre Berichte beginnen mit dem Jahr 431, in dem der irische Nationalheilige Patrick als erster christlicher Bischof irischen Boden betreten haben soll und enden nach und nach im 17. Jahrhundert als sich die englische Herrschaft über Irland fest etablierte. "Ihr klimabezogener Inhalt ist von größter Bedeutung, weil die irischen Chroniken sowohl die mittelalterliche Klimaanomalie zwischen dem 10. und dem 14. Jahrhundert als auch die anschließende 'Kleine Eiszeit' in ihrem ersten Teil abdecken", schreiben Ludlow und seine Kollegen in den "Environmental Research Letters". Die Forscher werteten rund 40.000 Einträge in Latein, Gälisch oder Englisch aus und prüften die chronologische Zuverlässigkeit der Aufzeichnungen mit Hilfe von astronomischen Ereignissen, die von den Chronisten ebenfalls regelmäßig notiert wurden.

Für die insgesamt 1218 Jahre finden sich in dem Eisbohrkern Spuren von insgesamt 48 explosiven Vulkanausbrüchen, 38 davon können mit insgesamt 37 überlieferten Extremwetterperioden auf der irischen Insel in Verbindung gebracht werden. Der strenge Winter von 818 zählt ebenso dazu wie ein offenbar noch härterer im Jahr 1114/15, der in der westirischen Chronik von Loch Cé mit Frost und Schnee zwischen Dezember und März verzeichnet wurde und der offenbar große Opfer unter Menschen, Vieh und Geflügel forderte. Für die folgende Zeit verzeichnet die Chronik "große Not in ganz Irland und vor allem in der (ostirischen) Grafschaft Leinster".

Der Pinatubo am 12. Juni 1991, drei Tage vor dem Höhepunkt der Eruptionen. (Bild: D. Harlow, Wikimedia Commons)Dass Vulkane für ein paar Jahre große Wirkung auf das Klima entfalten können, hat zuletzt der Ausbruch des Pinatubo 1991 gezeigt, in dessen Gefolge die globale Mitteltemperatur um ein halbes Grad fiel. Auch der schwere Ausbruch des indonesischen Tambora 1815 zählt zu den bekannten Fällen, in dessen Folge Europa die letzte schwere Hungersnot erlitt. Für frühere Zeiten gibt es nur wenige derartige Korrelationen, da die Überlieferungen sowohl für Vulkanausbrüche als auch für Schlechtwetterperioden häufig nicht besonders gut sind. "Auch die irischen Chroniken sind bislang eher anekdotisch als systematisch genutzt worden", sagt Francis Ludlow. Nur die wenigsten der 48 in denn Bohrkernen gefundenen Ausbrüche hat man bislang konkret einem Vulkan zuordnen können, eine Ausnahme ist der Huaynaputina in Peru, der 1600 aktiv wurde und in Irland extrem kalte Winter verursachte. Der Huaynaputina ist auch insofern eine Ausnahme, als er ein Vulkan der niedrigen Breiten ist, der Winterkälte nach Irland brachte. Bislang ging man immer davon aus, dass tropische Vulkanausbrüche in den gemäßigten Klimazonen zwar zu erheblich kühleren Sommern führen, die Winter dafür jedoch eher anwärmen. "Dass tropische Eruptionen die irischen Winter durchaus auch abkühlen unterstreicht die Komplexität der Beziehungen zwischen Vulkanen und dem Klima", betont Ludlow, "die wir offenbar noch nicht vollkommen verstanden haben."